Früherer Kika-Mitarbeiter zu mehr als fünf Jahren Haft verurteilt

Der ehemalige Herstellungsleiter des Kinderkanals ist vom Landgericht Erfurt wegen Bestechlichkeit und Untreue in 48 Fällen zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden. Die Richter sahen es am Dienstag als erwiesen an, dass der 44-Jährige den Sender durch Scheinrechnungen um mehrere Millionen Euro betrogen hatte.

Der ehemalige Herstellungsleiter des Kinderkanals muss für mehr als fünf Jahre ins Gefängnis. Foto: Sascha Fromm

Der ehemalige Herstellungsleiter des Kinderkanals muss für mehr als fünf Jahre ins Gefängnis. Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. Der Angeklagte habe über Jahre hinweg Rechnungen und Scheinaufträge fingiert, denen keine Leistungen gegenüberstanden, urteilte das Landgericht Erfurt am Dienstag. So habe er gemeinsam mit einer Produktionsfirma über einen Zeitraum von fünf Jahren 4,6 Millionen Euro aus dem Etat des Kika abgezweigt. Davon sei mindestens die Hälfte an ihn zurückgeflossen.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Angeklagte kann innerhalb einer Woche Revision einlegen. Der MDR, der bei dem Gemeinschaftssender von ARD und ZDF federführend ist, erklärte in Leipzig, mit dem Urteil sei ein weiterer Schritt zur Aufarbeitung des Betrugsfalls getan.

Am letzten Verhandlungstag im Prozess am Erfurter Langericht hatte der Staatsanwalt für den früheren Herstellungsleiter des Kika eine Haftstrafe von sechs Jahren und acht Monten gefordert. Staatsanwalt Frank Riemann warf dem Angeklagten Bestechlichkeit in Tateinheit mit Untreue in besonders schweren Fällen vor. Marco K. habe in seiner Position als Amtsträger gehandelt und in 48 Fällen von 2005 bis 2010 insgeamt 4 622 836,04 Euro aus dem gebührenfinanzierten Etat des Kinderkanals veruntreut.

Die Verteidigung plädierte ausschließlich auf Untreue. Strafmildernd sah Anwältin Doris Dierbach die Strukturen beim Mitteldeutschen Rundfunk, der für den Kika zuständig war, sowie das Verhalten der Erfurter Spielbank - vor allem aber die Spielsucht des Angeklagten. Dass diese pathologisch sei, hatte ein Gutachter am vorhergehenden Prozesstag befunden. Die Verteidigung plädiert für eine Haftstrafe, die drei Jahre und sechs Monate nicht überschreiten sollte, sowie ein zwischenzeitliches Aussetzen des Haftbefehls.

Der Angeklagte hatte die Vorwürfe zu Beginn des Prozesses Anfang Juni eingeräumt. Sein Verhalten begründete er mit seiner Spielsucht. Nach eigener Aussage hatte er an manchen Abenden zehntausende Euro verspielt.

Richter: "Können nicht beurteilen, ob es Helfer gab"

Der Vorsitzende Richter Thomas Schneider sagte, der Angeklagte habe sich diese Taten ausgedacht. Er habe viel Geschick darauf verwandt, dafür zu sorgen, dass sie nicht auffliegen. Rechtlich handele es sich um einen besonders schweren Fall der Untreue. Die Taten hätten einen sehr hohen Schaden angerichtet und seien über Jahre hinweg begangen worden.

Zugunsten des Angeklagten spreche, dass er ein glaubhaftes Geständnis abgelegt habe, sagte Schneider. Ein Gutachter habe ihm zudem wegen seiner Spielsucht verminderte Steuerungsfähigkeit bescheinigt. Der Vorsitzende Richter führte aus, es habe zwar begünstigende Faktoren wie etwa fehlende Kontrollen beim Kika und beim MDR gegeben, doch die Verantwortlichkeit liege bei dem früheren Herstellungsleiter. Ob es im Kinderkanal "Helfer gab, Mitwisser oder Weggucker, können wir nicht beurteilen", sagte Schneider.

Der Kinderkanal KiKa

Am 1. Januar 1997 ging der Sender, der damals noch Der Kinderkanal hieß, erstmals auf Sendung. Am 1. Mai 2000 erhielt der Sender den Namen Ki.Ka. Der Kinderkanal, der seinen Sitz in Erfurt hat, ist ein Gemeinschaftsprogramm von ARD und ZDF, die je zur Hälfte daran beteiligt sind. Der MDR übernimmt dabei die Federführung ebenso wie die ARD-Koordination. Der Ki.Ka bietet ein werbefreies, zielgruppenorientiertes und vielfältiges Programm für Jungen und Mädchen von 3 bis 13 Jahren an. Die Sendezeit ist immer montags bis sonntags von 6 Uhr bis 21 Uhr.

Das Programm besteht unter anderem aus Serien, Spielfilmen, Magazinprogrammen, Dokumentationen, Informationssendungen und Thementagen. Programmgeschäftsführer ist Steffen Kottkamp. Die Vermittlung von sozialer Kompetenz gehört zu den zentralen Aufgaben des Senders. Den Ki.Ka erreichen eigenen Angaben zufolge monatlich rund 25.000 E-Mails, Briefe und Faxe. Telefonisch nehmen monatlich etwa 20.000 Zuschauer Kontakt mit der Zuschauerredaktion auf. Jährlich sind etwa 10.000 Besucher zu Besuch im Studio und erhalten einen Blick hinter die Kulissen.

Die wichtigsten Ereignisse des KiKa-Betrugsskandals

7. Dezember 2010: Ermittler der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamts durchsuchen die Räume des Kinderkanals (Ki.Ka). Der heute 44-jährige Herstellungsleiter wird festgenommen. Wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug in Millionenhöhe wird Haftbefehl gegen ihn erlassen.

7. Januar 2011: Der Ki.Ka räumt Fehler im Kontrollsystem ein und kündigt an, die Erteilung und Abrechnung von Aufträgen künftig strikt voneinander zu trennen.

8. Januar 2011: MDR-Intendant Udo Reiter erklärt, es handele sich um den größten Betrug in der Geschichte der ARD.

18. März 2011: Ein interner Prüfbericht kommt zu dem Ergebnis, dass Schwächen im Kontrollsystem den Betrugsfall begünstigten. MDR-Verwaltungsdirektor Holger Tanhäuser räumt seinen Posten, weist eigenes Verschulden aber zurück.

2. Mai 2011: Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen den Ex-Herstellungsleiter. Sie wirft ihm Bestechlichkeit und Untreue in 48 besonders schweren Fällen vor. Er soll zwischen November 2005 und September 2010 insgesamt 61 Rechnungen in Höhe von mehr als 4,6 Millionen Euro zur Bezahlung angewiesen haben, ohne dass dafür Gegenleistungen erbracht wurden.

16. Mai 2011: Ein externes Beraterteam untersucht die Wirksamkeit der bestehenden Kontrollmechanismen des MDR.

Mitte Mai 2011: Der MDR beginnt mit der Umstrukturierung der Ki.Ka-Herstellungsleitung. Zudem werden die unternehmensinternen Verhaltensrichtlinien überarbeitet und Schulungen von Führungskräften vereinbart.

6. Juni 2011: Der Angeklagte legt zu Prozessbeginn ein Geständnis ab: Die gegen ihn erhobenen Betrugsvorwürfe seien "vollumfänglich zutreffend". Er begründete sein Verhalten mit seiner Spielsucht, mit der er beruflichen Frust ausgeglichen habe.

15. Juni 2011: Der MDR zieht weitere personelle Konsequenzen: Er beendet die Zusammenarbeit mit einem freien Mitarbeiter des Ki.Ka und trennt sich von einer Mitarbeiterin in der Herstellungsleitung. Zudem werden Abmahnungen und Ermahnungen ausgesprochen.

23. Juni 2011: Die Spielsucht des Angeklagten war den Verantwortlichen des Senders nach Aussage eines Zeugen seit längerem bekannt gewesen. Ein Gutachter bescheinigt dem 44-Jährigen eine krankhafte Spielsucht. Der Angeklagte sei daher möglicherweise vermindert schuldfähig.

5. Juli 2011: Das Landgericht Erfurt verurteilt den früheren Herstellungsleiter zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten.

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