Blau Gefärbtes zwischen Erfurt, Genua und Japan

Krämpfervorstadt  Ein begleitender Workshop zur Sonderausstellung „Blau & Blaues“ im Thüringer Volkskundemuseum versammelte Liebhaber von Naturfarben an einem Tisch.

Von Glas und Keramik über einen Fuhrmannskittel und ein FDJ-Hemd bis zum Himmelsblau reichen die Exponate der Ausstellung „Blau + Blaues“. Es ist die letzte, die Museumsleiterin Marina Moritz vor ihrem Abschied in den Ruhestand erarbeitete. Foto:

Von Glas und Keramik über einen Fuhrmannskittel und ein FDJ-Hemd bis zum Himmelsblau reichen die Exponate der Ausstellung „Blau + Blaues“. Es ist die letzte, die Museumsleiterin Marina Moritz vor ihrem Abschied in den Ruhestand erarbeitete. Foto:

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Ein Schal aus weißem Baumwoll-Batist sowie ein kleiner Bilderrahmen lagen auf den Arbeitsplätzen im Innenhof des Thüringer Volkskundemuseums. Doch zunächst bat Rosanna Minelli die Liebhaber von Naturfarben an den gemeinsamen Tisch.

Die ursprünglich aus Genua stammende Restauratorin, Färberin und Inhaberin der Waidmanufaktur „Erfurter Blau“ auf der Krämerbrücke lud zu einem begleitenden Workshop der derzeitigen Sonderausstellung „Blau & Blaues. Farbbetrachtungen der besonderen Art“ ein, um die Gäste zunächst auf eine kleine textile Weltreise zu führen. Ebenso wie in Erfurt, im Mittelalter reich geworden durch die Waidpflanze, spielte der Blaudruck in ihrer Geburtsstadt eine große Rolle, ließ sie die Zuhörer wissen. Rosanna Minelli zeigte das zugehörige Werkzeug, die Druck-Modeln, die anfangs aus Holz, später aus Messing gefertigt wurden. Durch Aussparen, Abbinden oder Zusammenklemmen des Ausgangsstoffes und das mehrfache Einlegen in den Färbe-Sud entstehen raffinierte Muster, die bereits vor 5000 Jahren in Indien mit Indigo erzielt wurden.

„Shibori“ hingegen nennt sich ein Färbe-Stil aus Japan, bei dem geometrische Objekte eine Harmonie mit pflanzlichen Elementen eingehen. Anders als beim hierzulande praktizierten Batiken in der Abbinde-Technik stamme der Begriff Batik eigentlich aus Indonesien, wo durch mehrfaches Auftragen von Wachs und anschließendem mehrfachen Färben volkstümliche Werke entstanden.

Der jüngste Workshop – einen weiteren gibt es am 17. Juli, für den noch Plätze frei sind – reiht sich ein in ein Begleitprogramm zur Sonderausstellung „Blau & Blaues“, die Marina Moritz erarbeitete. Es ist das letzt große Vorhaben der Direktorin des Thüringer Volkskundemuseums, bevor sie sich nach gut einem Vierteljahrhundert Ende Oktober in den Ruhestand verabschiedet.

Die Exposition läuft allerdings weit darüber hinaus; bis zum 8. März 2020. Zuvor bereitet sich die Volkskundlerin sozusagen selbst ein Abschiedsgeschenk, indem sie ein Buch über „Blau & Blaues“ verfasst, das im September vorliegen soll. Darin reflektiert sie die zwölf Themen der Ausstellung zwischen Marineblau und Südsee, Blue Jeans und blauer Schürze.

Ob das Himmelsblau mit Verweis auf Juri Gagarins Sicht auf den „blauen Planeten“, nicht zufällig verbunden mit dem Standort des Museums am Juri-Gagarin-Ring, das Anerkennen des Blaudrucks als Unesco-Weltkulturerbe, das tiefe Blau des Europa-Symbols oder das Blaugrün des Meeres mit Anspielungen auf Schwimmen und Bademode – all das soll sich im geplanten Werk widerspiegeln.

Wie in mehrfachen Veröffentlichungen zu den von Marina Moritz kreierten Sonderausstellungen üblich, nimmt sie sich vor, große gesellschaftliche Zusammenhänge knapp auf den Punkt zu bringen und den Leser geschickt durch das Anliegen der Exposition zu geleiten. Soziale, kulturhistorische und politische Bezüge eingeschlossen. Es sei schon ein seltsames Gefühl, dieses „letzte Mal“ für jeden Handgriff, jede Entscheidung, jede Amtshandlung zu erleben, sinnt die 65-Jährige nach. Mit ihr beendeten derzeit ja viele Menschen, Freunde und Wegbegleiter ihrer Generation das Berufsleben. „Lebenswerk“ klinge ihr allerdings zu pathetisch, um diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen.

Es sei einfach an der Zeit, der neuen Generation den ihr zustehen Platz einzuräumen. Sie gehe ohne Bitternis, ohne Groll, greift sie dem unvermeidlichen Abschied voraus, auch wenn viele lang gehegte Wünsche offen blieben. Sei es ein Fahrstuhl für Ältere oder Menschen mit Handicap, seien es die Stelle für die Museumspädagogik, die brachliegenden Pläne für das denkmalgeschützte Pfründnerhaus im Innenhof oder die Nutzung der historischen Hospitalkirche als bis dato unterschätztes touristisches Pfand, ganz zu schweigen von der Regelung der Nachfolge. Zumindest gehe sie davon aus, dass Kuratorin Andrea Steiner-Sohn ihr Amt zunächst kommissarisch weiter führen dürfe. Zwei große Jubiläen, das 50-, und das 60-jährige Bestehen des Thüringer Volkskundemuseums, habe sie mitgestalten dürfen, die zu Anziehungspunkten für Erfurter, Menschen aus Thüringen und der ganzen Welt wurden, blickt Marina Moritz zurück, wobei sie jederzeit auf Verbündete traf.

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