Erfurt: Statistik der Polizei belegt das wachsende Drogenproblem

Erfurt  Zahl der Fälle steigt von 1337 auf 1932. Gymnasiasten als Dealer vor Gericht. Umgang mit Schülern als Herausforderung

Bei rund 20 Prozent der in der Kriminalstatistik erfassten Drogendelikte von 2018 geht es um Methamphetamine wie Crystal Meth.

Bei rund 20 Prozent der in der Kriminalstatistik erfassten Drogendelikte von 2018 geht es um Methamphetamine wie Crystal Meth.

Foto: Marco Kneise

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Ende März 2018 nahm die Erfurter Polizei zwei Drogenhändler vorübergehend fest. Die Beamten ertappten sie nach längerer Observierung bei einer Übergabe von 150 Gramm Crystal. Bei den folgenden Durchsuchungen wurden bei ihnen außerdem 3900 Euro in bar, 270 Gramm Marihuana und 43 Ecstasy-Pillen sichergestellt.

Die beiden Dealer waren Abiturienten. „Sie konnten ihr Abitur abschließen“, sagt Erfurts stellvertretender Kripo-Chef Markus Schminkel. „Aber die Abi-Feier konnten sie nicht mehr besuchen.“ Das Gerichtsverfahren gegen die Drogenhändler läuft.

Ein Einzelfall? Die Polizei glaubt nicht daran. „Das Jahr 2018 war allgemein mit den Vorjahren vergleichbar“, meint Polizeichef Jürgen Loyen bei der Vorstellung der Kriminalitätsstatistik für das abgelaufene Jahr. Es falle aber durch die „zunehmende Betäubungsmittelkriminalität“ auf. Wer es noch nicht gewusst hat: Erfurt hat ein Drogenproblem.

Die Zahl der polizeilich erfassten Drogen-Fälle im Stadtgebiet stieg von 1337 im Jahr 2017 auf 1932 im Vorjahr. Der Anstieg sei nicht etwa Ausdruck der bei anderen Kategorien üblichen statistischen Schwankungen, sondern setze einen schon länger beobachteten Trend fort. „Das zeigen auch die Lageberichte und die Erfahrungen der Kollegen“, meint Loyen.

Der Polizeichef selbst berichtet vom Gespräch mit einem Erfurter Schulleiter, der ihn schließlich um Rat fragte: „Was soll man machen, wenn mehr als die Hälfte der 12. Klasse sich die Birne zuklingelt?“

Eine einfache Antwort konnte Loyen nicht geben. „Das Beispiel macht klar, wie bedrohlich die Lage ist“, meint er nur.

Auch Matthias Polten, Verkehrsexperte der Erfurter Polizei, kennt solche Schilderungen. Denn er ist auch Mitglied der Kreiselternschaft. „Schon früher hatten die Schulen ein Problem mit den älteren Schülern“, meint Polten. „Aber jetzt berichten uns die Schulen verstärkt von Eltern, die Drogen nehmen.“ Der Fluch der Drogen durchzieht die Gesellschaft.

Die Statistik reiße das Problem nur an der Oberfläche an, befürchtet Marcel Günther, Abteilungsleiter Kriminalitätsbekämpfung bei der Erfurter Polizei und verantwortlich für die Jahres-Statistik. Die Vielzahl der bekannten Fälle weise auf eine hohe Dunkelziffer hin.

Crystal macht inzwischen rund 20 Prozent der Drogendelikte aus. Cannabis ist weiterhin die mit Abstand am weitesten verbreitete Droge und für die Hälfte der erfassten Fälle verantwortlich. Ecstasy, LSD und Heroin kommen kaum noch vor. Kokain ist jedoch wie in ganz Deutschland auch in Erfurt wieder auf dem Vormarsch und hat sich in der Fallzahl auf 40 verdoppelt – bislang also noch auf eher niedrigem Niveau.

Der Umgang mit Drogen konsumierenden Schülern stelle eine besondere Herausforderung dar, findet Marcel Günther. „Den Lehrern ist das Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen wichtig“, sagt er. Wie übrigens auch viele Eltern scheuten sich die Lehrer daher vor Anzeigen, was die Polizei nachvollziehen kann. „Eine Razzia in einer Schule wäre das letzte Mittel“, sagt Günther.

Für Polizeichef Loyen handelt es sich beim Drogenkonsum um ein „generelles gesellschaftliches Problem“, dem man am besten mit mehr Informationen und Sensibilisierung begegne. Ausdrücklich begrüßt er daher den Anti-Drogen-Zug „Revolution Train“, der auch in diesem Jahr wieder in Erfurt Station machen soll. „Die Rückmeldungen waren durchgehend positiv“, sagt er über Reaktionen von Polizisten, die selbst Eltern sind.

Mit dem Drogenkonsum steigt in der Statistik auch die Beschaffungskriminalität. Obwohl Diebstähle insgesamt abnahmen, erfasste die Polizei im Vorjahr eine Zunahme an Fahrraddiebstählen, Ladendiebstählen, Diebstählen aus Kellern und aus Gartenlauben sowie von Automatenaufbrüchen.

Die Diebstähle aus Geschäften und Büros gingen vor allem deshalb deutlich zurück, weil die Soko „Praxen“ der Erfurter Kripo einen Täterring zerschlug, dessen zahlreiche Mitglieder die Einbrüche hauptsächlich zur Finanzierung der Drogensucht begangen hatten.

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