Neues Einkaufszentrum in Erfurt: „Es wird ein Gebäude, über das man spricht“

Erfurt.  Eine Jury votiert einstimmig für den Entwurf eines Einkaufszentrums auf dem Schlachthofareal in Erfurt von Junk & Reich aus Weimar.

So sieht der Entwurf des Neubaus auf dem Gelände des verfallenen Schlachtofes aus.  

So sieht der Entwurf des Neubaus auf dem Gelände des verfallenen Schlachtofes aus.  

Foto: Junk & Reich Architekten

Josef Saller ist ein routinierter Immobilienexperte. Einer, der gern Großprojekte entwickelt. Was in der Regel mit einem langen Atem verbunden ist. Den hat er auch in Erfurt bewiesen. Denn es ist ungefähr zwölf Jahre her, dass der Weimarer Projektentwickler das Areal des früheren Schlachthofes an der Greifswalder Straße erwarb. Seine zwischenzeitliche Idee, dort ein Factory Outlet Center zu bauen, ist längst von der gesellschaftlichen Entwicklung überholt worden. Er habe aber nie die Lust verloren, dort etwas zu machen. Wohnen ist nun das Thema der Zeit. Eines, das Nachhaltigkeit verspricht. Und daher hat der 58-jährige Saller das Gelände mit seiner City- und Centermanagement Weimar GmbH umgeplant. Auf 6000 Quadratmetern wird ein dreiteiliges Projekt ein ganz neues Wohnquartier bilden.

Die drei Teile heißen Wohnen, Lernen, Einkaufen. Für Teil eins – das Thema Einkaufen – wurde gestern von einer vierköpfigen Jury – alles Frauen – in der alten Parteischule ein Siegerentwurf gesucht. Und gefunden. Einstimmig. Was irgendwie zum historischen Charakter der Parteischule passe, wurde gefrotzelt. „Ich war total überrascht von der Einstimmigkeit, hatte ich doch erwartet, dass wir bis in die Nacht sitzen“, sagt der Investor, der als Geldgeber vom Siegerentwurf total begeistert ist. Er habe in seiner 39-jährigen Laufbahn schon vieles erlebt, aber so etwas noch nicht.

Um 9 Uhr nahm sich gestern die Fachjury, zu der im erweiterten Rahmen Saller selber und Erfurts Stadtentwicklungschef Paul Börsch als Sachpreisrichter zählten, sukzessive alle neun eingereichten Entwürfe vor. Gegen 14 Uhr war klar, nicht nur der Investor kommt aus Weimar. Auch der Siegerentwurf. Vom Büro Junk & Reich Architekten.

Stadtentwickler Paul Börsch legte Wert darauf, dass alle neun eingereichten Entwürfe „ein ziemlich hohes Niveau“ aufgewiesen hätten. Es wurden zwei dritte Preise vergeben. Doch nach Vorstellung der Jury fehlte den unterlegenen Entwürfen jener „Kick“, den die Weimarer präsentierten. Die hätten sich Freiheiten herausgenommen, die sich die anderen eben nicht zugetraut hätten. Das Ergebnis spreche für diesen Wagemut. Der Entwurf von Junk & Reich sei „einzigartig“ gewesen und habe alles in den Schatten gestellt. Es werde, so Saller, „ein Gebäude, über das man spricht. Schön, ästhetisch, funktional“. Es sei bei ihm „so etwas wie Liebe auf den ersten Blick“ gewesen.

Der Entwurf sieht zwei Gebäudekörper am Eck Leipziger Straße/Greifswalder Straße vor. 90 mal 46 Meter und 68 mal 46 Meter. Beide verbunden durch einen vollverglasten Brückenriegel. Auch die Fronten der im Stil einer großen Markthalle geplanten Gebäudeteile erzielen durch großflächigen Glaseinsatz eine maximale Transparenz. Es soll ein Einkaufszentrum zur reinen Nahversorgung werden. Ohne Boutiquen oder ähnlichem.

Der nächste Juryentscheid zum Thema Wohngebiet – es sollen 450 Wohnungen entstehen – ist im November vorgesehen. Nummer drei, der den Schulstandort zum Inhalt hat, folgt Anfang 2021. Besonderen Raum wird bei den Planungen übrigens die frühere große Schlachtehalle einnehmen. Über deren Aussehen und Nutzung sollen sich die Architekten gesondert einen Kopf machen. Es könnte das Herzstück des gesamten Areals werden. Insgesamt nimmt Sallers Unternehmen eine hohe achtstellige Summe in die Hand, um dem alten Schlachthof, der sich zu großen Teilen in einem völlig verwahrlosten Zustand präsentiert, in die Hand. Bis zur endgültigen Fertigstellung werden sieben bis acht Jahre kalkuliert. Ende 2023 ist mit dem sichtbaren Baubeginn zu rechnen, so Josef Saller. Zuvor werden laut Planung jetzt im Herbst bereits die Bagger anrollen. Um die zusammenfallenden Ruinen abzureißen und ein optisches Signal zu setzen, dass sich an dieser Stelle des jahrelangen Verfalls endlich etwas tut.

„Wir bekommen an dieser exponierten Stelle nichts von der Stange“, lobte Stadtentwicklungschef Paul Börsch. Hier entstehe künftig ein „urbanes und lebendiges Zentrum“. Mit einem Schulneubau. Dem ersten seit 30 Jahren in Erfurt.

Von einem Factory Outlet Center redet schon lange keiner mehr.