Von 5 auf 210 Mitarbeiter: Gewinne sind nicht die Triebkraft bei der Lebenshilfe in Erfurt

Erfurt.  Die Lebenshilfe Service Gmbh betreibt in Erfurt eine ganze Reihe gastronomischer Betriebe

Im Servicecenter im Brühl bieten Janet Scheper und Andreas Viezens verschiedene Dienstleistungsarten der Lebenshilfe an.

Im Servicecenter im Brühl bieten Janet Scheper und Andreas Viezens verschiedene Dienstleistungsarten der Lebenshilfe an.

Foto: Foto: Marco Schmidt

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Der letzte Dienstag war der Welttag der Menschen mit Behinderung. Viele werden es kaum mitbekommen haben. So, wie im alltäglichen Leben auch. Was braucht die Gesellschaft, um behindertenfreundlich zu werden. Sicher mehr als einen barrierefreien Zugang zu Kaufhäusern, Stadien oder Behörden. Eine behindertenfreundliche Gesellschaft muss zuerst in die Köpfe der Menschen.

Sie braucht Respekt für die, die mit Behinderungen, egal ob körperlicher oder geistiger Art, leben müssen. Bei der Lebenshilfe in Erfurt gehört das ganz selbstverständlich zum Alltagsgeschäft. Kindertagesstätten, Wohnprojekte, Bildungsangebote und Dienstleistungen. Gerade im letztgenannten Sektor hat die Lebenshilfe in den letzten Jahren im städtischen Leben immer wieder Fixpunkte gesetzt. Vor allem mit ihrem Service-Bereich.

Als die Service GmbH 2004 startete, gab es ganze fünf Mitarbeiter. Heute sind es 210. Unter den Beschäftigten sind 112 Menschen mit verschiedenen Formen der Behinderung. Aktuell gibt es zudem neun Auszubildende. Sie alle zählen ausnahmslos zum ersten Arbeitsmarkt. „Ohne uns hätten sie dort schlechte Chancen“, sagt Lebenshilfe-Chef Uwe Kintscher.

Er räumt auch ein, dass er nie mit so einem Erfolg gerechnet hat. Eigentlich war seinerzeit geplant, mit den Service-Leuten nur in den Einrichtungen der Lebenshilfe selber zu arbeiten. Weil es sich derart gut anließ und die Erfahrungen nur positiver Natur waren, entschloss man sich 2012, Dienstleistungen auch extern anzubieten. Das mit dem Wachstum sei aber nie so geplant gewesen. Das habe sich aus sich heraus selber entwickelt. Und das immer nur mit dem einzigen Geschäftszweck: Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Nicht aus Gründen der Gewinnerzielung.

„Wir sind inzwischen ein richtiger Ausbildungsbetrieb mit zehn Ausbildern in unterschiedlichen Qualifikationen“, sagt Kintscher stolz. Vier Berufsfelder – personale Dienstleistungen, Hauswirtschaft, Küche, Gastgewerbe – gibt es, 2020 kommt Nr. 5 – Gartenbauwerker -- dazu.

Und alles, was zur Ausbildung gehört, passiert in den Lebenshilfe-Objekten vor Ort. Drei Tage Praxis im hauseigenen Betrieb, zwei Theorie in der Benary-Berufsschule.

Caponniere auf der Ega ist das am meisten beachtetste Projekt

Unter dem Label Park Events Erfurt laufen derzeit neun gastronomische Lebenshilfe-Einrichtungen, u.a. das Gästehaus auf der Ega, die Caponniere, zwei mobile Airstreamer, das Mia-Café. Oder auch das Servicecenter am Brühl, eine Art Komplexannahmestelle, wie sie es zu Ost-Zeiten schon gab. Viele Dienstleistungen werden hier unter einem Dach vermittelt.

Als das am meisten beachtetste Projekt der letzten Zeit ist aber ganz sicher die Übernahme der Bewirtschaftung der Caponniere auf der Ega ins städtische Bewusstsein gelangt. 600.000 Euro hat die Lebenshilfe in die Gaststätte gesteckt. „So etwas macht kein Gastronom. Wir schon, weil wir Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen wollen. So etwas ist am freien Markt nicht abbildbar. Und deswegen bekommen wir ja Zuschüsse“, sagt Kintscher.

Allein auf der Ega hat die Lebenshilfe bislang 1,2 Millionen Euro in die Gastronomie investiert. Dann packt er eine Übersicht aus. Neun Geschäftsfelder, vom Pflegedienst, über Gastronomie, haushaltnahe Dienstleistungen, Catering oder Garten- und Landschaftsbau ist alles mit dem dazugehörigen Personalschlüssel aufgelistet. 210 Mitarbeiter alles in allem. Unten rechts steht das Bemerkenswerteste: dass die Quote der Mitarbeiter mit Behinderung bei 55,72 Prozent liegt.

Das Ziel der Lebenshilfe Service GmbH stand und steht auch für die Zukunft wie in Stein gemeißelt: junge Menschen mit Behinderung, die auf Förderschulen gehen, ausbilden und damit einen Beitrag leisten, um den Fachkräftemangel einzudämmen. Jungen Leuten eine Berufsabschluss bieten und damit die Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt erhöhen. Denn Behinderte, die Arbeit suchen, haben nur ein halb so große Chance auch erfolgreich zu sein.

Und das alles passiert bei fairer Bezahlung, wie der Lebenshilfe-Chef versichert. Und keineswegs, um Profit zu erwirtschaften. „Wir wollen an unseren Standorten aktiv werden, so dass es den Nutzern, als auch den Bediensteten einen Mehrwert bietet“, so Kintscher.

Nicht ohne das nächste geplante Gastro-Projekt ins Spiel zu bringen. Denn die Lebenshilfe Service GmbH hat sich bereit erklärt, im Schloss Molsdorf ab der zweiten Jahreshälfte 2020 wieder gastronomische Angebote zu unterbreiten. Was den kulturaffinen Besuchern dort sehr gefallen wird. – So viel ist sicher.

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