In den Neunzigern wurde hart um die Erfurter iga gestritten

Erfurt.  Erfurts früherer Oberbürgermeister Manfred Ruge schildert die Rettung der iga aus seinen Erinnerungen.

Historische Bilder: Abriss Glashalle auf dem iga-Gelände

Historische Bilder: Abriss Glashalle auf dem iga-Gelände

Foto: Peter Grimm

„Ich bin froh, dass es mit der Ega so gekommen ist, wie es heute ist.“ Alt-Oberbürgermeister Manfred Ruge lässt keinen Zweifel daran, dass ihm der beliebte Garten- und Freizeitpark, der tief im Bewusstsein der Erfurter verankert ist, am Herzen liegt. Sein Gegenüber, Dietmar Schumacher, seit 1995 erster Chef der nunmehr Erfurter Gartenbau-Austellung (Ega), pflichtet ihm ohne Wenn und Aber bei. So wie es heute sei, sei es die einzige Möglichkeit gewesen, dass sich die Stadt die Ega finanziell habe leisten können. Drei bis vier Millionen Euro an Zuschüssen per anno schüttle man nun mal nicht so einfach aus dem Ärmel.

„Ich möchte auch klarstellen, dass die iga zu keiner Zeit zum Verkauf stand. Die Frage hat vielmehr gelautet: Was wird aus ihr?“, sagt Ruge. Die Aussage der früheren Betriebsratsvorsitzenden Sylvia Otto, man habe damals, 1992, nur mit dem Trick, Denkmalschutz für die iga in den Ursprungsumfängen ihres geistigen Vaters, des Landschaftsarchitekten Reinhold Lingner, zu beantragen, diese vor deren Verkauf gerettet, lässt Ruge und Schumacher schmunzeln. „Frau Ottos Trick hatte sich mit dem gedeckt, was wir uns ohnehin vorgestellt hatten“, sagt der Ex-OB. „Die Denkmalschützer kannten unsere Pläne und haben deswegen zugestimmt. Nicht wegen des ,Tricks’.“

Da fügten sich offenbar zwei Dinge, die unterschiedlich im Ansatz daher kamen, aber eigentlich dasselbe wollten. „Gut, dass es so gekommen ist“, sagt Ruge. Und plaudert etwas aus der Historie, wie er sie erlebt hat.

Sechs Gutachten zum Betrieb der iga auf dem Schreibtisch des OB

Da zeichnet er ein Bild, wonach die iga mehrfach zum Spielball der Politik wurde. Zu DDR-Zeiten und auch nach dem Beitritt 1990 sei sie dem Landwirtschaftsministerium angegliedert gewesen. Das habe zumindest der Einigungsvertrag so vorgesehen gehabt. 1991 wurde sie aber ans Thüringer Umweltministerium weitergereicht. 1992 schob man sie zum Wirtschaftsministerium.

Ruge: „Keiner wollte die Verantwortung übernehmen und die 320 Mitarbeiter Monat für Monat bezahlen“. 1993 bekam das Finanzministerium den schwarzen Peter zugeschoben. Die Stadt habe bei diesen ganzen Rochaden kein Mitspracherecht gehabt. Allmonatlich sei vom Land bei der iga – ihr damaliger Wert 50 Millionen D-Mark – damit gedroht worden, wegen der hohen Kosten aussteigen zu wollen. „Hätten wir sie übernehmen müssen, hätten wir sie nur verkaufen können, denn so, wie sie war, hätten wir sie nie halten können“, sagt Ruge. 320 Leute zu bezahlen, das hätte die Stadt ruiniert, betont er.

Sechs Gutachten, wie man die iga weiterbetreiben könnte seien damals auf seinem Schreibtisch gelandet. Pläne für einen Einfamilienhaus-Musterpark, ein Welthandelszentrum mit Büros und Verbindung ins Güterverkehrszentrum als Warenumschlagplatz, ein Kurpark mit Kureinrichtung. Hirngespinste.

Pläne für ein Landesfunkhaus in der alten Zentralgaststätte

„Alles Ideen, von denen die Erfurter Bürger nichts gehabt hätten“, so das frühere Stadtoberhaupt. Also einigte man sich: Ein Drittel – in den Umfängen, wie sie einst Reinhold Lingner geplant hatte – gehen inklusive von 75 Beschäftigten zur Stadt. Zwei Drittel vermarktet das Land. Daraus wurden schlussendlich die Messe und das MDR-Landesfunkhaus.

Ruge erinnert sich an ein Detail: „Keiner wollte damals die Zentralgaststätte, die in keinem guten baulichen Zustand war und verfiel. Am Ende blieb, sehr zum Bedauern vieler Erfurter, nur der Abriss.“

Tatsächlich habe es da Pläne des MDR gegeben, dort das Landesfunkhaus hinzusetzen. Mit einem langen unterirdischen Zuliefertunnel für die Technik der Film- und Fernsehproduktionen von der Gothaer Straße her. Hirngespinste.

Dann kommt der frühere OB auf die Demonstrationen zur Erhaltung der iga zu sprechen. „Die hätte es gar nicht geben müssen“, sagt er. Denn es sei zu dem Zeitpunkt noch gar nichts geklärt gewesen. Er habe aber verstanden, dass die Mitarbeiter die Furcht um den Arbeitsplatz umgetrieben habe. Viele hätten schließlich ein Leben lang dort gearbeitet. Das habe Sylvia Otto schon bemerkt. Ihr Wirken allein habe aber nicht zur letztlich positiven Entwicklung zur Ega beigetragen. „Fakt war, mit der iga-Gesamtfläche wäre die Stadt mit zehn Millionen D-Mark Kosten pro Jahr baden gegangen“, so Ruge.

In Ministerien kein Interesse für die iga bei den Mitarbeiter-Importen

Die Reduzierung der Gesamtfläche auf das heutige Maß sei „der einzige gangbare Weg“ gewesen, den man mit Händen und Füßen verteidigt habe. Nur das Alte bewahren sei damals zwar Zeitgeist gewesen, hätte aber nicht funktioniert. „Denn die Importe in den Ministerien hatten zur iga keinerlei Beziehung und wollten sie immer nur abreißen“, so Ruge. Er habe ihnen eindrücklich erklären müssen, dass das so nicht gehe. „Und ich habe ihnen erklären müssen, was Aufbaustunden sind.“

Am Anfang habe man seitens der Stadt mit den Argumenten kaum Gehör gefunden. Aber mit der Fortdauer der 14-tägigen Gespräche habe „der stete Tropfen den Stein gehöhlt“. Zeitgleich habe man die ersten Ausstellungen organisiert, um etwas Vorzeigbares präsentieren zu können. Der Plan ging auf. Es sei richtig voll geworden.

Da habe selbst der damalige Geschäftsführer Hans-Georg Höhne, eingestellt vom Finanzministerium, gestaunt. „Der hatte zuvor 16.000 Leute bei Carl Zeiß entlassen und wurde dann zu uns geschickt, um die iga abzuwickeln“, erinnert sich Ruge. „Ein komischer Typ“ sei das gewesen. Der sei mit einer E-Klasse von Mercedes angerückt, habe die Luxuslimousine abgestellt und sei bis zu seinem Weggang nie damit gefahren. Bis sie der neue Geschäftsführer, Dietmar Schumacher, verschrotten ließ. Zum Glück habe der „Import“ seinen Auftrag nicht erfüllen können.

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