Katholische Messe aus 21. Jahrhundert im Erfurter Dom uraufgeführt

Erfurt/Eisenach  Silvius von Kessels „Missa Cum Jubilo“ wurde erstmals uraufgeführt. Darüber hinaus regen die Achava-Festspiele dieser Tage zu Gesprächen über Religion an.

Silvius von Kessel leitete die Uraufführung seiner „Missa Cum Jubilo“ im Dom zu Erfurt.

Silvius von Kessel leitete die Uraufführung seiner „Missa Cum Jubilo“ im Dom zu Erfurt.

Foto: Peter Kranz

Als jüdischer Impuls für einen interreligiösen (und interkulturellen) Dialog verstehen sich die Achava-Festspiele. Mit dieser Setzung - und sozusagen mit Gottes sowie des Thüringer Ministerpräsidenten Hilfe - wurden sie 2015 durchgesetzt. Dass der interreligiöse ohne innerreligiösen Dialog gerade im Christentum jedoch nicht zu haben ist, steht gleichsam am Beginn der nunmehr fünften Ausgabe. Sie ist in Worten und Tönen auch ein notwendiges Gespräch mit sich selbst.

Das führt dann fast zwangsläufig zu jenem scheinbaren Anachronismus, der am Freitag und am Sonntag im Erfurter Dom zu erleben war: dass nämlich jemand im 21. Jahrhundert allen Ernstes (und doch nicht gänzlich humorfrei) eine katholische Messe komponiert. Silvius von Kessel, der Domorganist, hat es in den vergangenen Jahren getan und nun die Uraufführung selbst geleitet: die seiner „Missa Cum Jubilo“, eine am gregorianischen Vorbild orientierte und doch weit darüber hinaus klingende Marienmesse im Mariendom.

In ihr tönt weniger eine tiefe Versenkung in den Glauben als vielmehr der unbedingte Wille, den tiefen Glauben mit Pauken und Trompeten und noch viel mehr aus der Versenkung zu holen. Von Kessel hat nicht allein katholische Liturgie vertont; er setzte einen Kommentar zur Lage der Kirche in säkularer Zeit, der letztlich ein Bekenntnis abgibt, mit dem ganz großen Besteck in Musik. Dafür gab es stehende Ovationen.

Ein fünfteiliges Credo also steht nicht von ungefähr im Zentrum: unter anderem mit Röhrenglocken sowie einer gleichsam bei Olivier Messiaen ausgeliehenen Ondes Martenot: ein aufjaulendes elektronisches Tasteninstrument aus Frankreich, woher mit Thomas Bloch aus Straßburg auch der Spieler eingekauft werden musste, weil hierzulande keiner aufzutreiben ist.

Großes Werk lässt sich in großen Teilen nicht unmittelbar erschließen

So erklingt dann „der angefochtene und in Frage gestellte, ja sogar der entstellend nachgeäffte Glaube - also der Glaube in moderner Zeit.“ Später folgen musikalische Sticheleien: „An Gott zu glauben ist noch nicht ganz so anstößig wie ganz konkret an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche zu glauben. Naturgemäß ist das so, denn die Kirche gibt in ihrer menschlichen Komponente Anlass zu allerlei Spott und Verachtung.“ Man muss das alles nicht heraushören, man kann es nachlesen. Von Kessel gibt uns eine detaillierte Erläuterung in die Hand.

Sie ist ein Hinweis darauf, dass sich dieses große Werk in großen Teilen nicht unmittelbar erschließt. Was sich erschließt, ist ein großer Kampf, mit der katholischen Kirche und letztlich für sie. Zu hören ist ein großes Wühlen und ein tiefes Graben in der Kirchen- und eben auch in der kirchenmusikalischen Geschichte.

Es ist ein Kampf zwischen tonaler und atonaler Musik, zwischen lateinischen und deutschen Texten, zwischen Solisten und Chören. Bässe brummen, Pauken grummeln, dissonant grätscht die Orgel hinein. Das sind die Schreie. Bläserfanfaren jubilieren. Zwei Harfen rufen Engel an.

Ein Mit- und Durcheinander an Stimmen

Es gibt ein großes Orchester (Staatskapelle Weimar), einen gemischten Chor (Domchor nebst Studenten und Musikgymnasiasten), einen Kinderchor (Dom und Chorakademie Erfurt), natürlich vier Solisten: Marietta Zumbült, Nadine Weissmann, Julian Freibott und Daeyong Kim. Es gibt ein Mit- und auch ein Durcheinander der Stimmen. Und es scheint, Silvius von Kessel legt in diese Messe musikalisch wie theologisch alles, was er jahrzehntelang nicht komponierte. Alles, was sich anstaute, floss direkt in ein Opus Magnum, gewidmet der Unbegreiflichkeit des Glaubens.

„Es ist schlicht nicht zu begreifen“, so sprach am Sonntag auch Margot Käßmann in der Eisenacher Georgenkirche: „Es ist schlicht nicht zu begreifen, dass evangelische Landeskirchen während der Zeit des Nationalsozialismus diese irrwitzige Idee hatten, mit dieser Einrichtung alle jüdischen Bezüge aus der Bibel und dem Gesangbuch zu streichen.“ Die einstige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche Deutschland predigte im Gottesdienst innerhalb „jüdisch-christlicher Begegnungstage“ von Kirche und Achava-Festspielen.

Auf das Bild vom Ölbaum im elften Römerbrief verweisend, sprach sie von Selbstzerstörung. Was das Eisenacher „Entjudungsinstitut“ seit 1939 unternahm, heiße, „die Wurzel zu kappen, von der wir leben.“ Deutlicher formulierte es tags zuvor an gleicher Stelle Theologe Karl-Wilhelm Niebuhr (Uni Jena): Christen hätten mit allem Jüdischen letztlich Gott aus der Bibel gestrichen. An diesem Nachmittag enthüllte man in der zweiten Empore der Georgenkirche zwölf Bibelverse, die als zu jüdisch in Ungnade fielen, als man 1940 insgesamt 22 Wort- und Bildtafeln aus dem 17. Jahrhundert wieder anbringen wollte. Einer jener Verse stammt aus dem Buch Esra: „Mein Gott, ich schäme mich und scheue mich, meine Augen aufzuheben zu dir, mein Gott; denn unsere Missetat ist über unser Haupt gewachsen.“

Und sie wächst immer noch. Nicht nur, weil wir es „mit einem stetig wachsenden Antisemitismus“ zu tun haben, so Käßmann; sie verwies auch auf Björn Höcke (AfD), der „mit dem Begriff des christlich-jüdischen Abendlands nichts anfangen“ kann, wie er sagt. Dieses Abendland schaute zuletzt vor fünf Jahren einem Genozid zu: dem des IS an Jesiden im Nordirak. Von dort kam Scheich Khairi Sameer Jendi nach Eisenach, um am Samstag ein jesidisches Gebet zu zitieren: „Gott, schütze erst die 72 Völker und dann uns.“ Das heißt es wohl, den inner- und interreligiösen Dialog zugleich zu führen. Es sind längst nicht alle Messen gesungen.

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