Knapp am Abgrund: Mit Corona kam die Existenzangst in Erfurt

Erfurt.  Drei Erfurter Beispiele, wie der Mut zur Investition beinahe unter Corona begraben wurde.

Nami-Kim und Jörn Wollschläger hatten sich mit ihrem Restaurant einen Traum erfüllt. Dann kam mit Corona die Existenzangst.

Nami-Kim und Jörn Wollschläger hatten sich mit ihrem Restaurant einen Traum erfüllt. Dann kam mit Corona die Existenzangst.

Foto: Michael Keller

Sie kann schon wieder Lächeln. Kerstin List steht vor ihrem nagelneuen Wohnhaus auf dem ebenso nagelneuen Campingparkplatz in der Rudolstädter Straße in Dittelstedt und zeigt auf die ersten Gäste, die mit ihrem Wohnmobil Unterschlupf gefunden haben. Die mutige Unternehmerin hatte 2,5 Millionen Euro, zum großen Teil kreditfinanziert, in die Hand genommen, um mit ihrem Lebensgefährten Philipp das zu realisieren, woran man sich in der Stadt 17 Jahre lang die Zähne ausgebissen hatte: ein Campingpark für Wohnmobile. Es lagen rund 50 Anmeldungen vor. Am 20. März war die feierliche Eröffnung geplant. Am 18. März fiel die Corona-Klappe. Aus. Alles abgesagt. Der einzige Gast, ein Schweizer, suchte fluchtartig das Weite. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

„Ein Gefühl der Leere“ sei da gewesen, sagt die 48-Jährige. Sie habe im Kopf den Taschenrechner angeworfen. Immer wieder. Denn die Kosten kennen kein Corona-Virus. Sie laufen weiter. „Ich habe nicht gewusst, was zu tun ist. Und mich immer gefragt, wie lange der Spuk wohl andauern wird. Das schlimmste war diese Ungewissheit“, sagt sie. Und fügt an: „Im Haus habe ich vor den Umzugskisten gestanden und mich gefragt, ob es wohl noch Sinn macht, sie auszupacken.“

Viele schlaflose Nächte folgten. Die Sparkasse Mittelthüringen kam der Bitte nach Aussetzung der Kreditraten nach. Ohne dieses Entgegenkommen hätte sie das Handtuch werfen müssen, gibt die Erfurterin zu. Überbrückungshilfe? Nein. Letzten Freitag dann, mit der Lösung der harten Bandagen durch das Land, seien nach sechs Wochen Leere sofort die ersten zehn bis 15 Camper eingetrudelt. Das Telefon steht seither nicht mehr still. Bis über Pfingsten sei sie gut gebucht. Das Stimmungsbarometer steigt wieder. Und sie schlafe trotz des zurückgebliebenen beträchtlichen Finanzloches wieder einigermaßen, sagt Kerstin List.

Entspannung steht auch Christian Henning ins Gesicht geschrieben, als er mit einem seiner vier stadtbekannten Coffeebikes an der Schlösserbrücke Station macht. Henning und sein Geschäftspartner Christoph Kock betreiben seit vorigem Jahr das „Strandgut 33“ am Alperstedter See. 300.000 Euro Verbindlichkeiten, die plötzlich, als der Lockdown kam, zur drückenden Last wurden. Er habe anfangs erst gedacht, na gut, in zwei Wochen geht’s weiter. Pustekuchen.

Dennoch sei er nie an dem Punkt gewesen, wo er und Kock gedacht hätten, wir schaffen es nicht. „Wir haben uns sofort Gedanken gemacht. Die sechs Mitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt, zwei Coffeebikes stillgelegt“, erinnert er sich. Durch Kontakte konnte er seine Leute bei Logistikern „zwischenparken“. „Die Banken haben mitgespielt, die Versicherung, die Politik, das Land hat finanzielle Unterstützung gegeben, ich kann nicht klagen“, sagt Henning erleichtert.

Die Geldbringer, die Coffeebikes, hatten keine Kundschaft mehr. Gähnende Leere in der Innenstadt. Dann kam eine Offerte aus dem „Augustiner“ hinter der Krämerbrücke, sich dort aufzubauen, weil da noch Publikum war. Und auch der Edeka-Markt in Elxleben bot einen Platz an. „Das hat uns echt den Arsch gerettet“, sagt Henning erleichtert. Und plötzlich nahm das Fahrt auf. Man konnte sich kaum retten vor Nachfragen nach einem Coffeebike. Er hätte 20 Standplätze bekommen können.

„Wenn die Unvernunft nicht siegt und dann ein zweiter Lockdown kommt, dürfte das Gröbste überstanden sein“, sagt Henning. Zwar habe er eine nicht unbeträchtliche Summe verloren, aber sich nie im Stich gelassen gefühlt. Im „Strandgut 33“ werden wieder Speisen und Getränke serviert. Zwar nur noch auf 50 Plätzen, aber immerhin. Der Zuspruch seit Freitag voriger Woche sei super. Ohne Reservierung sei es sinnlos anzurücken. „Wir sind guter Dinge“, so Christian Henning.

Bombastischer Start mit neuem Restaurant – doch dann kam Corona

Jörn Wollschläger kann nicht von sich sagen, dass er optimistisch sei. Er traut dem Frieden nicht. Der 41-Jährige hat erst Ende 2019 mit seiner Frau Nami auf dem Domplatz das „Wollkim“, ein koreanisches Restaurant eröffnet. Und sich dafür finanziell so gut wie „nackig“ gemacht.

Das asiatische Restaurant sei gut angenommen worden. Wollschläger, der ehemalige Biathlet, sah sich mit seiner Frau, auch eine ehemalige Hochleistungssportlerin, in Erfurt endlich am Ziel seines Traumes als Gastwirt. Der Januar habe richtig gebrummt, dann sei es nicht unerwartet ruhiger geworden, Und dann ganz ruhig – Corona.

Jörn Wollschläger war zu der Zeit gerade mit dem Biathlon-Tross in Finnland und kam nur mit Glück und über eine Odyssee wieder zurück nach Erfurt. Am 17. März hatte das „Wollkim“ nochmals geöffnet. Dann zog Ruhe in Küche und Gastraum ein. Viel zu lange.

„Ich hab’s mit der Angst bekommen, denn wir hatten keinen Plan B“, gibt er zu. 200.000 Euro hatte das Ehepaar investiert, die Konten waren leer, kein Finanzpuffer in der Hinterhand. Die Registrierkasse ratterte im Kopf. Und Wollschläger ging ans Werk, parkte seine sechs Mitarbeiter in Kurzarbeit und rief mit als einer der Ersten einen Außerhaus- und Abholservice ins Leben. Sie hat gekocht, er die Sachen ausgefahren. „Das hat meine Motivation gestärkt, ich habe immer gedacht, das kann deine Chance sein“, denkt er zurück.

Die Soforthilfe vom Land kam schnell, tat ein übriges, um wieder an den Fortgang des Traumes vom eigenen Restaurant zu glauben. Auch wenn er anfangs nicht nur einmal ans Aufgeben dachte. Mit einem „schmalen Fuß“, wie er sagt, sei man durchgekommen.

Dennoch nagen Zweifel an dem Ex-Leistungssportler, der trotz vieler Rückschläge immer das Kämpfen im Blut hatte. Die Furcht vor einer zweiten Corona-Welle ist da. Das Restaurant hat wieder geöffnet, der Abholservice bleibt. Und das Ordnungsamt drücke schon mal ein Auge zu, wenn er mit den wenigen Tischen wegen der Abstandsregel mal leicht über die festgelegte Reviergrenze rutscht. Immerhin.