Erfurts größte Baustelle ohne Bebauungsplan

Erfurt  Am Alten Nordhäuser Bahnhof wächst derzeit in Erfurt eines der größten Bauvorhaben in der Stadt – trotz des immer noch fehlenden Bebauungsplanes.

Das Posthöfe-Bauprojekt nimmt Gestalt an: 13 Baukräne drehen sich auf 4,3 Hektar Bauland.

Das Posthöfe-Bauprojekt nimmt Gestalt an: 13 Baukräne drehen sich auf 4,3 Hektar Bauland.

Foto: Michael Keller

Klein Dubai. 13 Kräne auf exakt 43.051 Quadratmetern Grundfläche. Der Alte Posthof im Viereck Geschwister-Scholl-Straße, Alter Nordhäuser Bahnhof, Leipziger Straße und Hallesche Straße ist derzeit wohl Erfurts größte Baustelle.

Früher war hier die Stadt zu Ende. Heute baut der Leipziger Projektentwickler ImmVest Wolf GmbH im Auftrag einer Tochterfirma der Hessischen Landesbank ein riesiges Wohnquartier. „Hier entstehen 465 Mietwohnungen – 1,5 Raum bis 5-Raum – mit Grundflächen zwischen 48 und 100 Quadratmetern“, erklärt Projektleiter Steffen Voigt. Voigt ist zwar gerademal 43 Jahre, aber dennoch ein Routinier, was das Baugewerbe betrifft. Aktuell liegen 63 Einzelprojekte auf seinem Tisch, vier davon in Erfurt – u. a. das WirQuartier am Juri-Gagarin-Ring und die Lingel-Fläche.

Die Posthöfe nehmen den größten Raum ein. Nicht nur wegen der großen zu bebauenden Fläche. Rund 200 Bauleute aus zwei großen Baufirmen wuseln derzeit gleichzeitig umher, um die Rohbauten fertigzustellen. Und vielleicht etwas von dem einjährigen Bauverzug wieder aufzuholen. In diesem Monat soll das erste von fünf Gebäuden Fenster und Dach bekommen. Dann könne, so Voigt, im Januar, so alles gut läuft, der Innenausbau beginnen. Voigt formuliert vorsichtig, denn das Gesamtprojekt – Gesamtinvestvolumen 125 Millionen Euro – hängt etwas in der Luft. Weil, es hat bis heute keinen rechtskräftigen Bebauungsplan von der Stadt bekommen. Und das, obwohl das Projekt seit 2015 läuft und bereits zwei Millionen Euro in die Vorplanung gesteckt wurden, wie der Projektleiter versichert. Formal ist es ein Gewerbegebiet, immer noch. Auch jetzt, wo schon Unmengen an Beton und Stahl verbaut wurden. „Wir befinden uns in der Planreife, mehr nicht. Der Investor hat lediglich eine Baugenehmigung“, sagt Voigt. Der B-Plan ist noch immer nicht vom Stadtrat beschlossen. Die Auftragsplanung der beteiligten Baufirmen sei ins Wanken gekommen, einige seien sogar abgesprungen, so Voigt. Man habe seitens der ImmVest GmbH den Firmen Prämien gezahlt, damit sie keine anderen Aufträge annehmen, sondern auf den Baustart warten. Monatlich soll das nach Voigts Worten eine sechsstellige Summe gewesen sein.

Die Bauherren hatten eigentlich gehofft, dass das Stadtparlament schneller ist. Dann kam die Kommunalwahl. Und in Thüringen wurden neue Normen eingeführt, die nun neu berücksichtigt werden mussten. Von den seit einiger Zeit explosionsartig steigenden Baupreisen ganz zu schweigen. Nun ist der neue Stadtrat gefragt, das Projekt auf sichere Füße zu stellen. 465 Mietwohnungen in 36 einzelnen Mehrfamilienwohnhäusern sollten eigentlich Argument genug sein, dem Geldgeber Sicherheit zu verschaffen.

Das Gesamtareal hat Quartiercharakter. Es werden separate Wohnhöfe mit eigenen Gestaltungsmotti gebaut, bepflanzt mit Bäumen. In den Tiefgaragen werden ausreichend Stellplätze für alle Anwohner vorhanden sein, blickt Steffen Voigt voraus. Und vergisst nicht „jede Menge Fahrradstellplätze, innen wie außen“, zu erwähnen. In der Aufzählung ebenfalls enthalten: Parkbuchten, Parkplätze und eine Bushaltestelle. Mit der Option im Hinterkopf, diese auch später einmal für eine Stadtbahn, die schon lange in den Köpfen der Stadtplaner herumgeistert, nutzen zu können.

Im Zentrum des Quartiers türmt sich derzeit ein meterhoher Erdberg. Der soll später einmal zu einem grünen Zentrum inmitten der fünf Gebäudetrakte gestaltet werden. Mit Kinderspielplatz und Baumgruppen. Ganz nach den Wünschen der Stadt Erfurt, für die man auch noch den Ausbau der Geschwister-Scholl-Straße übernimmt. Und wo man auch noch die Dämmung für den Lärmschutz der dort ansässigen Großwäscherei bezahlt hat. Um den künftigen Nachbarn jede Geräuschbelästigung zu ersparen.

„Unser Ziel ist es, die ersten Häuser im Herbst 2021 bezugsfertig an die neuen Mieter zu übergeben“, sagt Projektchef Voigt. Angesichts der bekannten Wohnungsnot in Erfurt eigentlich kein schlechter Plan. Wenn denn nur endlich mal der Bebauungsplan käme.