Lutz Leßmann: „Vater des Elxlebener Erfolges“

Erfurt  Lutz Leßmann ist es zu verdanken, dass Elxlebens Rollstuhlbasketballer alles gewonnen haben, was es zu gewinnen gibt

Macht auch beim Basketball-Jonglieren im „Bullenstall“ eine gute Figur – Lutz Leßmann.

Macht auch beim Basketball-Jonglieren im „Bullenstall“ eine gute Figur – Lutz Leßmann.

Foto: Michael Keller

Das Erwartbare ist eingetreten. Mal wieder. Die RSB Thuringia Bulls, dieser famose Triple-Sieger im Rollstuhlbasketball der letzten Saison, hat gewonnen. Dieses Mal waren die Baskets Hamburg die Leidtragenden. Es war das 41. saisonübergreifende Spiel, das die Bullen – vor ausverkauftem Haus in Elxleben – gewonnen haben. 85:54. Da ist nichts angebrannt. „Am 8. Februar 2020 könnten wir einen neuen Rekord aufstellen und bei Wikipedia für einen Neueintrag sorgen“, sagt Lutz Leßmann. Wenn die Elxlebener bis dahin weiter von Sieg zu Sieg eilen, wären sie dann 56 Spiele am Stück ungeschlagen. 55 Mal hat es der RSV Lahn-Dill, den man auch den FC Bayern des Rollstuhlbasketballs nennt, geschafft. Und dieser RSV liegt als dicker Brocken auf dem Weg zum Rekord am 23. November im Weg.

Dass es überhaupt so weit kommen konnte, hat eine schier unglaubliche Vorgeschichte. Und die hängt ganz eng mit Lutz Leßmann zusammen. „Lesse“, wie man ihn gern ruft, ist, das kann man so sagen, der Vater des Erfolgs, der Vater des Triple aus Meisterschaft, Pokalsieg und Champions-League-Gewinn. Jenes Dreigestirn, dem der FC Bayern im Fußball alles unterordnet und dafür viele Millionen investiert, um am Ende wiederum viele Millionen zu kassieren. Lutz Leßmann hat für den Dreifach-Erfolg einen Etat von 250.000 Euro ausgegeben. Zum Vergleich: Lahn-Dill hat das Vierfache zur Verfügung. Dass der RSV nach dem Triple nun im Geld schwimmen würde, glauben nur Uneingeweihte. „Der Dreier hat uns 50.000 Euro Kosten verursacht“, sagt Lesse und grinst dennoch zufrieden.

Dass es überhaupt so weit kam, ist eine lange, komplizierte Geschichte.Lutz Leßmann, geboren 1954 in Erfurt, war anfangs ein guter Fußballer. Erst bei Motor West, dann in Walschleben und in Rudisleben. Dort brachte er es bis zu DDR-Liga. Seinem Wunsch, bei Rot-Weiß zu kicken, schob Vater Ronald einen Riegel vor. Der Junge sollte lieber „was Ordentliches“ lernen, hieß es damals immer.

Gelernt hat er was Ordentliches. Im Funkwerk arbeitete er als Technologe. Bis 1988. Er stellte einen Ausreiseantrag. Ende der Karriere. Sportlich wie beruflich. 1989 reiste er mit seiner Frau Susi auf abenteuerlichen Wegen über die Bundesdeutsche Botschaft in Warschau aus. Er landete in Heringen an der Werra, auf halber Strecke zwischen Eisenach und Bad Hersfeld. Für vier Jahre.

1994 zog es ihn zurück nach Erfurt. Der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Er zog nach Elxleben. Und wie weiland Egon Olsen hatte er einen Plan. Mit einem Unterschied: Der von Lesse funktionierte. 1991 war ihm die Fußballleidenschaft zum Verhängnis geworden. Das Knie. Leßmann wurde von der Versicherung als Sportinvalide abgefunden. Mit dem Geld wollte er eine Tennishalle bauen.

Das Grundstück war schon gekauft. Ein Berater riet ihm, lieber eine Multifunktions-Sporthalle, das Fit-In, zu bauen. Gesagt, getan. 1996 stand der Bau. Kostenpunkt: fünf Millionen D-Mark. Lesse nahm Kredite auf. Aber es funktionierte nicht. Insolvenz. Ein befreundeter Unternehmensberater half ihm aus der Patsche. Und 2000 hatte er nochmals Glück im Unglück. Ein Skiunfall führte ihn in die Berufsunfähigkeit. „Und meine in weiser Voraussicht abgeschlossene Versicherung rettete mir den Arsch“, wie er sagt. Mit der daraus resultierenden monatlichen Rente konnte er fortan tun und lassen, was er wollte.

Heute gibt es den RSB bundesweit über 200 Mal

Er wollte, als Erfahrung seines Unfalls, eine Reha-Einrichtung aus seiner Halle machen. Sowas gab es damals noch nicht. Das war damals nur als Sportverein möglich. Er gründete den Verein Reha-Sport-Bildung (RSB). Was kaum einer weiß: Inzwischen hat der RSB bundesweit über 200 Außenstellen, und Lutz Leßmann ist Chef von 200 Angestellten. Dass es so kam, ist einer Tagung 2005 im Fit-In geschuldet. Da trafen sich 27 Betreiber von Fitnessstudios und Reha-Einrichtungen. „Die fanden mein Konzept, das Fitnesscenter in auslastungsschwachen Zeiten mit Reha-Sport zu füllen, zukunftsfähig“, erinnert sich der 65-Jährige. Der den 27 Kollegen anbot, bei ihnen eine Außenstelle seines RSB einzurichten. Vor Ort wurden dann Leute gesucht, die das Konzept umsetzen.

Den RSB gibt es heute zwischen Flensburg und Garmisch, von Cottbus bis Mönchengladbach. „Wir bewegen 15.000 Menschen im Jahr, ohne dass die unbedingt RSB-Mitglied sein müssen“, so Leßmann, der auch Präsident des Behindertensportverbandes Thüringens ist.

Die Überschüsse sollten in den Leistungssport fließen. Mit dem 2014 leider viel zu früh verstorbenen Oettinger-Chef Dirk Kollmar fand er einen Verbündeten. 2009 gründeten sie das Oettinger-RSB-Team. Start in der Regionalliga. 2010 schon der Aufstieg in die zweite Bundesliga. Im Jahr darauf waren die Elxlebener im Oberhaus angekommen. Ein Team hatte zurückgezogen und man fragte in Elxleben an, ob das RSB-Team nicht den Platz einnehmen wolle. Es wollte. Startpunkt für einen unglaublichen Siegeszug.

Bei einem Vorbereitungsturnier 2011 in St. Petersburg traf Lesse Alex Halouski: „Litauen spielte gegen Weißrussland. Da fuhr einer mit einem 18-Kilo-Traktor etwas unbeholfen auf dem Feld rum. Aber wenn er stand und warf, traf er. Alles.“ Er fragte den Hünen, der das Fußgänger-Basketball wegen einer schweren Verletzung aufgeben musste, ob er mit nach Elxleben kommen wolle. Halouski, der zuvor nie aus Minsk rausgekommen war, wollte. Mit einem 3-Monatsvisum für Touristen kam er. Die ersten drei Spiele in der ersten Bundesliga gingen verloren. Am 29. November 2011 kam Alex dazu und es ging los.

Nur einmal verlor man gegen den Erzrivalen Lahn-Dill und wurde Dritter. Leßmann: „Wir waren plötzlich eine Nummer.“ Nach und nach kamen richtig gute Spieler auf ihn zu und fragten an, ob sie für die Thuringia Bulls, wie sie inzwischen hießen, spielen dürften. Jack Williams war geradezu sauer, dass man ihn nicht gefragt hatte. Und Matt Scott, der immer lachende Publikumsliebling, folgte. „Wir haben zwei Verrückte und ein Top-Team dazu“, sagt der RSB-Chef. Williams, Scott und André Bienek sind übrigens im Verein angestellt, die anderen gehen geregelten Jobs nach.

2012, als Lutz Leßmann einen Herzinfarkt erlitt, gehört das Fit-In, in dem auch die Basketball Löwen trainieren, dem Verein, bei dem sich Kinder mit Behinderungen aus Thüringen tagtäglich die Klinke beim Rehasport in die Hand geben. An einer neuen Ballsporthalle in Erfurt führt eigentlich kein Weg vorbei, ist Leßmann überzeugt. Die Riethsporthalle könne unmöglich die Lösung für alle Ballsportvereine sein. Und er erinnert daran, dass er bei jedem Heimspiel Leute wegschicken muss, weil eben nur 300 Gäste aus baulichen Gründen in der ersten Etage des Fit-In den Rollstuhlbasketballer bei den Heimspielen zuschauen dürfen. Für das wegweisende Spiel gegen Lahn-Dill sollte man sich daher rechtzeitig ein Ticket sichern, sagt der „Vater des Elxlebener Erfolges“ und lacht.

Zu den Kommentaren