Erfurter Tafel verzeichnet weniger Besucher: „Die Leute haben wohl einfach Angst“

Erfurt  Bei der Erfurter Tafel gehen nach wie vor reichlich Lebensmittelspenden ein. Aber die Bedürftigen holen sie nur zur Hälfte ab

Die Chefin der Erfurter Tafel, Andrea Kranhold, ist mit den Lebensmittelspendern sehr zufrieden. Alle Kühltruhen sind gut gefüllt.

Die Chefin der Erfurter Tafel, Andrea Kranhold, ist mit den Lebensmittelspendern sehr zufrieden. Alle Kühltruhen sind gut gefüllt.

Foto: Michael Keller

Wie geht's? Wortlos klappt Andrea Kranhold eins, zwei, drei Kühltruhen auf. Bockwurst, Käse, Baguette, Fertiggerichte. Alles da. Die Gefriermöglichkeiten der Erfurter Tafel in der Auenstraße sind gut gefüllt. Die Tafelchefin, die seit 22 Jahren mit Begeisterung und aus Überzeugung die karitative Einrichtung führt, kann sich über Spendenzulauf bei Lebensmitteln nicht beklagen. Sponsoren seien in der Corona-Krise nicht abhanden gekommen. Es seien eher noch mehr geworden. Der Zustrom an Gemüse, Obst, Wurst, Brot und Gebäck sei nie abgerissen.

Abhanden gekommen ist Kranhold aber das Tafel-Klientel, bei ihr heißen sie Abholer, also die Bedürftigen. Gut um die Hälfte derer, die sich sonst von Montag bis Samstag regelmäßig in der Auenstraße mit Lebensmitteln und Dingen des täglichen Bedarfs, auch Textilien und Möbel, eindecken konnten, ist die Zahl geschrumpft. 70 sind es noch pro Tag, früher waren es manchmal um die 300.

„Die Leute, vor allem die älteren, haben einfach Angst“, ist die Tafel-Leiterin überzeugt. Das habe sie auch aus den Gesprächen herausgehört. Dessen ungeachtet funktioniere das Hygienekonzept mit denen, die sich nicht abschrecken ließen. „Wir passen da schon auf“, sagt sie. Hände desinfizieren vor Betreten des Gebäudes, Einzelabfertigung. „Was vielleicht auch den einen oder anderen abhält“, so ihre Vermutung.

Fast die Hälfte der Einnahmen weggebrochen

„Unsere 30 Stammsponsoren sind nach wie vor eine verlässliche Hilfe“, sagt die 49-Jährige. Die Nachfrage indes gehe zurück. „Eine ganz neue Erfahrung und zugleich eine Bedrohung für uns“, sei das, sagt sie. Warum? Weil die Tafel dadurch viel weniger Einnahmen hat. Denn hier wird nichts verschenkt. Bei jedem Besuch werden 2,50 Euro pro Erwachsener und 50 Cent pro Kind aufgerufen. 40 bis 50 Prozent der Einnahmen sind im vergangenen Jahr weggebrochen. Personal, Sachkosten, Nebenkosten, Kfz-Kosten - alles läuft dennoch ungerührt weiter. „Ich rechne nach dem Kassensturz mit einem Minus von rund 10.000 Euro“, befürchtet Andrea Kranhold.

Im April entscheidet sich, ob die Tafel durchhalten kann. Denn dann wackeln womöglich die kleinen finanziellen Zuwendungen für die ehrenamtlichen Helfer, die Bufdis und die Leute, die über Fördermaßnahmen zur Tafel kommen. Das Sozialamt zahlt zwar die Hälfte der Miete für das Hinterhaus in der Auenstraße 55. Aber die andere Hälfte muss halt selbst erwirtschaftet werden.

Dass es nicht noch schlimmer wurde, das habe man dem Verein Ella Fahrdienst zu verdanken. Junge Studenten, die unentgeltlich mit dem Drahtesel die Lieferungen zu den bedürftigen Risikopersonen gebracht haben. Nach Semesterbeginn fielen aber auch die weg. Heißt das im Gegenzug, die Tafel muss von den reichlich gelieferten Spenden mangels Nachfrage Lebensmittel wegwerfen? Mitnichten.

Erst durch Corona auf die Tafel aufmerksam gemacht

„Wir haben in Erfurt rund 15 Verein, die Bedürftige betreuen. Das sind dankbare Abnehmer“, sagt die Chefin, die eigentlich am 25. März dieses Jahres das 25-jährige Bestehen der Erfurter Tafel feiern wollte. „Wird wohl nix, Pustekuchen“, sagt Kranhold. Die dennoch nicht unzufrieden ist. Auch, weil Kleider- oder Sachspenden von Privatpersonen weiter gebracht werden. Oder Desinfektionsmittel. Manch ein Erfurter sei ganz und gar erst durch diese unsägliche Corona-Krise auf die Tafel aufmerksam geworden.

Macht das unter diesen Rahmenbedingungen eigentlich noch Spaß im 22. Arbeitsjahr? Auf die Frage kommt sofort, ohne zu zögern, die Antwort: „Na klar. Trotz oder gerade wegen der vielen Unwägbarkeiten. Aber Langeweile ist ohnehin nichts für mich“, sagt Andrea Kranhold. Irgendwas zu kämpfen gebe es immer. Und wenn es nur darum gehe, der Stadt irgendwie eine der leer stehenden oberen Etagen im Gebäude als Lager abzuringen. Bislang vergebens. „Verstehe ich nicht“, sagt sie.

Es regne rein, es gebe keine sanitären Einrichtungen und dennoch argumentiere man seitens der Stadt, man müsse wegen der Gleichstellung der anderen Vereine die Räume für andere offenhalten. Doch wolle da aber keiner rein. Es gebe deshalb durchaus Wege, damit der Tafel zu helfen. „Aber da muss ich nachhaken und den OB daran erinnern, dass er sich darum kümmern wollte“, sagt die Tafelchefin lächelnd, aber dennoch entschlossen.