"Die Frauen der Toten" feiert in Erfurt Uraufführung

Alois Bröder begeistert mit seiner ersten Oper "Die Frauen der Toten". Das Ensemble steht der Qualität des Werkes in nichts nach.

Mireille Lebel als Margaret in der Oper "Die Frauen der Toten" von Alios Bröder. Foto: Marco Kneise

Mireille Lebel als Margaret in der Oper "Die Frauen der Toten" von Alios Bröder. Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Erfurt. Erneut bereichert die Erfurter Oper den Jahresspielplan durch eine Uraufführung. Dem Publikum in der Stadt und im Land gibt diese nun schon eingeführte Praxis gute Gelegenheit, wirklich Neues zu erleben, ungeachtet der Liebe zum gesicherten Repertoire.

In diesem Jahr hat Intendant Guy Montavon das Auftragswerk an den 1961 in Darmstadt geborenen Alois Bröder vergeben. Nach zahlreichen kammermusikalischen und orchestralen Werken legt der Komponist nun in Erfurt seine erste Oper vor.

Ihr Titel lautet "Die Frauen der Toten". Ihren Stoff bezieht sie aus einer gleichnamigen, 1831 veröffentlichten Kurzgeschichte von Nathaniel Hawthorne. Der amerikanische Schriftsteller schrieb im Geiste der Romantik Geschichten, die auf den ersten Blick einfach erscheinen, aber eigentlich das menschliche Innere sondieren, das Unerklärliche erzählen und dem Zwiespalt von Sein und Schein nachspüren.

In der frühen Erzählung "The Wives of the Dead" erklärt er das Unentscheidbare zum Deutungsprinzip. Zwei Schwestern sind mit zwei Brüdern verheiratet, einer ein Soldat, der andere ein Seemann.

Die Frauen verzweifeln an der Nachricht vom Tod ihrer Männer, bis in der Nacht nach der Totenfeier nacheinander zwei Bekannte an die Tür ihres gemeinsamen Hauses klopfen und vom Überleben künden.

Ein winziges Textdetail am Schluss aber macht die simple Story offen: Kommen die Totgesagten nach Hause; oder ist die Rettung nichts als ein trügerischer Traum? Nicht das erzählte Ereignis, sondern dessen Interpretation ist das eigentliche ästhetische Ereignis.

Bröder hat diese Grenze zwischen Realität und Traum fasziniert. Für sein Libretto fand er die originelle Lösung, die beiden vernetzten Momente in zwei jeweils fünfzigminütigen Teilen doppelt, aber mit unterschiedlichen Akzenten vorzuführen.

Die erste Version, die Bröder auch mit "träumerische Realität" umschreibt, zeichnet Hawthornes Erzählung nach, die zweite, "realistischer Traum", präsentiert sie als Traum selbst.

Am Ende, wenn der Vorhang fällt, bleiben alle Fragen offen. So soll es ja auch sein. Da die Oper aber ihre Apotheose braucht, hat Bröder einen Auftritt des (antiken?) Chores angeklebt, der - schwarz gekleidet und von der Regisseurin Gabriele Rech von der Vorderbühne die beidseitigen Treppen des Saals hinaufgeführt - eine essayistisch hochgestochene Passage aus einem anderen Werk Hawthornes singt. Man versteht deren Sinn nicht, aber man kann sie im guten Programmheft nachlesen und feststellen, dass sie mit dem Werk selbst nichts zu tun hat. Aber als Opernfinale ist die gesangliche und räumliche Einvernahme des Publikums bei verhauchendem Orchesterschluss von schöner Wirkung.

Überhaupt ist Bröders musikalische Sprache außerordentlich effektvoll. Er folgt der seit den Siebzigerjahren zu verfolgenden Tendenz, den Unbedingtheiten der Neuen Musik die sinnliche Anziehungskraft von Klang und Farbe entgegenzusetzen. Den Sängern räumt der Komponist ausdrücklich melodische und emotionale Möglichkeiten des stimmlichen Gestaltens ein, die Mireille Lebel als Margaret und Marisca Mulder als Mary in prachtvoller Weise nutzen.

In ihrer Gesamtstimmung zieht Bröders moderne Komposition die "realistische" Erzählung paradoxerweise in den Bereich des Romantisch-Unheimlichen. Sie schafft - überzeugend - eine Atmosphäre des Undurchdringlichen, Geheimnisvollen, Bedrohlichen, Gespenstischen.

Hinein passt, dass der Komponist den toten Brüdern, trefflich gesungen von Marwan Shamiyeh und Florian Götz, einen Bühnenauftritt verschafft.

Das Unheimliche erscheint als Maß für die, wie Freud sagte, legitime Annahme des Unbewussten im Traum. Marys und Margarets Träume realisieren innere Wünsche in verschlüsselter Form. Als Resümee bleibt dann doch, gegen die These der völligen Offenheit, dass die Deutung der Handlung als latenter Zustand des Seelenlebens die Oberhand gewinnt.

Feinste psychische Abstufungen zu sehen

In diese Richtung arbeitet auch die Regie von Gabriele Rech. In einem Hawthorne-gerechten Bühnenhaus, einem klaustrophobischen, fahl ausgeleuchteten Bühnengehäuse, mit großem Wohnzimmer und zwei Schlafzimmern darüber lässt sie Lebel und Mulder in feinsten psychischen Abstufungen agieren. Trauer sucht Trost; Verzweiflung steigert sich zur Neurose. Am Schluss liegen beide nebeneinander in einem Bett, hell angestrahlt, bewegungslos, im Traum vereinigt, im Leben wie tot.

Unter der Leitung von Johannes Prell erreicht das Philharmonische Orchester (in Kooperation mit der Thüringen Philharmonie Gotha) überzeugendes Interpretationsniveau.

Die Klangarchitektur mit sich spiegelnden Klangräumen und sich entfaltenden Motiven ist prächtig gefügt.

Man kann in kritischer Sicht Bröders Partitur durchaus Eklektizismus und Plakativität nachsagen. Aber die erklingende Musik ist von hoher, auch emotionaler, Wirksamkeit. Die fühlbare Berührtheit des Publikums und der heftige Beifall am Ende stehen dafür.

Mehr Kultur-Nachrichten

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.