Erfurter Schwergewicht mit schönem Klang

Altstadt  Das Carillon im Bartholomäusturm wurde am 7. Oktober vor 40 Jahren eingeweiht. Ein Kran hob im August 1979 den Glockenstuhl über das Dach hinein

Als das Glockenspiel vor 40 Jahren eingebaut wurde, hatte der Turm ein Flachdach.

Als das Glockenspiel vor 40 Jahren eingebaut wurde, hatte der Turm ein Flachdach.

Foto: Sammlung Stadtmuseum

„Was den Bartholomäusturm von vielen anderen Türmen unterscheidet, ist sein schweres Innenleben“, steht auf dem städtischen Internetportal zu lesen. Gemeint ist das Carillon mit seinen 60 Bronzeglocken im Obergeschoss. Von Peter und Margarete Schilling wurden die Glocken entworfen und in der VEB Glockengießerei Apolda gegossen.

Das Glockenspiel wurde anlässlich des 30. Jahrestages der DDR angefertigt, in dem Turm eingebaut und am 7. Oktober 1979 eingeweiht. 15.000 Erfurter sollen das damals direkt vom Anger aus mitverfolgt haben. Die Glocken allein bringen mehr als 13 Tonnen auf die Waage. Aus Gründen der Stabilität floss zudem vor dem Einbau einiges an Beton innerhalb der künftigen Behausung. Zusammen mit der Treppenanlage und dem stählernen Glockenstuhl hatte der Turm seit dieser Zeit bestimmt 22 Tonnen mehr auszuhalten, schätzt der Carillonneur Ulrich Seidel, der als technischer Beauftragter des zuständigen Stadtmuseums auch den Zustand des Instruments im Blick behält.

40 Jahre Carillon im Bartholomäusturm sind Anlass zum Feiern. Musikalisch passiert das mit einer Reihe von Konzerten. Nach dem Auftakt am Freitag schließt sich am heutigen Samstag eine Festveranstaltung im Hotel Zumnorde an. Der Historiker Steffen Raßloff verpackt einen geschichtlichen Abriss in einem Kurzvortrag. Gezeigt wird außerdem der Kurzfilm „Das Erfurter Carillon“, eine Produktion der Erfurter Geschichtsmuseen und der städtischen Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit. Für den musikalischen Part sorgt der Carillonneur Sebastian Liebold aus Chemnitz. Er spielt bekannte Volkslieder und Werke von Strauß, Bayly, Lehár und anderen. Wie bei den Konzerten aus dem Bartholomäusturm üblich, ist die Musik am besten am Fuße des Turms und in dessen Nähe vom Anger aus, aber auch von der Zumnorde-Terrasse zu verfolgen.

Weitere Konzerte gibt es am morgigen Sonntag, 16 Uhr, mit Peter Siepermann aus Hattingen und Ulrich Seidel aus Erfurt. Sie präsentieren Kompositionen von Tárrega, Joris, Rodriguez und Seidel. Am eigentlichen Jubiläumstag erwartet Zuhörer ein ganz besonderes Konzert: Martin Stephan aus Westerland war der erste Carillonneur in Erfurt. Er spielt ab 16 Uhr das gleiche Programm, das er auch vor 40 Jahren präsentierte. Zusätzlich führt er das eigens für das Erfurter Carillon komponierte Stück „Das Erfurter Glockenspiel“ des Weimarers Karl Dietrich von 1981 auf.

Gerade 18 Jahre alt war der jetzige Carillonneur Ulrich Seidel, als das Glockenspiel im Bartholomäusturm Einzug hielt. „Das Ereignis ist damals völlig an mir vorbeigegangen“, gibt er unumwunden zu. Musik, das war aber schon immer sein Ding. Als Kind erhielt er Geigenunterricht. Mit 12 brachte er sich Gitarre spielen bei. Seine Leidenschaft für das Carillon entdeckte er 2007, als er sein Drehbuch zu einem filmischen Porträt der Stadt umsetzte. „Wie das funktioniert, wenn oben die Glocken hängen und unten die Leute lauschen, davon hatte ich keine Vorstellung. Aber ich dachte, das Carillon muss mehr in die Öffentlichkeit“, erklärt Seidel. Damals hatte er mit Carillonneur Franz Ludwig zu tun, der für das Ehrenamt einen Nachfolger suchte. Seidel hatte Klavierunterricht, vorher Schlagzeug und Bassgitarre gespielt und wurde neugierig. Weil sich kein Nachfolger fand, versuchte er sich autodidaktisch. Schnell merkte er, ohne Anleitung kommt man nicht weit. 2010 gab er für den Seniorenschutzbund sein erstes Carillon-Konzert, studierte dann von 2012 bis 2015 an der Königlichen Glockenspielschule im belgischen Mechelen und ein Jahr in Dänemark.

„Erst wenn ein Mensch das Stockklavier bedient, wird ein Glockenspiel zum Carillon“, erklärt Seidel den Unterschied zwischen beiden Begriffen, die gern synonym verwendet werden. Die automatische Bespielung dreimal am Tag – um 10, 12 und 18 Uhr – lässt viele Passanten aufhorchen. „Weil sich der Schall dort bricht, schauen viele sich suchend zum Gebäude der Sparkasse um, dann suchen sie weiter“, hat er schon häufiger beobachtet. Und sehen trotzdem nichts. Führungen zu den Bronzeglocken werden nur in kleinen Gruppen angeboten.

Fest steht: Das Instrument hat jetzt einen größeren Bekanntheitsgrad und zieht mehr Interesse auf sich als vor 15 Jahren. Mit einem Gerücht möchte der Carillonneur noch aufräumen: Es kursierte die Geschichte, dass sechs Glocken nachgegossen werden müssten, die aus Porzellan waren. „Die hätten sich klanglich gar nicht gegen die Bronzeglocken durchgesetzt“, so Seidel. Er erklärt sich das Zustandekommen des Gerüchts damit, dass der Glockengießer 1979 nicht so hundertprozentig mit der Stimmung zufrieden war. „Es gibt eine Eterna-Aufnahme, da hört man auch, dass das Instrument nicht ganz sauber gestimmt ist.“

1992 erhielt der Bartholomäusturm seine Spitze zurück, die im April 1945 dem Artilleriebeschuss beim Einmarsch der amerikanischen Truppen zum Opfer gefallen war. Anlässlich des 1250-jährigen Stadtjubiläums wurde die Haube rekonstruiert.

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