Erfurts Messechef: „Die Tickets liegen wie Blei in den Regalen“

Erfurt.  Erfurts Messechef Michael Kynast rechnet mit rund drei Millionen Euro Einnahmeverlusten. Dennoch hat er die Hoffnung noch nicht verloren und setzt trotz Corona darauf, dass das Unternehmen nicht untergeht.

Zuletzt machte die Messe Erfurt mit Autokonzerten von sich hören - als Ausstellungsgelände indes nicht. Corona sorgte für einen Veranstaltungsstopp.

Zuletzt machte die Messe Erfurt mit Autokonzerten von sich hören - als Ausstellungsgelände indes nicht. Corona sorgte für einen Veranstaltungsstopp.

Foto: Holger John

„Immer noch gut“, sagt Michael Kynast (59) ohne Umschweife auf die Frage, wie die Erfurter Messe die Corona-Krise bislang überstanden hat. „Wir haben in den letzten Jahren gut gewirtschaftet und als Rückversicherung einen starken Gesellschafter“, sagt der Messe-Chef, der aber weiß, dass das nicht ewig so gehen kann. Aber wer den Mann kennt, weiß, dass da ein Optimist sitzt, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

Der starke Gesellschafter ist das Land. Und es hat bislang nicht helfend eingreifen müssen. Auch wenn die Bilanz 2020 bislang nicht gerade rosig ist, obwohl eigentlich ein neuer Umsatzrekord für dieses Jahr eingeplant war. Die Zahlen der jüngsten Vergangenheit ließen diese optimistische Prognose durchaus zu. Insgesamt zwischen 200 und 220 Veranstaltungen pro Jahr mit 600.000 bis 650.000 Besucher bei Konzerten und Showveranstaltungen, Tagungen und Kongressen, Messen und Ausstellungen. Das konnte sich sehen lassen. Tendenz steigend. Dann kam Covid 19. Vollbremsung aus Höchstgeschwindigkeit. Alles auf Null. Die neuen Besucherrekorde bei der Erfurter Automesse und der Mobilbaumesse – Makulatur.

38 Veranstaltungen verschoben, elf fielen ersatzlos aus

Kynast schickte seine Leute erst einmal eine Woche lang mit Urlaub und Überstundenabbau nach Hause. 80 Prozent der 55-köpfigen Belegschaft wurden Anfang April in Kurzarbeit geschickt. Nur die Instandhaltung lief weiter. „Wir haben schließlich ein großes Investprogramm für Modernisierung und Sanierung zu stemmen“, sagt der Leipziger, der täglich mit dem ICE zwischen Messe- und Blumenstadt pendelt. Denn über mangelnde Arbeit kann er sich auch jetzt trotz des Veranstaltungsstopps nicht beklagen. Oft geht es bis tief in die Abendstunden. Irgendwann wird diese Pandemie schließlich zu Ende sein und da will man bereit sein.

Die Thüringen-Ausstellung – schon mit deutlichen Corona-Spuren bei den Besucherzahlen – und ein Eisenbahnerkongress rutschten gerade noch so durch, bevor der Lockdown kam. Die Folge: vom 11. März bis voraussichtlich zum 30. August sollten 53 Veranstaltungen stattfinden. 38 mussten verschoben werden, darunter 23 Konzerte und Comedy-Shows. Elf Veranstaltungen fielen ersatzlos aus. „Die Tickets liegen wie Blei in den Regalen“, sagt Kynast. Was weiter passiert, kann keiner sagen. Er rechne mit einem Einnahmeverlust von rund drei Millionen Euro. Drei oder vier Jahre werde man noch Verluste verkraften müssen.

Die Auftragsbücher sind voll

Der Messechef plant trotz der immer noch grassierenden Unsicherheit bereits für 2021 und weiter. Kann er auch, denn die Auftragsbücher sind voll. Er weiß aber auch: „Nur ein Impfstoff rettet uns.“ Der Hoffnungsschimmer: Thüringen erlaubt wieder Messen und Ausstellungen. Konzerte und Großevents -- das Brot- und Buttergeschäft der Messe – dagegen nicht. Und selbst wenn Messen stattfinden, wird das nur mit massiven Einschränkungen gehen. Man denkt daher um und in anderen Kategorien.

Die Erfurter Messe wird ihr Onlineangebot für Veranstaltungen und Messen ausbauen. Zum Beispiel die MAG, das bei den Fans hoch im Kurs stehende alljährliche Community-Event mit Schwerpunkt auf verschiedenen Fan-Kulturen, darunter Videospiele, Anime, Manga, Influencer und Cosplay, wird am ersten Oktoberwochenende als Online-Multiplayer-Event und Live-Event gleichermaßen präsentiert. Weiteres ist in Planung. „Wir stellen uns eben auf Veränderungen ein“, sagt der meist gut gelaunte Sachse. „Digitale Zwillinge“ nennt er es. Alles sei im Wandel. Aber man sei und bleibe eine Live-Branche.

Bauantrag für Hotel wurde gestellt

Erleichtert ist Kynast, dass trotz allem der Hotel-Investor, die Fibona GmbH aus Wiesbaden, keine kalten Füße bekommen hat, obwohl alle seine acht Hotels geschlossen wurden. Im Gegenteil: Im dicksten Corona-Chaos wurde der Bauantrag gestellt. Am 1. September will er loslegen, am 31. Dezember 2021 fertig sein. „Vor Investor Sven Köllmann ziehe ich den Hut“, sagt er.

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