Warum in Erfurt eine historische Brücke umziehen muss

Erfurt  Es ist bereits der zweite Umzug der nunmehr 130 Jahre alten Konstruktion, und es wird nicht der letzte sein.

Mit dem Schwerlasttransporter über die Bundesstraße 4 zieht die Brücke von der Riethstraße ins Depot um.

Mit dem Schwerlasttransporter über die Bundesstraße 4 zieht die Brücke von der Riethstraße ins Depot um.

Foto: Marco Schmidt

Sie ist das beste Beispiel für Nachhaltigkeit, wechselte bereits zwei Mal ihren Standort und ist mit ihrer Reise noch nicht am Ende. Die Stahlbogenbrücke, die in der Riethstraße bislang die Überquerung der Gera ermöglichte, wurde demontiert und gesichert. Mit zwei Schwertransporten wurden die zwei Teile (jeweils 25 Meter lang und 6 Meter breit) gestern auf den Bauhof der Stadt, in die Binderslebener Landstraße gebracht. Zwischengelagert für eine spätere Weiternutzung.

Einen derartigen Transport hat es zuvor schon einmal gegeben. Denn der erste Standort der Brücke war in der Bahnhofstraße. 1890 wurde sie dort über dem Flutgraben errichtet, um die Innenstadt nach dem Rückbau des Festungswalls mit der äußeren, sich entwickelnden Stadt zu verbinden. Schnell stand allerdings fest, dass sie mit der Entwicklung nicht Schritt halten konnte. Sie wurde als zu schmal eingeschätzt und musste 1912 einem Neubau weichen. Weil die Brücke noch fast neu und ohne Schäden war, wurde sie damals umgesetzt. Seitdem prägte sie die Gera-Überführung in der Riethstraße.

130 Jahre permanente Nutzung blieben nicht ohne Folgen, wie sich bei der Demontage zeigte. Die Stahlträger der Fahrbahn waren stellenweise nur noch Millimeter stark, zeitnah hätte das Tragwerk seinen Dienst verweigert. Dabei wurde alles getan, um die Brücke in Nutzung halten zu können. Zuletzt wurde die Fahrbahn auf eine Spur reduziert, um die Tonnage zu verringern. Zuvor wurden aber auch schon diverse Reparaturen durchgeführt – an die sich Antje Thiemar noch gut erinnern kann.

Nach ihrem Studium an der Hochschule für Verkehrswesen in Dresden kam die Bauingenieurin mit einer Spezialisierung für Brücken und Ingenieurbauten nach Erfurt – und die Stahlbogenbrücke gehörte seitdem, seit 1979, zu den Bauwerken, die es zu überprüfen und zu betreuen galt. Seitdem mussten mehrere „Korrekturen“ unternommen werden, um die Brücke nutzbar zu halten. Unter anderem wurden die ursprünglichen Granitplatten des Gehweges entfernt, weil durch offene Fugen Wasser eindringen konnte – Anfang der 1980er-Jahre wurde der Fußweg komplett betoniert. Auch die auf den Trägern aufliegende Fahrbahn wurde aus ähnlichen Gründen erneuert. Um kein Wasser durchdringen zu lassen, wurden an den Tragseiten im Beton in der DDR handelsübliche Gardinenleisten aus PVC eingelassen – die dann mit einer über die Fahrbahn gezogenen Schutzschicht aus Plaste verschweißt wurden.

Dass die Träger weiter verrosteten, konnte letztendlich dadurch nicht verhindert werden. Wenn ein neuer Standort für die Brücke gefunden ist, müssen sie erneuert werden. Das charakteristische Stahlfachwerk hingegen ist noch sehr gut erhalten und wird irgendwann wieder in neuem Glanz erstrahlen. Wahrscheinlich als Fußgängerbrücke.

Erfurter Riethbrücke zieht um
Erfurter Riethbrücke zieht um

Mit dieser wird sich die Geschichte der Brücke fortsetzen, die einst zu den modernsten ihrer Zeit gehörte. Oben liegende Träger mit gehängter Fahrbahn sind schon etwas Besonderes, weiß Antje Thiemar. Zumal es in Erfurt die letzte ihrer Art ist. Zwei baugleich am Ende des 19. Jahrhunderts ausgeführte Stahlbogenbrücken in der Löberstraße und im Venedig sind bereits 1930 bzw. 1945 abgebrochen und verschrottet worden. Für Antje Thiemar ist es deswegen ein gelungenes Abschiedsgeschenk in den Ruhestand. Nicht nur wegen der Riethbrücke kann sie von sich behaupten: „Ich habe meine Fingerabdrücke in der Stadt hinterlassen!“

Meist sind es die kleineren, versteckt liegenden Brücken, die einen Besuch lohnen. Ihr Tipp: Die Brücke über die Schmale Gera an der Ziegelei am Roten Berg. Einst war es eine kunstvoll aus hart gebrannten Ziegeln gemauerte Bogenbrücke – als sie erneuert werden musste, wurde dafür gesorgt, dass die Ziegelstruktur wieder zum Tragen kam.

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