Bürger kritisieren „Monster-Windrad“ am Rand von Erfurt

Töttleben.  Die Töttlebener haben nichts gegen Windräder. Aber sie fühlen sich schlecht informiert. Und muss es denn gleich ein 240-Meter-Koloss sein?

Auf dem Kleinen Katzenberg in Töttleben soll ein Windrad gebaut werden – zweieinhalb mal so hoch wie die Anlagen auf dem Großen Katzenberg (links).

Auf dem Kleinen Katzenberg in Töttleben soll ein Windrad gebaut werden – zweieinhalb mal so hoch wie die Anlagen auf dem Großen Katzenberg (links).

Foto: Holger Wetzel

Die Töttlebener verstehen die Welt nicht mehr. Das größte Windrad Mittelthüringens soll ihnen vor die Nase gesetzt werden, und was legt das Erfurter Umweltamt als Ausgleich fest? Bachufer-Aufhübschungen in Udestedt und Großmölsen, außerhalb der Stadtgrenze. „Das ist eine Frechheit“, schimpft der Ortsteilbürgermeister Ehrhardt Henkel.

Die Ausgleichsmaßnahmen völlig abseits der Töttlebener Wahrnehmung sind nicht der einzige Aufreger im Ort, wenn es um das Windrad geht. Die Bürger können es sich nicht erklären, warum bei der Erstellung des Wind-Kapitels im jüngsten Regionalplan ausgerechnet für den Kleinen Katzenberg die Höhenbegrenzung wegfiel. Sie haben aus dem Amtsblatt von der Genehmigung erfahren, berichtet Markus Krex. Wiederholte Fragen an den Oberbürgermeister seien unbeantwortet geblieben.

Niemand hat den Bürgern bisher erklärt, warum das Umweltamt mit Verweis auf die Priorisierung der Windenergie das gemeindliche Einvernehmen der Stadt einfach so ersetzen durfte. Selbst das Stadtplanungsamt habe schließlich das „Monster-Windrad“ abgelehnt. „Wir fühlen uns von der Politik allein gelassen“, meint auch Kerstin Fleissner.

„Egal, wo man im Ort ist: Man sieht es immer“

Monster-Windrad – so nennt Markus Krex die 240 Meter hohe Konstruktion aus 80 Meter langen Flügeln, die sich in 160 Meter Höhe um eine Nabe drehen. „Das Windrad wird knapp drei Mal so hoch wie der Erfurter Dom und erreicht das Format des Eiffelturmes“, sagt Krex, wobei er die Höhe des Katzenberges mit eingerechnet hat. Nur, dass am Eiffelturm kein Rotor hängt, der außen mit knapp 300 Stundenkilometer durch die Luft pfeifen kann. „Egel, wo man im Ort ist: Man sieht es immer“, meint Krex.

Dass zur Energiewende auch Windräder nötig sind, zweifeln die Bürger nicht an. Zwei oder drei der 99-Meter-Bauten, von denen 16 schon auf dem benachbarten Großen Katzenberg stehen, hätten die Einwohner des kleinen Ortes im Erfurter Osten sicher toleriert. „Aber das hier wird zweieinhalb Mal so groß“, sagt Krex.

Neben dem scharfen Einschnitt in das Landschaftsbild fürchten die Töttlebener den Lärm der Rotoren. Denn mit drei Hochspannungsleitungen, der nahen ICE-Strecke, dem Durchgangsverkehr und dem Umspannwerk in Vieselbach sei der Ort schon stark mit Lärm belastet. „Das Problem ist, dass alles immer nur für sich und nie in der Gesamtheit betrachtet wird“, findet Bürgermeister Henkel.

Vier Fledermausarten gelten als kollisionsgefährdet

Die größten Sorgen machen sich die Töttlebener um die Tierwelt. Neun Fledermausarten wurden festgestellt, von denen vier Arten als „kollisionsgefährdet“ gelten. 23 Horste vom Rotmilan und 28 Horste vom Mäusebussard sind im Umkreis von drei Kilometern bekannt.

Auch Eulen leben am Katzenberg, sagt Dieter Weidemann, der sich als Jäger dort bestens auskennt. Dass die in der Genehmigung festgesetzten Abschaltzeiten die Todesgefahr für die seltenen Tiere ausschalten, wenn das Windrad wie geplant im November in Betrieb geht, glauben die Töttlebener nicht.

Sie bezweifeln auch, dass die Anwohnerstraße die Last der Transporte aushält, wenn ab September das Fundament gebaut wird. Dafür sei die Straße nicht ausgelegt. Der Feldweg den Berg hinauf ist bereits geschottert, eine Brücke verstärkt.

Und dann hat Dieter Weidemann noch eine seltsame Beobachtung gemacht: Die städtische Streuobstwiese neben dem Windrad-Standort, die als Habitat von Rebhühnern und anderen Rote-Liste-Arten ein geschütztes Biotop ist, wurde Mitte Juni gemäht. „Ohne Sinn und Verstand“, meint Ehrhardt Henkel. Denn laut Gesetz darf die Mahd erst ab dem 15. Juli erfolgen.

Warum wurde die Streuobstwiese so früh im Jahr gemäht?

Seit zwei Wochen wartet Henkel auf Antworten vom Umweltamt. So lange sie nicht eintreffen, hegen die Bürger wohl weiter den Verdacht, dass die Mahd etwas mit möglichen Hamsterpopulationen zu tun gehabt haben könnte. Denn ein Hamstervorkommen könnte das Windrad-Projekt noch bremsen.

Klagen wollen die Bürger nicht. Denn da die nächste Bebauung 1,6 Kilometer vom Standort entfernt ist, was zumindest der Thüringer Gesetzgebung entspricht, gelten sie offiziell nicht als belastet. Das Klagerisiko sei daher zu hoch.

Da, wo die Bürger bisher nicht weiter kamen mit ihren Fragen, will nun die Erfurter CDU-Fraktion nachhaken. Mit einem Stadtrats-Antrag soll die Verwaltung beauftragt werden, die Bürger über das Vorhaben und das Windvorranggebiet zu informieren, Ausgleichsmaßnahmen in der richtigen Gemarkung vorzunehmen und bei künftigen Vorhaben Ortsteilräte und Ausschüsse zu beteiligen.