Hohe Haftstrafe für Kika-Betrüger

Der frühere Herstellungsleiter des Erfurter Senders wurde am Dienstag wegen Untreue und Bestechlichkeit verurteilt. Das Landgericht sieht fehlende Kontrolle bei Kika-Chefs und beim MDR. Fünf Jahre und drei Monate verhängt

Der ehemalige Herstellungsleiter des Kinderkanals, Marco K. (Bildmitte), am Dienstag mit seinen Anwälten im Erfurter Landgericht. Er wurde zu 5 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt. Foto: Sascha Fromm

Der ehemalige Herstellungsleiter des Kinderkanals, Marco K. (Bildmitte), am Dienstag mit seinen Anwälten im Erfurter Landgericht. Er wurde zu 5 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt. Foto: Sascha Fromm

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Erfurt. "Ich habe dem öffentlich-rechtlichen System geschadet. Ich habe Kollegen und Freunde in dramatische Situationen gebracht und bitte sie dafür um Entschuldigung und Vergebung." Das sagt Marco K. am Dienstag im Saal des Erfurter Landgerichts kurz vor dem Ende der Verhandlung.

Während vier Prozesstagen ging es um die schwer vorstellbare Summe von 4.622.836,04 Euro. Der frühere Herstellungsleiter schaffte das Geld von 2005 bis 2010 beiseite, um es vor allem in Casinos zu tragen.

Nach einer Absprache mit dem Geschäftsführer der Firma Kopp-Film gab es erfundene Aufträge, fingierte Rechnungen und dafür tatsächliche Anweisungen, die vom zuständigen MDR in Leipzig erfolgten.

Im Schnitt floss die Hälfte des Geldes an Marco K., der damit vor allem seiner Spielsucht nachging.

Der Staatsanwalt Frank Riemann forderte Dienstag für Bestechlichkeit in Tateinheit mit Untreue in besonders schwerem Fall 6 Jahre und 8 Monate Haft. Die Verteidigerin Doris Dierbach sah deutlich strafmildernde Umstände und plädierte allein auf Untreue und auf eine Strafe, die 3 Jahre und 6 Monate nicht überschreiten solle. Zudem forderte sie, die Haft für eine Therapie auszusetzen.

Das Gericht verurteilt den Angeklagten wegen Untreue und Betrug in 48 Fällen zu fünf Jahren und drei Monaten Haft, was noch nicht rechtskräftig ist. In der Begründung erkennt es an, dass fehlende Verantwortlichkeiten seitens der Kika-Programmgeschäftsführer den Betrug erleichterten.

Der Vorsitzende Richter, Thomas Schneider, sagt aber auch zum Angeklagten: "In erster Linie ist es Ihre Verantwortlichkeit. Sie haben alles so geschickt eingefädelt, verfolgt und verborgen gehalten, das sie es für die eigenen Geschäfte nutzen konnten. Sonst wäre es ja in all den Jahren aufgefallen. Es bleiben Ihre Taten."

Auf die Spielsucht geht der Richter näher, beinahe väterlich, ein, als er sagt, dass ein Alltag mit anspruchsvoller täglicher Arbeit und abendlicher Begegnung am Automaten für einen Menschen wie Marco K. nicht das Leben sei. Er solle die lange Haftzeit, die jetzt sicher wie ein Klotz vor ihm stünde, dafür nutzen, künftigen Spielverlockungen zu widerstehen.

Eine starke, fast magische Bindung an Automaten hatte dem Angeklagten bereits ein Gutachter von der Charité Berlin bescheinigt. Im September 2009 erlitt Marco K. einen großen Krampfanfall, ausgelöst vom Flackerlicht des Lieblingsautomaten. Ein pathologisches Spielen, das abzugrenzen ist vom Spielen zum Zweck der Unterhaltung, liegt vor.

Richter: Therapeutische Hilfestellung ist nötig

K. hat eine mittelgradige Depression und Veränderungen in der Persönlichkeit. Er hat sein ganzes Leben nach dem Spielen eingerichtet. Daher sei eine erhebliche Minderung der Steue-rungsfähigkeit nicht auszuschließen und bei Freilassung therapeutische Hilfe nötig, so das Gericht.

Es sah den früheren Kika-Herstellungsleiter als einen Mann, dessen Tätigkeit der eines Amtsträgers glich. Er habe eine gehobene Tätigkeit in einem Unternehmen ausgeübt, das von den Gebühren der Zuschaue finanziert wird.

Die Anwältin von Marco K. kritisiert die Umstände bei MDR und Kika scharf. Die Finanzstrukturen seine derart, dass zwar gezählt werde, ob vier Augen eine Rechnung gesehen hätten. Es werde aber nicht gefragt, ob man hinter diesen vier Augen noch denkt. Es sei im Übrigen unterlassen worden, ein Kontrollsystem zu installieren.

In der Tatsache, dass freie Mitarbeiter im Rechnungswesen tätig waren, liegt für die Anwältin die Absicht, Sozialabgaben zu sparen und jederzeit kündigen zu können. Sie sagt: "Den Ansehensschaden hat der MDR selbst verursacht."

An einem früheren Verhandlungstag hatte ein ZDF-Revisor die fehlende Fachaufsicht der Kika-Programmgeschäftsführer bemängelt. Es gibt darüber hinaus einen Brief des MDR-Antikorruptionsbeauftragten an den MDR-Intendanten zu einem anonymen Hinweis auf die Spielsucht des K. Der ZDF-Revisor sagte dazu: "Spielleidenschaft ist in diesem Zusammenhang ein Indiz allererster Güte und dringlicher Grund, den Dingen nachzugehen."

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