Erfurter Geschichte: Wegen Kritik am Marxismus von Uni geflogen

Erfurt  In der Gedenkstätte Andreasstraße wurde das Buch „Rädelsführer“ vorgestellt. Vorfälle von 1973 werden aufgearbeitet

Während der Buchpräsentation in der Gedenkstätte Andreasstraße: Jochen Voit , Gabriele Stötzer und Wilfried Linke

Während der Buchpräsentation in der Gedenkstätte Andreasstraße: Jochen Voit , Gabriele Stötzer und Wilfried Linke

Foto: Esther Goldberg

Der Abend gerät zu einer Zeitreise. Zu einer Zeitreise in jene Jahre, da Gabriele Stötzer (damals Kachold) und Wilfried Linke an der Pädagogischen Hochschule studiert und 1976 geschmissen wurden.

Die szenische Lesung, mit der am Dienstagabend das Buch „Rädelsführer“ von Jochen Voit und Gabriele Stötzer in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße präsentiert wurde, ist überfüllt. Überwiegend ältere Damen und Herren sitzen im Podium, viele gehörten zur Seminargruppe DK 73. Deutsch/Kunst, Studienjahr 1973 also. Jetzt sind sie runder als damals, haben weniger Haare und vor allem kürzere, dünnere, gefärbte.

Die Stimmung, die ein wenig an ein Klassentreffen erinnert, steht im Widerspruch zu dem, wovon Voit und Stötzer in diesem Buch sprechen – von der unfreiwilligen Exmatrikulation. Man freut sich, einander wieder zu sehen. Jetzt, 42 Jahre später. Und zu erleben, wie Ester Ambrosino (Tanz) und Daniel Hoffmann (Trompete) ihre ganz eigene Interpretation der Ereignisse von 1976 geben.

Es ließe sich vieles über das Buch „Rädelsführer“ sagen, das ohne die Initiative von Gabriele Stötzer nicht entstanden wäre. Und ohne die wissenschaftliche Arbeit von Jochen Voit wohl auch nicht. Er nämlich bot ein Seminar über den studentischen Protest in der DDR 1976 an. Studierende der Uni Erfurt machten sich auf, einstige Studentinnen und Studenten zu befragen.

Und doch verbietet sich eine Rezension. Weil es darin in Interviews und Gedächtnisprotokollen um Lebensbrüche geht, die jungen Leuten bewusst zugefügt wurden. Lebensbrüche, an denen sie in der DDR hätten endgültig zerbrechen können. Dass es dieses Buch gibt, ist gut. Auch, wenn es vermeintlich einige Recherche-Schwächen haben sollte, wie einer der Besucher behauptet. Doch vielleicht sind das auch nur unterschiedliche Erinnerungen. Die Wahrheit ist immer auch subjektiv.

Diese 233 Seiten zeigen Unglaubliches, das zu glauben nötig ist: Wegen eines Textes für die Hochschulzeitung, in dem Wilfried Linke den langweiligen Unterricht im Fach Marxismus-Leninismus kritisiert, gibt es Aussprachen, Debatten und Anhörungen und schließlich die Exmatrikulation. Die geht einher mit einem generellen Studierverbot in der DDR.

Einen Tag vor dieser Exmatrikulation schreiben andere Studierende an Bildungsministerin Margot Honecker. 83 Unterschriften gibt es.

Gabriele Stötzer muss zu Beginn des neuen Studienjahres gehen. Zwei weitere Studentinnen ziehen ihre Unterschriften später auch nach heftiger Debatte nicht zurück und werden ebenfalls von der Pädagogischen Hochschule geschmissen.

Niemand kann heute sagen, wie das Leben jener Frauen und Männer ohne diese Zäsur verlaufen wäre. Ganz sicher mit weniger Blessuren und Schmerzen.

1992 wird Wilfried Linke rehabilitiert und geht endlich zum Studium. „Diese Rehabilitation war für mich Balsam“, sagte er in der Veranstaltung. „Und das Buch ist wichtig, damit wir uns an die humanistische Solidarisierung erinnern. Solche Werte sind auch heute nötig“, weiß er. Er lebt inzwischen in Villingen als Therapeut. Mit Erfurt verbindet ihn nahezu nichts mehr.

Das Buch ist im Lukas-Verlag erschienen und dürfte vor allem einstige Studierende interessieren, die in den Siebzigern in der DDR an Hochschulen und Universitäten gelernt haben. Wie fasste es doch eine Frau im Publikum treffend zusammen: „Ich war keine Heldin und habe meinen Mund gehalten“.

Darüber denkt man nicht nur an diesem Abend nach, da Gabriele Stötzer und Wilfried Linke und die anderen beinahe froh wirken. Froh, weil dieses Buch nun erschienen ist. Und damit wieder ein Stück Alp von der Seele rutschen könnte.

Zeitreisen sind lang. Lebenslang.

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