Historischem Leergut auf der Spur

Gräfentonna  Heimatmuseum Burgtonna gibt einen Einblick in das damalige Brauereigeschäft

Dieter Pudenz zeigt im Heimatmuseum Burgtonna Leergut aus den Brauerein, die nach der Schlossbrauerei in Gräfentonna den Markt beherrschten.

Dieter Pudenz zeigt im Heimatmuseum Burgtonna Leergut aus den Brauerein, die nach der Schlossbrauerei in Gräfentonna den Markt beherrschten.

Foto: Hartmut Schwarz

So wie in vielen anderen Dörfern war es auch in Gräfentonna Usus, dass es im Ort eine Braustätte gab, in der zu fest geregelten Zeiten Bier gebraut wurde. In der Zeit der Grafen von Gleichen (bis zum Verkauf, bis 1677, waren sie die Herren von Tonna) wurde in Gräfentonna unter Graf Siegmund II. im Jahre 1512 eine Brau- und Malzordnung dafür erlassen. Wie Dieter Pudenz, der Betreiber des Heimatmuseum des benachbarten Burgtonna weiß, wurde diese (auch für Burgtonna geltende) Brauordnung danach mehrmals nachgebessert. 1612 wurde das Brauen von Kesselbier untersagt, 1695 verboten, dass das Bier mit Hafer, Bohnen, Wicken, Trespe, Kreide und Salz gestreckt wurde. Man achtete bei der Obrigkeit auf die Qualität des Gebräus. Das „Lagerbier“ von Burgtonna fiel dabei durch. Der Bierpreis wurde herabgesetzt und es wurde mit dem Ausschankverbot gedroht, wenn sich die Qualität nicht bessert.

Das Wasser für das Bier wurde zuerst direkt aus der in unmittelbarer Nähe fließenden Tonna geschöpft. Bevor gebraut wurde, ging der Bierrufer, der „Schellmann“ durch den Ort und forderte auf, heute nicht in den Fluss zu pieseln, da morgen gebraut werde. So wie es in vielen anderen Gemeinden ebenfalls gehandhabt wurde.

Im Verlaufe der Jahre hat sich meist eine Braustätte etabliert --in Gräfentonna war es der Brauhof vor der Kettenburg, vor dem „Schloss“. Die „Schlossbrauerei“ musste sich an den Vorlieben der Grafen orientieren, die ausschließlich Weißbier tranken. Da dieses im Thüringer Raum kaum gebraut wurde, entwickelte sich schnell ein weiträumiger Export. In einem Bericht aus dem Jahr 1590 hat Ortschronist Arnd Pfeifer entdeckt, dass das Bier bis Eisenach, Gotha, Mühlhausen, bis Ohrdruf, Arolsen und Pyrmont geliefert wurde. Neben der Brauerei gehörte zum Kammergut einst ein Gasthaus, eine Fasanerie, ein Amtsgebäude, zwei Kirchen, eine Schäferei und eine Tabakfabrik.

Viel ist aus dieser Zeit nicht mehr in den Archiven zu finden. Lediglich ein Hinweis, dass das Premiumbier der Brauerei, das „Bräuhahn-Weißbier“ nach dem ersten Braumeister benannt wurde. 1908 ist der Name Heinrich Gutknecht als Betreiber der Brauerei zu finden. Der zu dieser Zeit nicht der einzige Bierbrauer in Gräfentonna war. Neben der Schlossbrauerei hat es in Gräfentonna bis um 1885 zwei weitere Brauereien gegeben, das Gemeindebrauhaus in der Brauhausgasse (das auch über ein Darrhaus verfügte) und das Brauhaus gegenüber dem Gasthof zum Löwen. Beide waren allerdings in den Dimensionen nicht vergleichbar mit dem Brauhof vor der Burg. Denn zu diesem gehörte auch eine Mälzerei, sie konnte auf eigene Reserven zurückgreifen und warb mit diesem Vorteil. Ein letztes dieser Brauereischilder hängt heute noch in der Gaststätte „Zum Löwen“.

Nach den Herren von Gleichen-Tonna übernahmen die Herren von Waldeck und Pyrmont den Regionalbereich Tonna, danach Herzog Friedrich I. von Gotha-Altenburg... zuletzt wurde die Burg 1814 von Landesfürst Herzog Albrecht als Regierungssitz genutzt. Als die „Kettenburg“ zusehens vermarktet, um- und ausgebaut wurde, waren Glanz und Gloria längst Geschichte, war die Burg nur noch Kulisse.

Brauereigebäude warten vergeblich auf Investor

Ab 1861 wurde die Burg als Strafanstalt für verschiedene Thüringer Kleinstaaten genutzt, man ließ die Gefangenen auch für die „Unterkunft“ arbeiten, u.a. in einer Zigarettenfabrik und in einer Schuhfabrikation. Nicht aber im wohl lukrativsten Geschäftsteil, in der um 1874 erweiterten Schlossbrauerei. Diese war direkt an die Burg angegliedert, die ehemalige Kemenate, die Schlafgemächer, wurden als Lager- und Produktionsräume umgebaut – inklusive einem eigenen Gasthof, dem „Kellerhof“.

Braugerste und Hopfen gab die umliegende Landwirtschaft her, es gab Quellen und Brunnen, aus denen sauberes Wasser geschöpft werden konnte. Der einstige Springbrunnen des Schlossgartens musste nur umgebaut werden. Kurz gesagt: Die Bedingungen waren ideal. Aus alten Aufzeichnungen ist bekannt, dass die Herrschaft Tonna für Fronarbeiten kannenweise Bier ausschenkte. Nach abgeschlossener Ernte gab es für jeden Arbeiter 19 Kannen Bier. Das Brauwesen war im Ort so populär, dass um 1900 von der Gemeinde zwischenzeitlich ein Fass Bier im Siegel geführt wurde.

Um 1884 muss der Ausbau der Brauerei im großen Stil passiert sein, was auch erklärt, warum zu diesem Zeitpunkt die kleinen Brauereien die Segel strichen. Der letzte, der sich der Übermacht zu stellen versuchte, war der Gastwirt Julius Thiele, der zuvor aus Kleinmölsen nach Gräfentonna übersiedelte.

Bis 1918 erreichte die Brauerei ihren Höhepunkt – mit der Modernisierung zu einer Dampfbrauerei. Zu diesem Zeitpunkt waren die räumlichen Reserven allerdings bereits erschöpft. Die Brauaufträge wurden nach Mühlhausen und Gotha vergeben – in Gräfentonna wurde nur noch abgefüllt. Und danach ging es schnell bergab. In der Zeit der 1. Weltwirtschaftkrise in den 1920er-Jahren musste auch in der inzwischen zur GmbH umgewandelten Brauerei der Schlossbrauerei aufgegeben werden, kam es zur Schließung. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges war nur noch die Malzfabrik in Betrieb.

Das Bier für den Ort kam fortan aus Erfurt, Langensalza und Mühlhausen. Die Zeit des dominierenden Weißbieres war schlagartig vorbei. Nicht bekannt ist, ob es noch bei den örtlichen Getränkeverlagen im Angebot war, bei Fink und Wünscher. Beide waren bis in die 1950er-Jahre die ersten Adressen im Ort, wenn es um alkoholische Getränke, Brause und Mineralwasser ging. Der Namenszug von Curt Wünscher glänzt heute noch in der Untervorstadt.

Nach dem zweiten Weltkrieg fiel das Anwesen an die örtliche LPG, die es als Lager und für die Getreidetrocknung nutzte. Ortschronist Arnd Pfeifer kann sich noch daran erinnern, dass die Brauerei auch Anlaufstelle für die Obst- und Gemüse-(Klein)Gärtner war.

Der „Kellerhof“ wurde noch lange Zeit von der HOG als Gaststätte betrieben. Er beherbergte zwischenzeitlich sogar ein Kino. Und war vor allem ein Zentrum der Vereine im Ort. Regelmäßig tagten dort die Kirmesgesellschaft, die Liedertafel, die Schützengesellschaft, der Turnverein... vor allem der Karneval hatte dort ein festes Domizil. Danach standen der „Kellerhof“ und die Braugebäude leer – bis heute. Unverändert, als sei die Zeit stehen geblieben.

Übrigens: Der Bierweg in Gräfentonna hat nichts mit der Brauerei zu tun. Als die Straße benannt wurde gab es die Brauerei längst nicht mehr. Er steht eher in Verbindung mit der Fasanerie – in der ebenfalls gebraut wurde.

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