Wunsch nach wohnortnaher Schule wird in Erfurt immer seltener erfüllt

Erfurt  In den nächsten Jahren wird der Wunsch nach einer wohnortnahen Beschulung der Kinder nicht zu erfüllen sein. Denn die Kinderzahl wächst schneller, als die Stadt mit ihren Bauplänen mithält.

Für alle 2044 neuen Erstklässler wurde in Erfurt eine Schule gefunden.

Für alle 2044 neuen Erstklässler wurde in Erfurt eine Schule gefunden.

Foto: Martin Schutt/dpa

Beim Verteilen der Kinder auf die Schulen spielen Stadt und Staatliches Schulamt ihre letzten Joker aus. Für das neue Schuljahr sind alle Schüler untergebracht, bestätigt die Bildungsdezernentin Anke Hofmann-Domke (Linke). Doch in den nächsten Jahren wird der Wunsch nach einer wohnortnahen Beschulung der Kinder für noch mehr Eltern nicht zu erfüllen sein. Denn die Kinderzahl wächst schneller, als die Stadt mit ihren Bauplänen mithält.

2044 ABC-Schützen werden im Sommer eingeschult, davon 249 an freien Schulen. Um ausreichend Platz an den Staatlichen Grund- und Gemeinschaftsschulen zu schaffen, wurden an zehn Schulen die Klassenstärken über den 24-er Standard erhöht oder die Schulen gar um ganze Klassen aufgestockt. Die Europaschule etwa werde erneut mit sechs ersten Klassen starten, sagt Bildungsamtsleiter Werner Ungewiß.

Entspannung verspricht eine neue Grundschule, die im Herbst zunächst im Gebäude der Regelschule am Langen Graben gegründet wird. Die eigenständige Schule soll Mitte der 20er Jahre an einen neuen Schulstandort nahe der Mühlhäuser Straße ziehen. Sie startet aber 2020 mit zwei ersten Klassen am Gründungsort.

Die Gebäude fehlen

Bis Sommer 2020 werden die Schuleinzugsbezirke aufgelöst, wie der Stadtrat im Schulnetzplan beschloss. Doch die neue Grundschule „8s“ wird die Ausnahme von der Regel sein: Sie bekommt einen Einzugsbezirk, der entlang der Straßenbahnlinie nach Bindersleben verläuft, erläutert Werner Ungewiß. So werde der Anmeldedruck von der Europaschule genommen.

„Wenn die geplanten Baumaßnahmen greifen, kehren wir zu den Schuleinzugsbezirken zurück“, betont die Dezernentin Hofmann-Domke. Doch vorerst fehlen die Gebäude.

Besonders eng geht es in der Altstadt, der Oststadt und in Süd-West zu. An ihre Kapazitätsgrenzen stoßen neben der Europaschule (Grundschule 8) auch die Grundschulen 30, 7, 2 und 17 sowie die Gemeinschaftsschule 5 in Urbich.

„Die Verteilung kennt nur die Richtung Norden“, sagt Amtsleiter Ungewiß. Die Kapazitäten im Norden führen auch zu der Rechnung, das rein mathematisch im Primarbereich noch 143 freie Plätze vorhanden sind.

Alle Gymnasien sind überfüllt

Bei der Aufnahme neuer ABC-Schützen gilt es für die Stadt, den nächsten Sommer zu überstehen. Darauf folgen zwei Jahre mit geringeren Kinderzahlen. „2023 schießen die Zahlen dann aber durch die Decke“, sagt Ungewiß. Er kann nur hoffen, dass die bis dahin geplanten Investitionen auch umgesetzt werden. Noch kritischer sieht es im Sekundarbereich aus. Auch wenn aus den 680 Wünschen, ein Gymnasium zu besuchen, nach der Verteilung durch das Staatliche Schulamt nur 457 konkrete Anmeldungen wurden, sind nahezu alle Gymnasien überfüllt. „Lediglich das Heinrich-Hertz-Gymnasium hat noch Kapazitäten“, sagt die Schulnetz-Planerin Sandra Bennewitz.

Zusammen mit Gemeinschafts- und Regelschulen beträgt die freie Kapazität bei neuen fünften Klassen gerade einmal 89 Plätze - aktuell. In dem Bereich wird die Schülerzahl schon sehr bald um rund 250 Plätze aufwachsen.

In diesem Jahr nimmt das Gymnasium 10 eine dritte fünfte Klasse auf. Aber das ist nur ausnahmsweise möglich. Weiter wachsen kann das Gymnasium erst, wenn irgendwann der Schulstandort Muldenweg frei gezogen und saniert ist, um die Grundschule 3 aufzunehmen, mit der sich die Gymnasiasten so lange das Gebäude teilen. Auch an der Hochheimer Gemeinschaftsschule und an der Integrierten Gesamtschule werden je eine fünfte Klasse mehr als geplant gebildet.

Bereits im nächsten Sommer könnte die Kapazitätsrechnung rote Zahlen aufweisen. Das Bildungsamt hat auf die Erweiterungsbauten in Kerspleben und Hochheim gehofft, doch stehen sie wohl erst gegen Ende des nächsten Jahres zur Verfügung. Gewissen Erweiterungsspielraum haben noch die Gemeinschaftsschule vom Roten Berg und das Hertz-Gymnasium. Mit der Fertigstellung der Berufsschule vom Leipziger Platz werden zudem einige von Berufsschülern genutzte Räume an der Bukarester Straße frei.

Andererseits wurde die Aufnahmekapazität der Gemeinschaftsschule am Nordpark heruntergefahren, weil ein Schulteil saniert wird. „Wir rechnen mit jeder Klasse“, sagt Ungewiß.

250 neue Wohnungen werden dieses Jahr in Erfurt fertig

Die Berechnungen gehen von den Geburtenzahlen aus, was bislang recht genaue Prognosen ergab. Doch werden in Erfurt ja auch viele neue Wohnungen gebaut - 250 werden in diesem Jahr fertig, jeweils rund 1100 in den folgenden Jahren. Ziehen dort junge Familien in Größenordnung ein, könnte der Bedarf noch deutlich steigen. „Es fehlt zum Beispiel dringend eine Schule im Bereich der Halleschen Straße“, meint Ungewiß.

Umso wichtiger erscheint das neue Anmeldeverfahren, das der Schulnetzplan beauftragt hat und das eine gerechte und transparente Verteilung der Schüler ermöglichen soll. Die Verteilung liegt in der Hand des Staatlichen Schulamtes auf Landesebene. Doch will die Verwaltung den Prozess aufmerksam begleiten. „Nach den Ferien gibt es einen ersten Termin mit dem Schulamt und den Elternvertretern“, sagt Anke Hofmann-Domke.

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