Erfurt: Die Hochschule, die es nicht gab

Erfurt  25 Jahre Uni Erfurt: Die Katholisch-Theologische Fakultät gehört heute zur Universität. In der DDR lief der Betrieb inoffiziell

Der Theologe Michael Gabel hat die Geschichte der Hochschule selbst miterlebt.

Der Theologe Michael Gabel hat die Geschichte der Hochschule selbst miterlebt.

Foto: Marco Schmidt

Schon Martin Luther hat hier studiert und auch heute zieht die Katholisch-Theologische Fakultät jedes Jahr junge Menschen zum Theologiestudium nach Erfurt. Als erste und immer noch einzige Katholische Fakultät in Ostdeutschland blickt sie auf eine bewegte Geschichte zurück. Dabei wurde die Tradition der kirchlichen Lehre durch zahlreiche Umstände zunächst unterbrochen und später erschwert.

Ganz unabhängig von der späteren Gründung der Pädagogischen Hochschule gibt es die Fakultät schon seit 1952. Damals nahm sie nur durch eine außergewöhnliche Verkettung von Umständen ihren Betrieb in der Domstraße 10 auf: „Durch den Krieg gab es nur sehr wenig Pfarrer, doch auch in der DDR sollte die Möglichkeit geschaffen werden, Priester werden zu können. Eigentlich war eine neue Ausbildungsstätte in Ostberlin geplant und der Professor aus Wandersleben schon in die Hauptstadt berufen. Doch am Vorabend des Lehrbeginns hat Walter Ulbricht die Gründung untersagt, mit dem Argument, dass Berlin nicht zur DDR gehöre“, erklärt Michael Gabel, Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie.

Nach dieser Absage musste nun improvisiert werden, damit die aufwendigen Vorbereitungen nicht umsonst gewesen sein sollten. Nachdem die Russen erst einen Platz in Ohrdruf angeboten hatten, meldete sich schließlich der Erfurter Weihbischof. „Das alte Internat im Konradhaus im Fischersand wäre zumindest ein Anfang, hat er gesagt. Und so ging es in einer Nacht- und Nebelaktion nach Erfurt, wo ja auch die Räume in der Domstraße seit 1816 frei waren.“

Nach vierwöchiger Verzögerung wurde der Betrieb am Bonifatiustag 1952 in Erfurt aufgenommen. Doch auch damit war die sprichwörtliche Messe noch nicht gesungen. So war die Hochschule nicht im Hochschulverzeichnis der DDR zu finden. „In einem gewissen Sinne waren wir nichts“, so Gabel, der selbst als Student die Seminare in der Domstraße besuchte. „Wir waren geduldet, hatten aber keine rechtliche Grundlage. De facto waren wir aber doch auch beachtet – das hat sich in dem gezeigt, dass sich SED-Leute zu den Geburtstagen unserer Professoren gezeigt haben.“

In dieser Gemengelage zu existieren klingt zwar mühsam, war aber laut Gabel doch nicht gänzlich aussichtslos: „Man staunt, was doch alles möglich war. In den 1970er-Jahren gab es sogar eine Phase, in der wir viel mit Evangelischen Theologen zusammengearbeitet haben. Das ist heute viel schwieriger denkbar, aber wir als kirchliche Hochschulen haben auch im Hinblick auf den gemeinsamen Gegner sehr stark zusammengehalten.“

Auch der Vatikan hatte Mitspracherecht

Mit der Zeit entwickelte sich die Theologie in Erfurt zur Drehscheibe für namhafte Professoren aus ganz Europa, auf deren Gastvorlesungen bundesrepublikanische Universitäten nicht zu hoffen gewagt hätten. Der Fall der Mauer sorgte 1989 dann allerdings entgegen aller Erwartungen zunächst nicht für leichteres Arbeiten, sondern für neue Probleme.

So hatte die Hochschule seit 1952 immer noch keine rechtliche Stellung in Staat und Kirche, woran auch der Beitritt zur BRD nichts änderte. Als Notlösung diente eine umständliche, aber wirksame Rechtskonstruktion, nach der die Theologische Hochschule fortan der päpstlichen Universität ‚Gregoriana‘ in Rom zugehörte.

Als päpstlich-römische Universität in Deutschland war der Lehrbetrieb zwar gesichert, doch die Odyssee noch nicht vorbei. Als die 1987 als Interessengemeinschaft ‚Alte Universität Erfurt‘ gegründete Universitätsgesellschaft erste Bemühungen kundtat, die 1816 geschlossene Universität neu zu gründen, wollten auch die Theologen mitmischen.

Die Verhandlungen des Vatikans als Dienstherr der Hochschule mit dem Land Thüringen als staatliche Ebene gestalteten sich insofern schwierig und langwierig, als dass erst die Überzeugungskunst des damaligen Ministerpräsidenten Bernhard Vogel fruchtete. „In Polen gab es die selben Bemühungen, die sehr erfolgreich verliefen. Und da es gerade einen polnischen Papst gab, war Vogels Argument, warum es in Polen funktionieren solle, aber in Erfurt nicht. Und plötzlich war doch ein Weg da“, wie der gebürtige Erfurter erinnert.

Nach acht Jahren hartnäckigster Verhandlungen wurde der letztendliche Beschluss Ende 2002 ratifiziert und die Hochschule wurde über Nacht zur Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt.

Sozusagen als Morgengabe schenkte die Kirche ihrer neuen staatlichen Einrichtung die Renovierung der Villa Martin am Rand des Campus an der Nordhäuser Straße, die zuvor schon als russische Oberkommandantur, Kindergarten der Professorenkinder und Max-Weber-Kolleg gedient hatte.

„So sind wir auch auf dem Campus der Universität präsent, auch wenn die meisten Veranstaltungen in der Domstraße stattfinden“, wie Gabel sagt. „Wir wollen aber nicht nur eine räumliche Verbindung, auch geistig bemühen wir uns um gemeinsame Veranstaltungen oder lassen den Universitätschor und das Uniorchester in unseren Räumen proben.“

Michael Gabel, der zu DDR-Zeiten von staatlicher Ebene eigentlich für das Studium der Mathematik in Jena vorgesehen war, möchte diesen Gedanken auch zukünftig weitertragen: „Wir haben so viel gemeinsam, die Untersuchung von Themen, das Fragenstellen und das Erlernen von valider Argumentation gibt es bei uns wie auch in der Physik. Das soll sich auch in der Theologie widerspiegeln, sodass wir den Katholizismus mit der Gesellschaft in Verbindung bringen und uns im Zuge dessen mit der Religionsbedeutung und der aktuellen Entfremdung von Religion auseinandersetzen.“