Erfurt: „Augen vor Drogenproblemen nicht verschließen“

Erfurt  Kreiselternvertretung drängt auf Prävention und bereitet nächste Informationsveranstaltung über Süchte vor

Mit dem Drogenkoffer betreibt die Polizei Präventionsarbeit auch an Schulen.

Mit dem Drogenkoffer betreibt die Polizei Präventionsarbeit auch an Schulen.

Foto: Martin Kappel

Erst wurde er von seinen Mitschülern gedisst, dann rettete er sich in die Welt der Spiele, heimste Siege ein, doch bald mehr Niederlagen, wurde noch mehr gemobbt. Die Frustration stieg – bis da einer kam und sagte: Hey, ich hab da was, das hat mir geholfen.

Der Einstieg in den Drogenkonsum ist meist das Ende einer traurigen Vorgeschichte.

Armin Däuwel erzählt, anonymisiert, die Geschichte eines Jungen. Eines Jungen, wie es wohl viele in Erfurt gibt. Er sagt: „Es ist nicht damit getan, zu erkennen, wenn das Kind kifft oder andere Drogen nimmt, sondern wir müssen viel mehr im Vorfeld ansetzen.“

Das ist eines der Ziele der Kreiselternvertretung, der Armin Däuwel vorsteht: die Prävention stärken. Dazu braucht es nicht nur Unterstützung aus dem neu gewählten Stadtrat, sondern auch aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Und natürlich von den Eltern. „Früher“, sagt er, „hatten wir ein festes soziales Gefüge. Wir gingen dort zur Schule, wo wir wohnten, kannten die Menschen in der Straße, im Wohngebiet, auf dem Spielplatz. Heute zerstreuen sich die Kinder nach der Schule in alle Himmelsrichtungen, sind oft nachmittags allein, weil die Eltern arbeiten müssen, also geht’s ans Handy, an den PC.“

Kiffen – Zocken – Saufen: Wie kann ich mein Kind vor Süchten schützen? So lautet der Titel einer Veranstaltung am 1. Oktober, die die Elternvertretung des Heinrich-Hertz-Gymnasiums gemeinsam mit der Kreiselternvertretung derzeit vorbereitet. Referent ist der Präventionsberater und Motivationstrainer Michael Stahl, bekannt aus dem Fernsehen und durch seine zahlreichen Bücher.

„Mit der Veranstaltung wollen wir wach rütteln und auf das Problem aufmerksam machen“, sagt Armin Däuwel. Dass Erfurt ein Drogenproblem hat, hat sich längst herumgesprochen. Bei der Veröffentlichung der Drogenstatistik im März hatte Polizeichef Jürgen Loyen verkünden müssen: Die Zahl der polizeilich erfassten Drogen-Fälle im Stadtgebiet stieg von 1337 im Jahr 2017 auf 1932 in 2018.

„Das Verwerfliche ist nicht, dass man ein Problem hat mit Drogen an der Schule. Sondern es zu leugnen und die Augen zu verschließen und nichts zu unternehmen“, sagt Armin Däuwel. Es seien zudem längst nicht mehr nur die Schüler, die Drogen nehmen. Auch in vielen Elternhäusern sei es Normalität geworden, Alkohol und illegale Drogen zu konsumieren – ein gefährlicher Kreislauf, aus dem Kinder allein nicht herauskommen.

„Wir müssen uns fragen, in wie weit und an welcher Stelle kann hier Gesellschaft eingreifen“, meint der Kreiselternsprecher. „Welche Aufgabe kann Schule erfüllen, Vereine, Beratungsstellen? Es fehlt etwas Übergreifendes, eine Koordinationsstelle aller Aktivitäten.“

Im Haushalt sei dafür kaum Geld eingestellt. Zwar wird der „Revolution Train“, der im September wieder in Erfurt Halt macht, finanziell unterstützt. Doch reicht dieses Geld schon nicht aus, der Verein Suchtprävention Erfurt („SuPEr“) ermöglicht hauptsächlich den Besuch.

Armin Däuwel gibt zu bedenken: „Wenn man rechnet, was ein Entzug kostet, dann dürfte doch überhaupt nicht über die Kosten für Prävention diskutiert werden.“

Die Veranstaltung findet am Dienstag. 1. Oktober ab 19 Uhr im Atrium der Stadtwerke statt. „Wir danken Peter Zaiß, dass er uns diese Räumlichkeit zur Verfügung stellt und uns unterstützt. Das hilft sehr“, betont Armin Däuwel.

Die Teilnahme ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist erwünscht: elternakademie @eltern-erfurt.de

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