Erfurter Kollegen aus DDR-Zeit pflegen Freundschaften bis heute

Erfurt  Geblieben: Die Freundschaften zwischen Kollegen überstanden den radikalen Wandel in der Erfurter Wirtschaft

Das Gelände der Umformtechnik im Jahre 2005. Dieser Industriestandort konnte erhalten werden

Das Gelände der Umformtechnik im Jahre 2005. Dieser Industriestandort konnte erhalten werden

Foto: ARCHIV

„Geblieben“ heißt eine Erfurt-Serie unserer Zeitung seit Jahresanfang 2019. Wir stellten Menschen vor, die ab 1989 – oft nach jahrzehntelanger Verwurzelung -- ihr berufliches Zuhause verloren haben: durch Insolvenz, durch Zerschlagung von Kombinaten und Großbetrieben in kleinere Wirtschaftseinheiten, durch das Wirken der Treuhand.

Anliegen der Serie war es, aufzuzeigen, was geblieben ist nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch: die Zeitzeugen pflegen den Zusammenhalt. Der gemeinsame Arbeitsplatz erwies sich als stabile Wurzel einer sozialen Heimat, die überdauerte: in Form von Freundschaften, gegenseitiger Hilfe, in der Pflege der Erinnerung, ja auch in der Aufarbeitung des Geschehenen.

Dieses Phänomen ist für die hiesige Region ein besonderes Merkmal. Da gibt es Rituale wie Jahrestreffen (Schuster, Centrum-Warenhaus, Erfurter Hof), zwischendurch monatliche Zusammenkünfte im kleineren Kreis (WBK-Frauen und die Wandergruppe von Umformtechnik) oder gar wöchentlich (Optima-Frühstücksrunde).

Nicht nur vor 100 Jahren, im Zeitalter der Industrialisierung, war Erfurt ein großes, bedeutendes Zentrum. Noch 1978 schrieben die Erfurter Autoren Ingrid und Lothar Burghoff in einem Stadt-Porträt: „Für fast 5 Milliarden Mark (DDR-Mark/ Anm. d. R.) stellen 119 Industriebetriebe pro Jahr Waren und andere Erzeugnisse her . . .: gewaltige Bauteile des VEB Stahlbau Gispersleben und Großumformautomaten des Kombinats Umformtechnik, modische Schuhe aus dem Schuhkombinat „Paul Schäfer“, dem größten Damenschuhhersteller der DDR, Oberbekleidung aus dem Erfurter Bekleidungskombinat, Mikroelektronikerzeugnisse des Kombinates VEB Funkwerk und Büromaschinen der „Optima“...

Dieses Jahr liegt die gesellschaftliche Wende mit der nachfolgenden Einheit 30 Jahre zurück. Derzeit tourt die Rosa-Luxemburg-Stiftung mit einer Wanderausstellung „Schicksal Treuhand“ durch die Republik. Diese stellte im August im Kunsthaus auch Erfurter Beispiele, wie die Schuhfabrik „Paul Schäfer“, vor. Im Begleitbuch ist anhand von Dokumenten von wilder Privatisierung, ausgehebelter Gesetzmäßigkeit, von Marktbereinigung und Ausschalten der Konkurrenz die Rede.

Erfurts plötzliche Deindustrialisierung ist ein Thema, das nur langsam aufgearbeitet wird. Bei unseren Recherchen hieß es sowohl im Erfurter Stadtarchiv wie im Wirtschaftsarchiv der Industrie- und Handelskammer, dass kaum belastbare Zahlen verfügbar sind. „Wir haben gesucht, aber es ist nicht befriedigend“, sagen Stadtarchivleiterin Antje Bauer und Archivarin Rose (siehe Karte mit Legende).

Die Journalisten Hanno Müller und Dietmar Grosser haben sich vor Jahren für eine TA-Serie bundesweit durch Archive gearbeitet. Dietmar Grosser benennt die Industrieverluste als dramatisch. „Zwei Drittel aller Beschäftigten verloren innerhalb kürzester Zeit ihre Jobs.“

Erholt haben sich Thüringen und Erfurt davon nicht wieder. „Klein, aber fein – so könnte man heute jene Industriebetriebe der Thüringer Landeshauptstadt einstufen, die in den letzten 30 Jahren überlebt haben. Von westdeutschen Industriezentren wie Stuttgart, Wolfsburg oder Ingolstadt jedenfalls ist Erfurt um Lichtjahre entfernt,“ urteilt Dietmar Grosser.

Und noch einen Aspekt: der Berufsnachwuchs. Nun nicht mehr für einen Großbetrieb, so doch für die Wirtschaft, das Handwerk. Heute dominieren Verwaltungen, Behörden, Gerichte, es gibt Medienunternehmen, Logistikfirmen, Dienstleister.

Eine Kurzumfrage unter Redakteuren dieser Zeitung zu ihrem ersten handfesten Kontakt mit Erfurts Wirtschaft zu Schulzeiten weckte übrigens noch eine Erinnerung: an die Unterrichtstage in der Produktion (UTP). Ob im Reparaturwerk Clara Zetkin, beim Starkstromanlagenbau oder einem Zulieferer für Telefonanlagen. . .

Es war nicht für jeden der Lieblingsunterrichtstag, aber in vielen Fällen hilfreich für die spätere Berufswahl. Der korrekte Name, auch der genaue Ort der Partnerbetriebe sind teils vergessen. Das Erlebte jedoch – „wir haben auch mal Taschenlampen montiert“, so unser Fotograf – ist ihnen in guter Erinnerung geblieben.

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