Ex-Läuferin Sabine Busch kritisiert DDR-Sportfunktionär Köhler

Sabine Ascui, besser bekannt unter ihrem Geburtsnamen Busch, hält bis heute die deutschen Rekorde über 400 m Hürden (Freiluft) und 400 m (Halle). Seit 1997 lebt sie nicht mehr in Thüringen. Sie wohnt in Bayern und ist enttäuscht über das Buch "Zwei Seiten der Medaille" von Ex-Funktionär Thomas Köhler

Sabine Busch schreibt ein Buch über ihre Zeit als Sportlerin zwischen Doping und Stasi-Akte. Foto: Esther Goldberg

Sabine Busch schreibt ein Buch über ihre Zeit als Sportlerin zwischen Doping und Stasi-Akte. Foto: Esther Goldberg

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Hat Herr Köhler gelogen?

Es ist seine Sicht der Dinge, die in der Autobiografie erzählt wird. Aber ich habe den Eindruck, er denkt immer noch, er sei ein DDR-Sportfunktionär und entmündigt nach meinem Dafürhalten die Aktiven. Er verharmlost das Staatsdoping-Programm in der DDR. Gedopt hat nur, wer Lust darauf hatte oder wenigstens einverstanden war? So einfach ist das nicht.

Haben Sie denn gedopt?

Es gab Doping. Wer behauptet, dass das nicht flächendeckend war, lügt. Es war jedoch auch ein "Nein" möglich.

Sie haben sich verweigert?

Ich kann nicht ausschließen, dass ich etwas bekommen habe. Aber mich stört die Art und Weise, wie Doping in der DDR aufgearbeitet wird.

Was ist denn Ihrer Meinung nach daran falsch?

Manche Menschen glauben, sie wüssten besser über die Dopingmethoden in der DDR Bescheid als die Betroffenen selbst. Irgendwie gibt es immer noch die Unterteilung von guten und bösen Aktiven. Wenn es so einfach wäre, wäre das Kapitel längst aufgearbeitet. Natürlich gibt es Akten, die das systematische Doping belegen. Aber ich bin selbst mit diesen Akten vorsichtig. Nicht jeder Vermerk entspricht der Wahrheit.

Zweifeln Sie die Akten an?

Nicht generell. Aber manchmal stehen darin Sachen, die nur geschönt sind. Ich habe beispielsweise während meiner aktiven Zeit erfahren, dass von der Sportmedizin nach Berlin gemeldet wurde, ich würde die Antibaby-Pille nehmen. Die war Pflicht. Denn die Funktionäre sorgten sich darum, dass eine von uns schwanger werden und damit eine fest eingeplante Medaille verloren gehen könnte. Ich habe aber diese Pille nie genommen.

Aber andere Pillen?

Ich hatte einen verantwortungsvollen Trainer (Eberhard König - d. R.), der sicher manches von uns ferngehalten hat.

Wann werden Ihre deutschen Rekorde fallen?

Längst laufen die Frauen weltweit schneller, als ich gelaufen bin. Und das alles angeblich ohne Doping. Es gibt auch in Deutschland Talente, aber die Rahmenbedingungen sind nicht optimal. Wer in einer Bundeswehr-Sportfördergruppe ist, hat Glück. Ich glaube, dass manche Aktive sich nicht mehr so gern schinden. Und ohne hartes Training gibt es keine Weltspitze.

Würden Sie heute noch einmal Profisportlerin werden wollen?

War ich jemals Profisportlerin?

In Ihrer 180 Seiten dicken Stasi-Akte ist von der Zweiraum-Wohnung die Rede, die es für Ihre Weltklasse-Leistungen gab. Und Prämien sind ebenfalls kein Geheimnis.

Stimmt. Aber mit meinen Erfolgen hätte ich in den Achtzigern in jedem anderen Land der Welt ausgesorgt gehabt. Moutawakel aus Marokko wurde für ihren Hürden-Olympiasieg als Heldin gefeiert, ihr wurde ein riesiges Haus gebaut.

Blicken Sie im Zorn zurück?

Ja und nein. Damit meine ich nicht die finanziellen Vergünstigungen, die bei uns vergleichsweise klein waren. Aber ich bin bis heute traurig darüber, dass wir 1984 nicht zu den Olympischen Spielen nach Los Angeles reisen durften. Damals waren die 400 Meter Hürden das erste Mal olympische Frauendisziplin. Sauer bin ich auch bis jetzt über das regelrechte Verbot der Funktionäre, bei internationalen Wettkämpfen Freundschaften zu Aktiven aus anderen Ländern entwickeln zu dürfen. Aber ich habe im Wesentlichen damit abgeschlossen, es ist jetzt 20 Jahre her. Dennoch fände ich es ungesund, wenn diese Seite des DDR-Lebens vergessen würde. Ostalgie ist schrecklich. Ich weiß ja, dass ich zwar als Sportlerin viel von der Welt sehen konnte. Aber den meisten anderen Menschen in der DDR war das verwehrt. Zum Glück kam die Wende.

Mit dem Ende der DDR waren Sie aber der ganz besonderen Aufmerksamkeit durch Ihr Publikum beraubt. Sport war plötzlich kein Politikum mehr.

Dennoch waren die Wende und die deutsche Einheit das Beste, was mir in meinem Leben passieren konnte. Ich hätte ja auch sonst gar nicht meinen Mann kennengelernt.

Was machen Sie heute?

Ich bin zwar Thüringer Beamtin. Aber da mein Mann bei der Bundeswehr ist, ziehen wir mit unseren beiden Söhnen alle drei Jahre um. Das ist manchmal nervig, aber immer interessant.

Wollen Sie irgendwann nach Thüringen zurückkehren?

Erfurt wird immer meine Heimat bleiben, ganz gleich, wo ich bin. Wenn ich mit dem Zug von Bayern nach Hause fahre und in Saalfeld umsteige, spüre ich mein Thüringen. Da ich längstens bis 2014 beurlaubt bin und meine Kinder dann aus dem Gröbsten heraus sind, freue ich mich schon auf das Leben hier.

Und was tun Sie bis dahin?

Ich schreibe derzeit an einem Buch über meine Zeit als Sportlerin zwischen Doping und Stasi-Akte. Auf mich waren nachweislich mindestens sechs IM angesetzt.

Sind Sie entsetzt über diese Spitzel?

Eher enttäuscht, weil niemand von ihnen den Mut hatte, nach der Wende zu mir zu kommen und die Karten auf den Tisch zu legen.

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