Claudia Pechstein in Erfurt mit erfolgreichem Comeback

Sie biss kräftig zu. Nur wenige Minuten nach dem Wettkampf. Wenn man in Thüringen ist, muss man eine Bratwurst essen. Und diese schmeckt besonders gut, sagte Claudia Pechstein nach ihrem gelungenen Comeback nach zweijähriger Dopingsperre.

Claudia Pechstein wurde in der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle herzlich begrüßt.  Foto: Sascha Fromm

Claudia Pechstein wurde in der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle herzlich begrüßt. Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. Schon heute wird sie nach Salt Lake City reisen, um dort dann am Wochenende am 5000 m-Weltcup-Rennen teilzunehmen, das ihr die Chance für die WM-Qualifikation gibt. Dass der Platz im Flieger in die USA von ihr besetzt wird, dafür hat die Berlinerin am Samstag in Erfurt gesorgt. Sowohl über 3000 Meter (4:10,05) als auch über 1500 Meter (2:01,22) blieb sie deutlich unter den geforderten Normzeiten von 4:15 bzw. 2:03,50 Minuten.

Dass sie das geschafft hat, nennt die fünfmalige Olympiasiegerin den "größten Sieg" ihrer Karriere. Sie stuft ihn damit höher ein als jedes Gold, nachdem sie sich zwei Jahre lang vergeblich gegen eine Doping-Sperre wegen erhöhter Blutwerte zur Wehr gesetzt hatte.

In der Gunda-Niemann-Stirnemann-Halle wurde ihr die Rückkehr mit viel Anfeuerung und reichlich Beifall des Publikums vereinfacht. Scheinbar gelassen ging die 38-Jährige mit dem immensen Druck um. Während die Weltelite bei der Mehrkampf-WM in Calgary eher unbeobachtet ihre Runden drehte, waren in Erfurt um 13 Uhr die Augenpaare von 1600 Zuschauern und Dutzende Fernsehkameras auf Claudia Pechstein gerichtet. Die Frage stand: Kann sie nach zwei Jahren Sperre, einem zermürbenden Kampf vor Gerichten, privaten Rückschlägen und psychischen Problemen noch einmal sportlich aufstehen? Kurz nach 13 Uhr, nach dem 3000-m-Rennen, war klar: Ja, sie kann. Die Bestätigung folgte rund vier Stunden später über die Hälfte der Distanz. Die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft reagierte mit der Wiedereingliederung in die Nationalmannschaft, übernimmt anfallende Reisekosten und meldet sie für Lehrgänge.

"Der erste Schritt ist getan. Der vielleicht größte. Ich habe gezeigt, dass ich es noch kann. Ich bin stolz, habe ein wundervolles Gefühl", sagt Claudia Pechstein, die dieses Jahr einen Start bei der Einzelstrecken-WM in Inzell (10. bis 13. März) anstrebt und als Fernziel die olympischen Spiele 2014 in Sotschi hat. Dann wäre sie immerhin 41 Jahre.

Doch unabhängig davon wird sie ihren Kampf vor Gericht fortsetzen. Sie pocht auf Rehabilitierung, geht dafür bis vor den Europäischen Gerichtshof. Sie fordert vom Eislauf-Weltverband eine Ausnahmegenehmigung für die weiterhin schwankenden Blutwerte und fühlt sich darin bestätigt, weil mehrere Hämatologen diese mit einer vererbten Blutanomalie erklären. In Erfurt hatte sie am Samstagabend auch eine Dopingkontrolle, zudem ließ sie selbst eine Blutprobe per Kühlbox nach Berlin schicken, wo das nächste Messgerät steht, das ebenfalls der Weltverband nutzt. Das Ergebnis will sie in den nächsten Tagen veröffentlichen.

All das verdeutlicht, dass Claudia Pechstein nach wie vor nicht zur Ruhe kommen wird ("manches wird noch lange in mir brodeln") beziehungsweise die alleinige Konzentration auf den Sport kaum möglich ist. Zumal es auch noch den Streit mit ihrem Arbeitgeber gibt. Die Bundespolizistin gehört nicht mehr zur Sportfördergruppe, sie ist für das Innenministerium eine normale Angestellte, die gerade im Jahresurlaub weilt. Am 14. März – so der jetzige Stand – muss sie in ihrer Uniform zum Dienst erscheinen.

Statt wie früher zwei bis dreimal stand Pechstein in den vergangenen Monaten nur einmal täglich auf dem Eis. Doch Trainer Joachim Franke, der sie seit 20 Jahren betreut, ist zufrieden. "Ältere Athleten erreichen bei Grundlagen schnell wieder ein gutes Niveau. So ist es auch bei Claudia, das spricht für das Talent Pechstein", sagt der 70-Jährige, der die Aufgabe im Juni 2010 noch als "fast unlösbar" ansah. Aber gemeinsam hätten sie das Comeback gewollt und nun auch geschafft.

Und so galt der erste Dank der erfolgreichsten deutschen Olympionikin auch ihrem Coach. Es folgten vor der großen Sponsorenwand noch die Namen von einigen anderen Menschen, die in den vergangenen Monaten ungebrochen zu ihr gehalten hätten. Die "härteste Zeit" ihre Lebens, in der Claudia Pechstein nach eigenem Bekunden in ihrem Umfeld aufgeräumt hat. Mehr denn je trennt sie seitdem in Freund und Feind. Dabei wirkt sie gelassen, aber hart. Und realistisch. "Ich weiß, dass es auch unter den Sportlern manche gibt, die sich gefreut hätten, wenn ich gescheitert wäre. Aber jetzt bin ich wieder da und man muss mich durch Leistung bezwingen".

In der Halle folgte vor der Abfahrt nach Berlin noch ein Biss in die Thüringer Bratwurst. Die hat schon vielen gutgetan.

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