Eintauchen in das Leben der Noten

Erfurt  Der Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler kommt mit seiner Band nach Erfurt

Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler

Schauspieler und Sänger Gustav Peter Wöhler

Foto: Irene Zandel

Wöhler wer? Beim Namen Gustav Peter Wöhler kommt so mancher ins Grübeln. Das Gesicht des Schauspielers aber ist vielen bekannt – aus „Tatorten“ und zahlreichen weiteren Filmen. Auch als Musiker hat er deutschlandweit eine Fangemeinde. Wir hatten ihn am Telefon.

Wo erwischen wir Sie gerade?

In Schwerin, wo ich bei den Schlossfestspielen den Tevje in „Anatevka“ spiele.

Gleich darauf stehen Sie mit dem Posaunisten Nils Landgren bei den Mecklenburger Musikfestspielen auf der Bühne?

Ein wunderbarer Mensch. Ich bin sehr froh, ihn kennengelernt zu haben.

Dazu haben Sie noch Lesungen, Kabarett und die Tour mit Ihrer Band im Kalender. Woher nehmen Sie die Energie?

Die kommt einfach, weil es mir Spaß macht, ich große Freude habe, eine innere Lust. Die ist dauerhaft da. Alle Zipperlein, die ich mit 63 habe, sind weg, wenn ich auf der Bühne stehe. Sogar die Kniearthrose.

Wann bekamen Sie erstmals mit Musik zu tun?

Als kleiner Junge. Meine Eltern hatten ein Lokal, zu dem eine Bühne gehörte. Ich hatte eine schöne Stimme, hab öfter gesungen, wenn sich Vereine in der Kneipe trafen. Außerdem stand da eine Musikbox, von der ich sehr schnell alle Titel kannte und singen konnte, kurzzeitig wollte ich dann mal Schlagersänger werden. Später, in der Schule, war ich öfter als Solist im Einsatz.

Und wann hatten Sie Ihre erste Band?

Mit 14 auf der Mittelschule. Gemeinsam Musik zu machen ist eine große kreative Herausforderung. Ich plädiere dafür, das allen Kindern zu ermöglichen. Ob Pop, Klassik oder Jazz, es ist besser als nur herumzustreamen.

Aber das Streaming, das Herunterladen aus dem Netz, ist heutzutage gang und gäbe …

Es ist eine tolle Möglichkeit. Einerseits faszinierend, andererseits ärmlich, was die eigene Kreativität angeht. Wer nur am Monitor wischt und klickt, dem entgehen viele Perlen. Es ist wichtig, selber was zu machen und einen natürlichen Zugang zu Musik zu vermitteln.

Stimmt es, dass Sie erst durch die Musik zum Theater gefunden haben?

Ja, da war ich schon 21. Ich hatte zuerst Großhandelskaufmann gelernt und festgestellt, dass das für mich nicht der richtige Beruf ist. Dann wollte ich Sozialpädagoge werden. Auf einem Schulfest spielte ich mit der Band, mein Religionslehrer sah sehr aufmerksam zu und riet mir, mich in Bochum auf der Schauspielschule vorzustellen. Ohne ihn wäre ich dort nicht hingegangen, ich war kein sehr selbstsicherer Mensch.

Sie wurden gleich genommen?

Ja, auf Anhieb.

Längst sind Sie ein bekannter Schauspieler. Sie sprechen auch Hörbücher ein, bekamen Preise dafür. Und seit 22 Jahren sind Sie mit Ihrer eigenen Gustav-Peter-Wöhler-Band unterwegs. Welchen Platz hat die Band in Ihrem Leben?

Den ersten Platz hat mein Mann Albert Wiederspiel. Dann kommt gleich die Band.

Warum?

Weil wir gemeinsam kreativ sind und die Musik uns erfüllt. Alles wird demokratisch entschieden. Die Musiker sind großartig, sie sind Meister im Improvisieren.

Können Sie wirklich keine Noten?

Ich kenne schon ein paar Noten, noch vom Blockflötenunterricht in der Schule. Aber komplizierten Partituren kann ich nicht folgen. Ich kann aber die Musik als Ganzes begreifen, in die Songs eintauchen, in das Leben der Noten.

Kürzlich haben Sie mit der Band in der ausverkauften Hamburger Elbphilharmonie gespielt. Wie war das?

Uns war schon klar, dass die Elbphilharmonie immer voll ist. Aber wir wollten gern das Publikum für uns gewinnen, es begeistern. Ich glaube, das ist uns gelungen, es war ein schöner Abend.

Sehen Sie sich als Star?

Nein, das ist eher ein Begriff für Hollywood. Für mich sind Senta Berger oder Iris Berben Stars. Bei anderen, die denken, sie seien welche, schüttele ich manchmal insgeheim den Kopf, zum Beispiel auf Filmpremieren. Mir ist auch nicht wichtig, ob ich erkannt werde oder nicht. Ich finde, es geht um Haltung, um den Blick auf das Leben. Ob man nun bekannt ist oder nicht.

Ist „Ost und West“ noch ein Thema für Sie?

Es wurde wieder ein Thema. Ich bin ja für die Festspiele für ein paar Wochen von Hamburg nach Schwerin gezogen. Im Osten spüre ich eine andere Lebenshaltung, mehr Gemeinschaft, größere Solidarität, engeren Zusammenhalt, auch am Theater. Im Westen ist mehr Einzelgängertum. Die Städte im Osten sind jetzt fast alle wunderbar saniert. Aber die Gehälter sind geringer als in den alten Ländern, es gibt ein soziales Gefälle. Da sollte sich schnellstens was tun. Der Westen hätte viel vom Osten übernehmen können – nicht zuletzt die Gleichberechtigung.

Sie werden 63, da hat man sich Gedanken darüber gemacht, wie das bisherige Leben gelaufen ist. Sind Sie mal falsch abgebogen, stellen Sie Entscheidungen in Frage?

Ich bin oft falsch abgebogen und habe sicher Fehler gemacht. Aber all das ist Teil des Lebens. Misserfolge, Enttäuschungen, Abschiede gehören dazu, um zu begreifen, wo man steht. Um Demut zu empfinden und Glück. Glück ist für mich nicht das neue Auto. Glück sind Menschen, Begegnungen, Momente. Glück ist der Baum vor dem Fenster. Oder dass ich morgens wach werde und mich auf einen neuen Tag freue.

Wofür sind Sie dankbar?

Dafür, dass mir spät, als ich gar nicht mehr damit rechnete, die Liebe meines Lebens über den Weg gelaufen ist. Dass sich Menschen für mich interessieren. Dass ich Theater spielen und Musik machen kann.

Was bringen Sie mit nach Erfurt ins Dasdie Brettl?

Unser Programm „Behind Blue Eyes“, in dem wir Cover-Versionen vieler wunderbarer Musiker spielen. Gleich der erste Titel von Nick Drake ist einer meiner Lieblingssongs: „From the morning“. Und dann kommen Songs von Jackson Brown, Lena, Annie Lennox und vielen anderen. Ich freue mich schon jetzt auf einen schönen Abend.

20. September, 20 Uhr, im Dasdie Brettl, Lange Brücke; Karten gibt es u. a. im Ticketshop Thüringen

Zu den Kommentaren