Erfurt: 38 Prozent mehr Radverkehr innerhalb von zwei Jahren

Erfurt.  In Erfurt hat das Stadtradeln begonnen – und rückt die Schwächen der Rad-Infrastruktur einmal mehr in den Blickpunkt

Rund 100 Teilnehmer fuhren am Donnerstag bei der Auftakt-Tour zum Stadtradeln mit, die der ADFC organisierte. Vom Domplatz aus ging es nach Marbach.

Rund 100 Teilnehmer fuhren am Donnerstag bei der Auftakt-Tour zum Stadtradeln mit, die der ADFC organisierte. Vom Domplatz aus ging es nach Marbach.

Foto: Holger Wetzel

Einen knappen Monat nach dem Beginn ihres Bürgerbegehrens hat die Initiative „Radentscheid“ rund ein Viertel der nötigen 7000 Unterschriften für eine Verkehrswende in Erfurt zusammen bekommen. „Wir liegen genau im Plan“, sagte der Sprecher Thomas Engel beim Auftakt der „Stadtradeln“-Aktion auf dem Domplatz.

Das „Stadtradeln“, bei dem in den nächsten drei Wochen 103 Erfurter Teams ihre mit dem Fahrrad zurückgelegten Kilometer sammeln, soll die Teilnehmer motivieren, mehr Wege mit dem Fahrrad statt mit dem Auto zurückzulegen. Zugleich will die Aktion des Klima-Bündnisses europäischer Kommunen für eine bessere Fahrrad-Infrastruktur weben, was auch das Anliegen des Bürgerbegehrens ist.

Zählstelle in der Schillerstraße registriert starken Anstieg

Dass das Radfahren in Erfurt nicht erst in der Corona-Krise einen Schub erfuhr, zeigt die Zählstelle für den Radverkehr in der Schillerstraße. Im Vergleichsmonat April dümpelte die Statistik in den Jahren von 2016 bis 2018 auf gleichem Niveau dahin – knapp 15.000 Menschen radelten in Richtung Stadtpark, um die 16.000 in Richtung Schillerstraße.

Bereits 2019 und dann noch einmal in diesem Jahr registrierte die Zählstelle aber jeweils 3000 Fahrten mehr pro Richtung. In den zwei Jahren zusammen hat der Radverkehr an der Zählstelle um 38 Prozent zugenommen.

Leih-Räder spielen nach wie vor eine untergeordnete Rolle

Leih-Fahrräder in Erfurt spielen hingegen weiter eine untergeordnete Rolle. Der einzige Anbieter in der Stadt, Nextbike, bestätigt zwar einen Anstieg der Ausleihzahlen im Vergleich zum Vorjahr. Am Angebot – 100 Räder an zehn Stationen – hat sich aber seit der Einführung 2018 nichts verändert.

Die Präsenz von Nextbike wird durch eine Kooperation mit der Fachhochschule ermöglicht, deren Studenten auch die mit Abstand häufigsten Nutzer sind. Eine Ausweitung auf andere Partner, wie es mit Blick auf die Buga eigentlich geplant war, kam nicht zustande.

In manchen Stadtteilen bis zu 23 Prozent Radverkehr

Die jüngste Verkehrsbefragung von 2018 ergab stadtweit einen Radverkehrsanteil von 13 Prozent. „In ausgewählten Stadtgebieten, die bereits heute gute Bedingungen für den Radverkehr aufweisen, wurden Anteile von 18 bis 23 Prozent am Gesamtverkehr ermittelt“, sagt Frank Helbing, Abteilungsleiter Verkehr im Tiefbauamt.

Der Wert deutet an, was mit einer besseren Infrastruktur kurzfristig möglich wäre. „Von 50 Gesprächen, die ich führe, findet ein Gesprächspartner die Bedingungen gut und einer unsere Forderungen zu wenig radikal“, erzählt Thomas Engel vom „Radentscheid“. „Die große Masse dazwischen findet das Radfahren in Erfurt einfach nur fürchterlich.“

Zu den Forderungen des Bürgerbegehrens gehören jährlich fünf Kilometer neue Radwege an Hauptverkehrsstraßen, die Entschärfung von Konfliktpunkten und neue Abstellanlagen. Der Initiative geht es aber nicht nur um die Rangfolge bei städtischen Investitionen. Engel fordert auch eine andere Einstellung der Verwaltung. Für die Radverkehrsbeauftragte, die in den Ruhestand ging, sei zum Beispiel noch keine Nachfolge installiert.

Verkehrsentwicklungsplan entspricht dem Stand von 2010

Die Verwaltung halte zudem am Verkehrsentwicklungsplan fest, „als wäre nichts geschehen“, sagt Engel. Die Maßnahmen, die dem Plan ohnehin um Jahre hinterherhinken, entsprächen dem Stand von 2010. „Damals gab es weder Lastenräder noch Ebikes“, sagt Thomas Engel.

Kombinierte Rad- und Fußwege, die damals oft Standard waren, seien längst überholt. Rad-Aktivisten müssten „elementare Dinge“ wie abgesenkte Bordsteine oder markierte Poller regelrecht erkämpfen.

Die Stadtverwaltung verweist auf „erhebliche Anstrengungen für den Radverkehr“. Mit Blick auf die Buga werde etwa der Gera-Radweg zu einer komfortablen Radverkehrs-Trasse ausgebaut, sagt Frank Helbing. In der Gothaer Straße soll ein Radverkehrsstreifen stadteinwärts markiert werden.

„Für eine Reihe von Vorhaben liegen Planungen bereits vor und sind in Bearbeitung“, sagt Helbing. „Allerdings ist die konkrete Umsetzung auch immer abhängig von personellen Kapazitäten und finanziellen Ressourcen.“

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