Schlafpause im Halteverbot- Geparkte Lkw versperren die Straßen im Erfurter GVZ

Erfurt  DHL, Redcoon, Zalando – es sind immer die großen Unternehmen, die von den Brummi-Fahrern als Ziel genannt werden. Die Firmen arbeiten „just in time“. Die Ware soll auf die Minute genau geliefert und abgeholt werden. Die öffentlichen Straßen werden zum Zwischenlager, erst recht im GVZ.

Ronald Floßmann und Doreen Hutfilz kontrollieren die Lkw-Schlange an der Straße zu Zalando.

Ronald Floßmann und Doreen Hutfilz kontrollieren die Lkw-Schlange an der Straße zu Zalando.

Foto: Holger Wetzel

Wer im Güterverkehrszentrum (GVZ) das Parkverbot für Lkw überwacht, begegnet immer mal wieder einem nackten Männeroberkörper. Gerade ist so ein Moment. Doreen Hutfilz von der Verkehrsüberwachung des Bürgeramtes braucht nur an die Tür einer Zugmaschine zu klopfen, schon ragt hinter der Scheibe der unbekleidete Torso des Fahrers empor.

Der Mann reibt sich die Augen und sucht nach Orientierung. Als er halbwegs wach ist und die Situation erkennt, zieht er ein T-Shirt über und lässt die Fensterscheibe herunter.

Es ist ein Rumäne. Die Verständigung ist schwierig. Aber der Mann begreift, dass er hier in der Straße „Bei den Froschäckern“ nicht stehen darf. Auf allen öffentlichen Straßen im GVZ haben Lkw seit einigen Jahren Parkverbot.

15 Uhr soll er bei Zalando abladen. Vorher darf er nicht auf das Betriebsgelände. Jetzt ist es 9.23 Uhr.

„Er hält wahrscheinlich gerade seine Hauptruhezeit ab“, sagt Kristian Koitek von der Verkehrsüberwachung. Damit beschreibt er ein Dilemma: Unterbricht der Mann seine Ruhezeit, riskiert er eine viel höhere Strafe als die 15 Euro fürs Falschparken oder die 25 Euro, die ab einer Stunde fällig werden.

„Eigentlich wollen wir nicht zu einer anderen Ordnungswidrigkeit animieren“, meint Koiteks Kollege Michael Weidemann. Doch schon lässt der Rumäne den Motor an und rollt langsam in Richtung Zalando. „Da kommen wir auch noch hin, da sehen wir ihn wieder“, ahnt Ronald Floßmann, der mit Doreen Hutfilz Streife geht.

Weiter westlich in der Straße stehen die Lkw und Hänger dicht an dicht. Hinter dem Zaun sind die Betriebsgelände von DHL und Redcoon. Da müssen die Trucks wohl irgendwann hin. Zumindest steht „DHL“ auf nahezu jedem Anhänger.

Bürgeramts-Chef Peter Neuhäuser zieht das Handy aus der Hosentasche und fotografiert das DHL-Gelände. „Guck mal, wie viel Platz da ist“, kommentiert Kristian Koitek, was auf dem Foto zu sehen ist.

Auf dem Mitarbeiterparkplatz von Redcoon sind mehrere Lkw-Stellplätze eingezeichnet. Nicht ein einziger Lkw steht dort. Einige Stellflächen dienen als Lagerplatz, die anderen sind leer.

DHL, Redcoon, Zalando – es sind immer die großen Unternehmen, die von den Brummi-Fahrern als Ziel genannt werden. Die Firmen arbeiten „just in time“. Die Ware soll auf die Minute genau geliefert und abgeholt werden. Die öffentlichen Straßen werden zum Zwischenlager, erst recht im GVZ.

Ein einzelner Anhänger steht nur fünf Meter neben einer Bushaltestelle. Mit vier weiteren Haltestellen geht sie nächste Woche in Betrieb, wenn die Evag den Busverkehr im GVZ probeweise ausweitet. Doch hat die Evag schon gewarnt: Versperren Lkw den Weg, werden Haltestellen nicht angefahren.

Denn neben den parkenden Lkw hat nur noch ein Fahrzeug Platz. Begegnen sich Bus und Lkw, muss einer von beiden zurücksetzen. Der Bus darf das ohne Einweisung nicht.

Die neue Buslinie erhöht den Druck, das Park-Dilemma zu lösen. Der GVZ-Verein hat die Stadt schon aufgefordert, mehr zu kontrollieren und gegebenenfalls auch Lkw abzuschleppen.

Auch deshalb ist das Bürgeramt vor Ort. Der Hänger bekommt ein Knöllchen: Neben einer Bushaltestelle zu stehen, kostet genau so viel wie im Parkverbot oder im Halteverbot.

„Abschleppen ist das allerletzte Mittel“, sagt Amtsleiter Neuhäuser. Eine Stunde Vorlaufzeit und 500 Euro Kosten stellten die Verhältnismäßigkeit in Frage. Erlaubt sei das auch nur, wenn ein Lkw ernsthaft den Verkehr behindert, ergänzt Kristian Koitek. Er kann sich noch an den Tag erinnern, als einmal ein Lkw in Erfurt abgeschleppt wurde. Das ist mehrere Jahre her.

Am Dienstag stoßen die Verkehrsüberwacher nur auf einen einzigen Lkw, der das strenge Kriterium der Behinderung erfüllt. Er steht so dicht an einer Kreuzung, dass andere Laster nicht um die Kurve kommen. Aber auch der Abschleppwagen käme nicht nahe genug heran.

„Sorry, sorry“, ruft ein Tscheche, der gerade angerannt kommt. Er läuft zur Fahrertür, reißt das Knöllchen ab und winkt mit dem Papier, in der vergeblichen Hoffnung, dass die Mitarbeiter ihn doch noch ohne Strafe davon kommen lassen.

„Wir sind die Doofen“

Die Kontrolle ist in der Heinrich-Queva-Straße angekommen. Die Straße führt zu Zalando und ist von vorn bis hinten vollgestopft. David aus dem Vogt­land ist einer der Fahrer. Er hat am Morgen bei Zalando abgeladen und soll 18.30 Uhr bei DHL neue Ladung aufnehmen.

„Wo soll ich denn hin?“, fragt er. „Das GVZ ist dafür verantwortlich, dass ein Parkplatz geschaffen wird.“ In anderen Güterverkehrszentren gebe es Parkmöglichkeiten. In Erfurt blieben nur die Autobahn-Rastplätze. Doch sind sie überfüllt und bergen die Gefahr, dass Diebe die Plane aufschlitzen und Ladung stehlen. „Wir Fahrer sind die Doofen“, sagt David.

Obwohl er sich leicht in Rage redet, bleibt er freundlich. Freundlichkeit sei die Norm bei den Lkw-Fahrern, erzählt Doreen Hutfilz. Die Autofahrer in der Stadt seien aggressiver.

Die Ordnungsdienstler kennen die Situation. Die Fahrer stehen am unteren Ende der Nahrungskette und baden aus, was andere verzapfen. Ohne Parkplatz wird sich daran nichts ändern, meint Kristian Koitek.

Auch das Amt ist ziemlich machtlos: Die Kontrolle der Busroute durch das GVZ dauert rund drei Stunden. Es sind vielleicht drei von 1800 Straßen, die in Erfurt zu überwachen sind.

Zehn mündliche Verwarnungen ohne Bußgeld werden an diesem Dienstagvormittag ausgesprochen. Bei 16 Lkw waren die Fahrer nicht da oder gaben sich nicht zu erkennen. Sie erhielten ein Verwarngeld.

David aus dem Vogtland kommt mit einer mündlichen Verwarnung davon. „Beim nächsten Mal parken Sie woanders“, sagt einer aus dem Team.

Ein paar Lkw weiter steht tatsächlich wieder der Rumäne, der am Morgen geweckt wurde. Er scheint verzweifelt, als er die Kontrolleure wieder sieht. „Fahren sie zehn Meter weiter“, sagt Ronald Floßmann. Damit ist das Halteverbot für den Moment umgangen. „Zehn Meter?“, fragt der Rumäne und wirkt erleichtert. „Okay, okay.“

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