Geschichte eines Lesers zu Dienst an der innerdeutschen Grenze

"Thüringer-Allgemeine"-Leser Frank Leschke aus Erfurt schildert die etwas andere Seite des Dienstes an der Grenze zu Westberlin.

Auch ich träumte mit 17 davon, nach Australien auszuwandern. Das war eben 1964. Zwei Jahre später wurde ich zur Grenze im Norden Westberlins einberufen, ohne auch nur im Traum an eine Flucht zu denken.

Meinem Vater wollte ich das nicht antun, das Arbeitsleben in der BRD stellte ich mir viel schwerer vor, als ich es später nach der Wende als Außendienstmitarbeiter einer westdeutschen Firma vorfand.

Die Grundausbildung bei der NVA in einer Artillerieeinheit, dann im Frühjahr ’67 ab an den "Kanten", eine Kompanie mitten im Wald bei Niederneuendorf. Das zweite Halbjahr war ein lockeres Leben. Zugsicherung, das heißt, jeder Zug hatte eine andere Schicht und kein Unteroffizier brüllte auf dem Flur herum, weil immer jemand Nachtruhe hatte.

Besserer Verpflegungssatz, kein Frühsport, viel Freizeit, ansonsten Dreischichteinsatz jeweils acht Stunden in Wald und Flur rumlaufen oder auf dem Krad Streife fahren. Nachts mit dem Fernglas "astronomische Studien" in sternenklaren Nächten, Glühwürmchen beobachten oder Geräusche identifizieren lernen. War das ein Igel, eine Maus, ein Reh oder eine Wildschweinrotte? Lief man mit einem Unteroffizier Streife, war der eher ein Kamerad als Vorgesetzter.

Ein einfaches Tor im Zaun für Westberliner

Ein Unteroffizier, der sich mit den einfachen Wehrpflichtigen anlegte, hatte einen schweren Stand in der Kompanie.

Natürlich gab es so genannte Vorkommnisse, von denen kein Vorgesetzter jemals Kenntnis erhielt. Es gab damals noch die Enklaven, das heißt kleinere Grundstücke von Westberlinern, die nur über DDR-Gebiet erreichbar waren.

Auch in unserem Abschnitt lag so eine Parzelle, auf der Westberliner ihr Wochenendhäuschen hatten. Erreichbar über ein einfaches Tor im Zaun, an dem nur besonders ausgesuchte Postenpaare Dienst hatte. Aus unerfindlichen Gründen zählte ich nicht zu diesem Kreis.

Mit den Westberlinern tauschten wir aber dort im Abschnitt gesammelte Pilze gegen Schokolade und Zigaretten. Bei einem Kontrollgang mit einem anderen Gefreiten ließ uns das Postenpaar durch den Zaun, um uns gegenseitig vor dem britischen Grenzschild zu fotographieren.

Da standen wir bereits gut ein Dutzend Meter auf Westberliner Territorium. Tschüß zu sagen, wäre gefahrlos ein Leichtes gewesen. Die drei anderen hätten drei Möglichkeiten gehabt:

1. den Flüchtenden auf westberliner Territorium zu erschießen, was dieser sicher verhindert hätte.

2. mitzukommen oder

3. je nach Verantwortlichkeit einige Monate oder Jahre in Militärhaft zu gehen.

Ich habe ein Foto gesehen, das einen der Posten Arm in Arm mit einem "Tommy" zeigt. Das Größte war, dass sich dieses Postenpaar eine Stunde lang von einem Westberliner Bürger durch Westberlin fahren ließ, nachdem sie sich abgesichert hatten, dass keine Offizierskontrolle unterwegs war.

Uniformjacke aus, Kalaschnikow unter den Sitz und los ging es. Später, als die Bootskompanie diesen Abschnitt übernahm, wurden ein Postenpaar erwischt, wie es in der Enklave auf Einladung der Westberliner anlässlich einer Feier Bier trank und Bockwurst aß. Zehn Tage Bau waren das Ergebnis.

Ich will hier nur darstellen, dass Grenzdienst bei allem uns bewusstem, aber so gut es ging gedanklich verdrängtem Ernst auch eine andere Seite hatte.

Leider erfolgt seit der Wende eine sehr einseitige Meinungsbildung über alles, was mit der Grenze zu tun hat, fast ausschließlich durch Leute mit einem ausgeprägten Interesse an einer möglichst negativen Darstellung des Grenzerdaseins. Ende April ’68 hatten wir EK´s die letzte Schicht.

Auf dem Weg zurück in die Kaserne sind wir mit unseren Krädern, einen grünenden Birkenzweig im MPi-Lauf, mit lauten "Es geht nach Hause"-Rufen eine Ehrenrunde durch Hennigsdorf gefahren.

Jeder war froh, nicht in diese von allen gefürchtete Situation geraten und auch selbst mit heiler Haut davongekommen zu sein.

Wie wohltuend hebt sich gegenüber der in den Medien oft sehr einseitig, unsachlich und emotional geführten Darstellung dieses Themas das Niveau in einem Grenzer-Forum ab, in dem außer diesem Personenkreis (vom Soldat bis zum Offizier) auch Bundesgrenzschutz-Angehörige, Zöllner, MfS-Offiziere, erfolgreiche oder nicht erfolgreiche Flüchtlinge und einfach an der Thematik Interessierte aus ganz Deutschland angehören.

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