Erfurter Arzt appelliert an Corona-Leugner

Erfurt.  Dr. Daumann testete 42 Bewohner eines von Corona betroffenen Seniorenheims. Die Hälfte war positiv. Das Leugnen macht ihn wütend

Dr. Norbert Daumann und Dr. Katrin Stöhr, Hausärzte aus der Schillerstraße, haben die Corona-Patienten aus dem Deutschordens-Seniorenhaus untersucht.

Dr. Norbert Daumann und Dr. Katrin Stöhr, Hausärzte aus der Schillerstraße, haben die Corona-Patienten aus dem Deutschordens-Seniorenhaus untersucht.

Foto: Holger Wetzel

Dr. Norbert Daumann griff am Wochenende zum Telefon, weil er wütend war. Der Hausarzt aus der Schillerstraße, zugleich Regional-Chef der Kassenärztlichen Vereinigung, rief zwei Kumpels an, die in sozialen Netzwerken Beiträge von Corona-Leugnern geteilt hatten. Dafür hatte Dr. Daumann keinerlei Verständnis.

Erst am Donnerstag war er ins Deutschordens-Seniorenhaus gerufen wurden, um dort Corona-Abstriche zu nehmen. Nach einem Positiv-Test wenige Tage zuvor hatte die Heimleitung Symptome bei weiteren Bewohnern gemeldet. Inzwischen ist das Seniorenheim im Rieth der größte Corona-“Hotspot“ in Erfurt.

Als Dr. Daumann die 42 Bewohner aus zwei Wohngruppen testete, war er berührt wie selten in seiner jahrzehntelangen Arzt-Laufbahn. In den Augen der alten Leute sah er die Angst. Die Angst, Angehörige nicht mehr sehen zu können und die Angst, vielleicht sogar zu sterben.

Corona hat das Leben der Heimbewohner schlagartig verändert

„Diese Menschen haben bis dahin regelmäßig ihre Angehörigen, Kinder und Enkel empfangen. Sie haben am gesellschaftlichen Leben teilgenommen und hatten mit Sicherheit noch viele solcher Jahre vor sich“, erzählt der Arzt. „Durch Corona hat sich das von einem Tag auf den anderen geändert.“

Am späten Freitagabend stellte sich heraus, dass 21 der 42 Tests positiv verlaufen waren. Zufällig war es Daumanns Praxis-Kollegin Dr. Katrin Stöhr, die gerade den Nachtdienst der KV übernommen hatte und ins Heim gerufen wurde. Bei vielen Bewohnern hatten sich die Symptome akut verschlechtert. Zu Fieber, Erschöpfung, Kopf- und Gliederschmerzen kam schwere Atemnot hinzu.

Sechs Patienten auf einmal mussten ins Krankenhaus eingewiesen werden. Inzwischen werden zehn Heim-Bewohner in der Klinik behandelt.

Nicht nur die Intensivstationen werden überlastet

Dr. Stöhr erlebte, wie professionell die Notfallzentrale und das Gesundheitsamt agierten. Sie sah aber auch, wie schnell das Gesundheitssystem überlastet werden kann, wenn sich Corona-Fälle häufen. Das betrifft längst nicht nur die Intensivstationen.

Die beiden Erfurter KV-Ärzte dieser Nacht waren gebunden. Die Krankenwagen, die nach den Transporten desinfiziert werden müssen, waren blockiert. Und die Notfallzentrale habe schon bei wenigen Corona-Einweisungen auf einmal keine Kapazitäten mehr für andere Notfälle.

Die Stadt verfüge zwar über Notfallpläne für bestimmte Corona-Szenarien, versichert Dr. Daumann. „Aber am Ende hängt es von der Eigenverantwortung jedes einzelnen ab, dass wir Ärzte nicht entscheiden müssen, wer auf eine Intensivstation darf“, meint er. Die Corona-Lage in Erfurt werde sich noch verschlimmern. Es komme darauf an, zumindest Berliner Verhältnisse zu verhindern.

Arzt rät, die Einzelschicksale nicht zu vergessen

„Jede Omi zählt“, sagt Dr. Daumann. Er rät daher den Corona-Leugnern, sich vorzustellen, wie es wäre, selbst oder im Verwandtenkreis einen Corona-Fall zu erleben. Die Einzelschicksale gingen unter den Statistiken viel zu oft unter, findet er.

Die Telefongespräche mit den Corona leugnenden Kumpels machten ihm Mut. „Ich hatte den Eindruck, dass sie einlenkten“, erzählt der Hausarzt.