Coole Kiste: Fachwerk-Hochhaus für die Erfurter ICE-City

Erfurt.  Moderner geht es kaum. Und doch hat der Holz-Glas-Turm, der am Schmidtstedter Knoten gebaut werden soll, etwas mit der Erfurter Identität zu tun

Der Siegerentwurf für das Atlantic Hotel. Treppen, die an die Domstufen erinnern, führen zu einer Stadtterrasse. Rechts ist das jüngst eröffnete Prizeotel zu sehen.

Der Siegerentwurf für das Atlantic Hotel. Treppen, die an die Domstufen erinnern, führen zu einer Stadtterrasse. Rechts ist das jüngst eröffnete Prizeotel zu sehen.

Foto: Delugan Meissl Associated Architects

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Ein revolutionäres Fachwerk-Hochhaus soll auf der Westseite des Schmidtstedter Knotens errichtet werden. Der Entwurf eines schlanken, 50 Meter hohen Gebäudes aus Holz und Glas hat sich beim Architektur-Wettbewerb für den als Hotel vorgesehenen „West-Tower“ der ICE-City durchgesetzt.

Der Entwurf stammt vom Wiener Büro Delugan Meissl. „Für uns ist es wichtig, die Qualität der Stadt zu erfassen und auf das Baugebiet zu übertragen“, sagte nach der Preisverleihung Roman Delugan. Es gehe ihm nicht so sehr um Schönheit, als um Selbstverständlichkeit. „Der Betrachter soll sagen: Das Gebäude hat schon immer hier hin gehört.“

Dass der Planer die Erfurter Luft gründlich aufgesaugt hat, zeigen die Erfurter Elemente des Entwurfes. Das Fachwerk wurde von der Krämerbrücke inspiriert und ist dem Konstruktionsprinzip der „Thüringer Leiter“ nachempfunden. Der Betonsockel, unter dem zugleich die Funktionsbereiche des Hotels versteckt sind, zitiert hingegen die Domstufen.

Die Verwendung von Holz in einem Gebäude dieser Dimension wäre eine Premiere für Deutschland und stellt das Projekt vor brandschutztechnische Herausforderungen. Delugan schloss nicht aus, dass am Ende eine Hybrid-Lösung gemeinsam mit anderen Baustoffen zum Einsatz kommt. Die Verwendung von Holz drücke aber eine „Verpflichtung für die Zukunft“ aus.

Für den Investor Kurt Zech hebt der Entwurf sowohl die Stadtarchitektur als auch die Atlantic Hotels, zu denen das Gebäude gehören soll, auf eine neue Ebene. Der Bremer Unternehmer hofft, dass der Bau möglichst schnell beginnen kann. „Wenn der Holzbau gelingt, wäre das auch ökologisch ein großer Wurf“, sagte Zech, der nach eigenen Angaben vom Erfurter Projektentwickler Andreas Wilhelm von der Fincon Group nach Erfurt gelockt wurde.

Sein Geschäftspartner Joachim Linnemann deutete an, dass für den Holzbau noch einige baurechtliche Hürden zu überwinden seien. Die Investoren hätten sich aber bewusst dafür ausgesprochen, dass der Wiener Entwurf zum Sieger erklärt wurde. Das bedeutet auch, dass die Absicht, den Turm in dieser Form zu errichten, durchaus ernst gemeint ist.

Die Jury votierte einstimmig für den Entwurf aus Wien. Zugleich schwärmten aber sowohl die Investoren als auch Vertreter der Stadt davon, dass sie noch nie so einen hochwertigen Wettbewerb erlebt hätten.

Den zweiten Preis, der nach den Wettbewerbsregeln theoretisch auch umgesetzt werden könnte, belegte das Büro Hilmes Lamprecht aus Bremen. Dessen Entwurf arbeitet mit einer klassischen Fassade und mehr Ecken und Kanten im Gebäude. Zu den weiteren Entwürfen, die ab Freitag alle im Angermuseum gezeigt werden sollen, gehören Glasquader und Gebäude mit Ziegelstein-Fassaden.

Der West-Turm am Schmidtstedter Knoten, dem noch ein Ost-Turm mit Büronutzung folgen soll, ist aus stadtplanerischer Sicht als Landmarke gedacht. Er soll Erfurt ins 21. Jahrhundert führen und andere Investoren für die ICE-City begeistern – wobei die Tatsache, dass ein erfolgreicher Unternehmer wie Kurt Zech hier ein Hotel baut, selbst schon als Werbung für den Standort gilt.

„Ich bin begeistert – das ist mal Moderne“, meinte Oberbürgermeister Andreas Bausewein (SPD). Erfurt sei geprägt von Geschichte. „Aber wir leben auch im 21. Jahrhundert“, fügte er hinzu. Stadtentwicklungs-Dezernent Tobias Knoblich (parteilos) würdigte den Entwurf als eine Architektur, „die mit unserer Identität zu tun hat“.

Das Lob des Investors Zech, der sich „noch nie in einer Stadt so willkommen gefühlt“ habe, nahmen die Vertreter der Stadtspitze gerne an. Hingegen erzählte Erfurts Chef-Stadtentwickler Paul Börsch, dass er „noch nie einen privaten Investor mit so viel Engagement und Architekturverständnis“ erlebt habe. Neben vielen Huldigungen fand Börsch auch eine simple Beschreibung für den Entwurf: „Coole Kiste!“

Das könnte Sie auch interessieren:

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Zu den Kommentaren