Ausufernde Feierwut im Venedig in Erfurt: Bürgerinitiative macht mobil

Erfurt.  Vor allem am Wochenende verwandelt sich das Venedig in Erfurt zum Hotspot für Feiernde. Lärm und Dreck des Partyvolks bringen Anwohner dazu, sich zu organisieren.

Der Vorstand der Bürgerinitiative Anwohner Venedig Erfurt (AVE).

Der Vorstand der Bürgerinitiative Anwohner Venedig Erfurt (AVE).

Foto: BI AVE

Irgendwann war es zu viel. Der Lärm, der Dreck. Vor allem an den Wochenenden. Als dann auch noch eine 70-jährige Anwohnerin bespuckt wurde, war das Maß voll. Am 27. September gründete sich eine gemeinnützige Bürgerinitiative „Anwohner Venedig Erfurt“ (AVE). Am Anfang, beim ersten Treffen in der Grünanlage „Venedig“, waren es 20 Leute, die das Anliegen unterstützen, da sie genau so betroffen sind von dem, was sich bis vor Kurzem an lauen Sommerabenden vor ihrer Haustür abgespielt hat. Inzwischen dürfte die Zahl derer, die sich dagegen wehren, gewachsen sein.

70-jährige Anwohnerin bespuckt, als sie sich über den Lärm beschwerte

Der Vorstand besteht aus acht Leuten, die aber anonym bleiben wollen. Da ist Angst dabei, dass es ihnen so gehen könnte, wie der betagten, aber couragierten Seniorin, die, als sie sich bei den Radaubrüdern über den Lärm beschwerte, angespuckt wurde. Drohungen habe es jedenfalls schon mehrfach gegeben, berichtet Tobias Wagner (40), der Sprecher der BI. Der Kindergartenfotograf kann mit Lärm umgehen und ist so einiges gewöhnt. Aber mit dem, was sich rund um das Venedig im Sommer abspielte, hat der zweifache Vater große Probleme. „Das geht seit etwa zwei Jahren so. Man bringt phonstarke Bluetooth-Boxen mit, um Party zu feiern. Schwerpunkt: Freitag bis Sonntag. „Da sind viele dabei, die durch die Bauarbeiten auf dem Petersberg vertrieben wurden oder früher den Wir-Garten hatten“, sagt Wagner.

Von alkoholisierten Jugendlichen angepöbelt

Ab 22 Uhr, wenn die Nachtruhe gestört wird, wird es haarig. Truppen in 20er- oder 30er-Mannschaftsstärke würden anrücken. „Bei meinen Kindern ist dann an Schlaf nicht zu denken“, sagt Wagner. Und im Sommer könne man bei Hitze die Fenster nicht einfach zu machen. Und auch nicht immer komme Polizei, wenn man anrufe. Schließlich gebe es in Erfurt noch mehr zu tun, zeigt er Verständnis.

„Meine Frau sitzt im Rollstuhl. Wir gehen abends, anders als früher, nicht mehr vor die Tür“, sagt ein 71-Jähriger. Oft sei er von alkoholisierten Jugendlichen angepöbelt worden. Die Aggressivität der ungebetenen Besucher habe zugenommen. Da bleibe nichts anderes übrig, als sich in die Wohnung zu verziehen. Und dort müsse er den Fernseher auf volle Lautstärke stellen, weil man durch den Lärm draußen nichts mehr verstehe. Lobende Worte hingegen für das Projekt mit den Doppelstreifen von Ordnungsamt und Polizei. Das zeige schon Wirkung, sei aber zu unregelmäßig.

57 Vor-Ort-Kontrollen durch Doppel-streifen von Juni an im Venedig

Das zweite Problem: der Dreck – Glas, Scherben, Klamotten, Grillreste, Exkremente im Sandkasten. Montags rücke die Stadtwirtschaft an, freitags das Partyvolk. Ein ewiger Kreislauf. „Was aber die Fachhochschule geritten hat, das Grillen im Venedig auf der FH-Internetseite wärmstens zu empfehlen, weiß ich nicht“, sagt BI-Sprecher Wagner. Obwohl hier laut Grünordnung gar nicht gegrillt werden dürfe. Auch von Drogenhandel und -konsum wird gemunkelt. Das alles wolle man sich nicht mehr bieten lassen und mache dagegen mobil. Mit einer Bürgerinitiative, die hofft, mit ihrer Bitte um Hilfe von den Stadtverantwortlichen erhört zu werden.

Hotspot in puncto Lärm und Dreck

„Das BI-Gründungsschreiben ist angekommen und wir werden den Vorstand zeitnah zum Gespräch einladen“, sagt Andreas Horn, Beigeordneter für Sicherheit und Umwelt. Man wisse, dass das Venedig im Sommer zum Hotspot in puncto Lärm und Dreck in der Stadt geworden sei. Das habe mehrere Gründe. Zum einen, weil bedingt durch Corona sich das Freizeitverhalten verändert habe, da Klubs und Diskotheken geschlossen hatten. Man habe das Feierverhalten ins Freie verlegt. Zum anderen seien aber auch einige beliebte Plätze durch die Bautätigkeit zur Buga weggefallen – Petersberg oder Geraaue zum Beispiel. Horn hofft, dass sich da im nächsten Jahr einiges entspanne.

Die Doppelstreifen werde man 2021 beibehalten. 690 Platzverweise seien im Stadtgebiet durch Nachtstreifen in diesem Jahr ausgesprochen worden. 57 Vor-Ort-Kontrollen habe es von Juni bis Ende September im Venedig gegeben. Die Aufforderungen, den Müll mitzunehmen, seien „erstaunlicherweise sehr gut befolgt worden“. Man habe aber auch Gruppen angetroffen, denen man eindrücklich erklären musste, das lautstarke Beschallung zu unterbleiben habe. So viele Beschwerden wie in diesem Jahr habe es noch nie gegeben. Einiges endete in Ordnungswidrigkeitsverfahren mit Bußgeld. „Wir nehmen die Anwohner im Venedig ernst“, so Horn.

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