Hilfe für Kinder aus Weißrussland: „Jede Tour erdet mich wieder“

Erfurt  Jens Freitag fährt mit dem Bus seit 1999 nach Weißrussland, um Kinder für drei Wochen Ferien nach Erfurt zu holen

Jens Freitag

Jens Freitag

Foto: Michael Keller

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Jens Freitag hat viele Reisen erlebt. In den letzten 20 Jahren immer die selbe. Aber mitunter bleibt bei dem, was er zu erzählen hat, die Stimme weg. Jens Freitag fährt seit 20 Jahren fast ununterbrochen nach Weißrussland und holt 20 bis 30 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren aus sozial schwachen Familien und einige Begleiter für einen unbeschwerten, dreiwöchigen Ferienaufenthalt nach Erfurt. Und natürlich bringt er sie per Bus auch wieder zurück.

Polnisch-weißrussische Grenze mit Schikanen

1650 Kilometer hin, 1650 Kilometer wieder zurück. Das Ganze zwei Mal. Kinder holen, Kinder bringen. Jens Freitag, Betriebsratsvorsitzender bei den Stadtwerken, hat viel erlebt. Diese Tour verlangt nicht nur den kleinen Passagieren alles ab, sondern auch den Fahrern. Alle zwei Stunden Pause. Und dann immer dieses Theater an der polnisch-weißrussischen Grenze. Beide Länder sind sich nicht grün und man erschwert den Menschen das Leben, wo es nur geht. Alles aussteigen, durchsuchen, Passkontrolle. „Die Grenzer stört es auch nicht, die Kinder nachts aus dem Schlaf zu holen. Schikane zum Selbstzweck. Mein Rekord liegt bei einer Abfertigungszeit von 45 Minuten“, sagt Freitag. Er hat aber auch schon 36 Stunden gestanden und gewartet. „Sie lassen sich immer neue bürokratische Hemmnisse einfallen“, sagt der 60-Jährige. Und auch im Land selber müsse man immer wieder mit „Dienstbeflissenen“ rechnen. Aber für die sind immer ein oder zwei Kisten Bier im Bus. „Damit lässt sich einiges schneller regeln“, sagt Freitag lächelnd. Die unglaubliche Korruption sei aber schon weniger geworden, hat er beobachtet.

Begonnen hatte alles recht ungewöhnlich. 1999 war Freitags Lebensgefährtin beim Tschernobyl-Verein engagiert. Man holte damals schon Kinder nach Erfurt. Bloß konnte damals der private Busunternehmer die Preise nicht mehr halten. Da Freitag bei der Evag arbeitete, kam die Freundin auf die folgenreiche Idee, ihn zu fragen, ob er nicht mal fragen könnte. Hat er gemacht. Und gefragt. Den damaligen Evag-Chef Claus Cämmerer. Der sagte sofort zu. Fortan fuhren mehrere Kollegen die ultralange Strecke, um humanitäre Hilfe für die zu leisten, die Leidtragende der Atom-Tragödie von 1989 wurden.

Jens Freitag und einige Kollegen aus der Verwaltung hatten den Busschein. Der Vorteil: die Evag musste keinen Fahrer aus dem regulären Liniendienst abziehen. Ein privater Busunternehmer stellt das Fahrzeug und den Sprit, bekommt das vom Verein bezahlt. Die Fahrer nehmen Urlaub oder frei, fahren umsonst. Auf nach Narowlja und Rogatschow, zwei kleine Nester, nur 37 Kilometer Luftline vom Katastrophenreaktor in der Ukraine entfernt. Gleich dahinter beginnt die so genannte „verbotene Zone“.

Angst? „Ich habe mir keinen Kopf gemacht“, sagt Freitag. Obwohl die Straßen abenteuerlich gewesen seien. Und es gab gute Beziehungen zu Ärzten, die den Helfern bescheinigten, dass ein Kurzaufenthalt in den beiden Dörfern unbedenklich sei.

Anfangs wurde mehrmals im Jahr gefahren, heute gibt es nur noch eine Tour im Sommer. Vor Fahrtantritt wurde und wird weiterhin eingepackt, was hinein passt. Kleidung, Lebensmittel, Spielzeug. Immer sind Geschenke-Kisten an Bord. Auch ein Kinderzimmer für das örtliche Krankenhaus wurde von der Evag schon gespendet. „Wir haben in diesen 20 Jahren viel Elend gesehen“, sagt Freitag. Inzwischen habe sich das Land aber gut entwickelt, wenngleich in vielen Dingen immer noch großer Nachholebedarf bestehe.

Viele Freunde in den 20 Jahren dort gefunden

Erst am 27. Juli diesen Jahres hatten Jens Freitag und zwei weitere Kollegen wieder die Taschen gepackt, um nach Weißrussland zu fahren. Die Kinder seien wie immer zumindest auf der Hinfahrt ganz ruhig, berichtet er. Geht es wieder zurück, seien sie wesentlich lockerer und aufgeräumter, ganz in Vorfreude auf die Eltern und das Zuhause. „Jede Fahrt dorthin erdet mich und die Kollegen. Immer wieder. Auch heute noch“, sagt Freitag nachdenklich.

Bis zum Ruhestand, denkt er, wird er diese 6-Tages-Touren weiter fahren. Schließlich habe man in dieser langen Zeit auch viele Freunde dort gewonnen. Und man hat die Kinder aus der Anfangszeit aufwachsen sehen.

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