Kita-Mangel in Erfurt verstärkt die Ungleichheit

Erfurt.  Manche Eltern können sich ein Kindermädchen leisten, wenn sie keinen Kita-Platz finden. Andere bleiben notgedrungen selbst zu Hause.

„Corona hat gezeigt, wie wichtig das Bildungs- und Betreuungssystem für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist.“ – Denny Möller, Vorsitzender des Erfurter Jugendhilfeausschusses.

„Corona hat gezeigt, wie wichtig das Bildungs- und Betreuungssystem für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist.“ – Denny Möller, Vorsitzender des Erfurter Jugendhilfeausschusses.

Foto: Sascha Fromm

Vor den sozialen Folgen des Kita-Mangels in Erfurt hat der Jugendhilfeausschuss-Vorsitzende Denny Möller (SPD) gewarnt. Die Platzsuche sei zwar für alle Eltern ein Problem. Aber während besser Verdienende sich eher eine private Tagespflege organisierten, würden andere Eltern ihre Kinder notgedrungen länger selbst zu Hause betreuen.

Da weiterhin sich zumeist die Frauen um die Kinderbetreuung kümmern, verschärfe das die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Zugleich werde den Kindern die Möglichkeit genommen, früh in einer Einrichtung gemeinsam mit Gleichaltrigen betreut zu werden. Aus wirtschaftlicher Sicht verstärke es den Fachkräftemangel, wenn Eltern länger zu Hause bleiben.

„Corona hat gezeigt, wie wichtig das Bildungs- und Betreuungsangebot für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist“, sagt Möller. Eltern sollten zwar selbstverständlich selbst entscheiden, ob und ab wann sie ihr Kind in einen Kindergarten geben. Aber diese Wahlfreiheit sei in Erfurt durch den Platzmangel eingeschränkt. Die Hürde, einen Betreuungsplatz zu einzuklagen, sei hoch.

200 Kita-Plätze zu wenig – oder ist das Defizit noch höher?

Offiziell beträgt das Defizit derzeit rund 200 Kita-Plätze. Möller geht von einem noch viel höheren tatsächlichen Bedarf aus. Er verweist auf die Betreuungsquote, die in Erfurt zuletzt gesunken sei, obwohl die Umstände – eine gewachsene gesellschaftliche Akzeptanz der Krippenerziehung, ein kostenloses Kita-Jahr, wachsende Quoten im restlichen Thüringen – eigentlich für einen Anstieg sprechen müssten.

Besonders benachteiligt seien Flüchtlingsfamilien. Sie müssten zunächst das Betreuungssystem verstehen und seien dann aufgrund ihrer sozialen Situation kaum in der Lage, sich einen Platz zu erstreiten.

Denny Möller vermutet, dass diese Familien bei der Aufnahme oft benachteiligt werden. „Die Statistiken zeigen, dass es einige Einrichtungen mit nur vier oder fünf Kindern oder gar keinem Kind mit Migrationshintergrund gibt“, sagt er.

Flüchtlingsfamilien fällt Suche nach Kita-Platz besonders schwer

Da die Bewerberzahlen nicht bekannt seien, könne über die Gründe nur spekuliert werden. Aber offenbar sei die Bereitschaft, die Kita differenzierter zu belegen, in den Einrichtungen unterschiedlich ausgeprägt.

„Für Flüchtlingsfamilien war es schon immer besonders kompliziert, einen Platz zu finden“, meint Möller. Gerade in diesen Familien komme noch der Integrationsaspekt hinzu, für den ein Kita-Aufenthalt von klein auf besonders wichtig sei.

Die Stadt könne darauf kaum reagieren. Da alle Kitas voll besetzt seien, könnten eben auch keine Ausweichplätze angeboten werden. Dass die Stadtverwaltung, die bis zum Vorjahr bei hartnäckigen Anfragen noch immer irgendwie einen Platz aufgetrieben hatte, nun das Defizit offen eingesteht, drücke eine „Stimmung der Ratlosigkeit“ im Rathaus aus.

Ausschuss-Chef Denny Möller fordert „Investitionen mit Karacho“

Unwillen könne er den Ämtern nicht vorwerfen. „Aber ich möchte an die Stadtpolitik appellieren, die dramatischen Folgen nicht vorhandener Kita-Plätze nicht zu übersehen“, sagt der Ausschuss-Chef und fordert „Investitionen mit Karacho“.

Mit ein oder zwei neuen Einrichtungen sei es nicht getan. 500 Plätze über dem errechneten Bedarf seien ein „sinnvoller Puffer für das Kita-System“.

Kurzfristig plädiert Denny Möller dafür, Alternativplätze auch in nicht kita-typischen Gebäuden zu suchen und in den vorhandenen Einrichtungen noch enger zusammenzurücken: Die Stadt solle beim Land darauf hinwirken, die Betriebserlaubnis von Einrichtungen vorübergehend anzupassen – auch wenn das bedeute, Einschränkungen akzeptieren zu müssen.