Klettbacher Wahrzeichen steht auf wackligen Beinen

Klettbach.  Ein neues Gutachten hat die Klettbacher Bockwindmühle vorerst stillgelegt. Jeder Sturm könnte zum Totalschaden führen.

Im Jahr 2008 erhielt die Bockwindmühle ihre Flügel zurück. Damals sah sich der Verein bereits auf der Zielgeraden- de wichtigsten Arbeiten waren geschafft.

Im Jahr 2008 erhielt die Bockwindmühle ihre Flügel zurück. Damals sah sich der Verein bereits auf der Zielgeraden- de wichtigsten Arbeiten waren geschafft.

Foto: Hartmut Schwarz

Von einer Minute auf die andere war die Freude über den 2019 erhaltenen Thüringischen Denkmalschutzpreis dahin. „Wir haben uns alle auf den Arsch gesetzt“, beschreibt Bürgermeister i.R. Ralph Triebel den Moment, als den Mitgliedern des Klettbacher Mühlenvereins im Herbst vergangenen Jahres vor Augen geführt wurde, dass die Bockwindmühle über dem Dorf auf wackligen Beinen steht, dass ein Sturm, wie unlängst erst Julia, die Mühle hätte umwerfen können. Überbracht hat die bittere Botschaft von Mühlenbauer Martin Wernicke, der eigentlich ein Angebot machen sollte für die nächste geplante Sanierung der Mühle, für die Rekonstruktion des Innenausbaus. Vor dem Innenausbau sollte zuerst dafür gesorgt werden, dass die Mühle stabil steht, teilte er mit – und verwies auf eine ganze Reihe Schwachstellen im Fuß der Mühle, die zuvor als solche nicht erkannt wurden.

Triebel, der von Beginn an im Mühlenverein engagiert ist, erinnert sich: „Wir waren alles keine Experten, wollte die Mühle nur retten. Alles Wissen haben wir uns angelesen.“ Die von den Vorbesitzern eingebauten Kompromisse im Gebälk hatte man als gegeben hingenommen, zumal es damals an den Möglichkeiten fehlte, diese zu korrigieren. Das wichtigste war, schnell zu handeln, den Verfall zu stoppen – schließlich ging es um das Wahrzeichen der Gemeinde – und um die höchst gelegene Bockwindmühle Deutschlands.

Eine zweite Meinung, die eingeholt wurde, bestätigte den Verdacht. Auch der Mühlenbautechniker Rüdiger Hagen kam zu einer ernüchternden Einschätzung. Der hölzerne Bock habe gravierende Schwachstellen, die dafür sorgen, dass die Mühle „auf wackeligen Beinen“ steht. In einem detaillierten Gutachten hat er aufgezählt, wo erneut Hand angelegt werden muss. Es geht um um diverse Pfeiler und Balken, die bereits mehrere Reparaturen durchlebt haben. Eine weitere sei jetzt nicht mehr möglich – sie müssen durch neues Holz ersetzt werden. Gerechnet wird mit etwa 30.000 Euro, die es kosten wird, die Mühle vor dem Absturz zu retten. Und dies möglichst vor dem Fall der Fälle, vor einem Totalschaden – wie in Jena, wo unlängst eine ähnliche Mühle dem Sturm nicht mehr Stand halten konnte.

Nicht nur von Gerd Möller, dem Vorsitzenden des Klettbacher Mühlenvereins, wird seitdem versucht, schnellstmöglich das Problem in den Griff zu bekommen, auch der Eigentümer der Mühle, die Gemeinde, hat bereits eine Entscheidung im Sinne der Mühle getroffen. Der Gemeinderat hat beschlossen, bei einem Förderanteil von 50 Prozent, den für die Standsicherung notwendigen Eigenanteil zur Verfügung zu stellen. Unmittelbar nach diesem Beschluss wurden Fördermittel über das Leader-Programm beantragt – und vor wenigen Tagen erreichte die Gemeinde eine beruhigende Antwort: Die Förderwürdigkeit wurde bestätigt - zu 50 Prozent. Auch von der nächsten Instanz, dem Landesamt für Landwirtschaft und Ländlichen Raum in Gotha, gab es bereits gute Nachrichten – am heutigen Donnerstag soll das Problem in Augenschein genommen werden, um danach die Förderung endgültig auf den Weg bringen zu können.

Weil die Zeit drängt, und dies nicht nur weil heftige Stürme inzwischen keine Ausnahmeerscheinungen mehr sind, wird vom Mühlenverein jetzt Druck gemacht. Jetzt ginge es darum. die Terminkette möglichst eng zu stricken. Im Vorfeld wurden bereits Angebote von diversen Unternehmen angefragt. Denn was nützt das Geld, wenn alle für die Arbeiten befähigten Betriebe ausgebucht sind? Denn einfach wird die Reparatur nicht. Die Mühle soll hydraulisch angehoben werden, damit die defekten Bauteile ausgetauscht werden können. Letztendlich soll die Bockwindmühle auf derart sicheren Beinen stehen, dass langfristig auch das zweite Mahlwerk wieder eingebaut werden kann, dass (dessen ist man sich jetzt sicher) einst ausgebaut wurde, um die geschwächte Konstruktion zu entlasten.

Bis die Finanzierung geklärt ist, die Aufträge vergeben und die Rekonstruktion begonnen werden kann, wird die Bockwindmühle quasi mit Samthandschuhen angefasst. Vorsorglich wurde sie jetzt in den Wind gedreht, die Lamellen der Flügel auf Durchzug gestellt und zusätzlich am Sterz gesichert – verbunden mit der Hoffnung, das der Starkwind auch weiterhin aus Westsüdwest kommt – wenn er kommt. Zum Deutschen Mühlentag und am Tag des offenen Denkmals, bleibt die Mühle aber trotzdem im Programm. Bei ruhigem Wetter sei die Standsicherheit gewährleistet. Nur in Funktion kann sie in diesem Jahr kein Besucher erleben.

Der Mühlenverein wird an beiden Tagen Interessierten gern die Geschichte der Mühle vor Augen führen: Erbaut wurde sie 1743 in Espenbach bei Bad Frankenhausen. 1909 wurde sie verkauft demontiert und per Bahn über Vieselbach und von dort mit Pferdefuhrwerken nach Klettbach umgesetzt. Dort war sie bis ca 1960 (zuletzt nur noch mit zwei Flügeln) in Betrieb. Danach verfiel sie, bis sich nach der Wende der Klettbacher Mühlenverein für den Wiederaufbau engagierte. Kurz zuvor, noch zu DDR-Zeiten, ging die Mühle in den Besitz der Gemeinde über - für 4.000 DDR-Mark. 2008 war dann die Instandsetzung endlich geschafft - nach 47 Jahren drehten sich die Flügel wieder im Wind... Eine Menge Zeit (1200 Arbeitsstunden der Vereinsmitglieder) und Geld wurde in den Wiederaufbau investiert. Bis 2018 kostete die Instandsetzung insgesamt 237.500 Euro. Davon steuerte der Eigentümer (die Gemeinde) etwa 111.000 Euro bei, auf etwa 94.000 Euro beläuft sich die Höhe der Fördermittel, etwa 10.000 Euro steuerten Sponsoren bei. All das steht jetzt auf dem Spiel, wenn nicht schnellstens für Standsicherheit gesorgt wird.