Krimifestival Erfurt und Erfurter Herbstlese sind Corona-Opfer

Erfurt.  Wegen neuer Allgemeinverfügung der Stadt Erfurt werden alle Lesungen bis auf Weiteres abgesagt.

Su Turhan bestritt am 24. Oktober unfreiwillig die letzte Lesung des Krimifestivals Erfurt.

Su Turhan bestritt am 24. Oktober unfreiwillig die letzte Lesung des Krimifestivals Erfurt.

Foto: Anette Elsner

Das Krimifestival Erfurt hat es gerade noch so geschafft, die Erfurter Herbstlese wird hart getroffen: Die für November geplanten Lesungen beider Veranstaltungsreihen werden abgesagt und nach Möglichkeit verschoben. Denn mehr als 25 Gäste pro Veranstaltung dürfen nicht sein bei den derzeitigen Corona-Infektionszahlen in der Landeshauptstadt. Alle aktuellen Entwicklungen im kostenlosen Corona-Liveblog.

25 Gäste pro Veranstaltung sind zu wenig

„Das lohnt sich nicht mehr – weder für die Autoren, noch fürs Publikum noch für den Veranstalter“, sagt Buchhändler Peter Peterknecht, der bei der fünften Auflage des Krimifestivals Erfurt bis Samstag insgesamt 800 Besucher zählte. 2019 waren es 4500. „Wir standen in ständigem Kontakt mit dem Gesundheitsamt, unser Konzept ist aufgegangen“, sagt Peterknecht über die Lesungsreihe, aber auch den normalen Buchhandlungsbetrieb. Alles sei im grünen Bereich: keine Infektionen.

Krimi-Lesungen auf 2021 verschoben

Dass Su Turhan am 24. Oktober die letzte Lesung bestreiten würde, war nicht geplant. Marc Raabe (3. November) und Charlotte Link (24. November) hätten Epilog und Showdown gestalten sollen. Ihre Auftritte sind auf 2021 verschoben, Termine gibt es noch nicht.

Neue Fans für Kommissar Pascha

Dafür hat Zeki Demirbilek in Erfurt neue Fans gefunden. Den siebten Band um den stets maßgeschneidert gekleideten Münchner Kommissar mit türkischen Wurzeln, der sich kompromisslos durch den Ramadan quält und an jedem zweiten Sonntag Schweinebraten isst, stellte Autor Su Turhan am Samstag vor. Dass er selbst für die groben Lebenslinien Modell gestanden hat, erzählt er gern, ebenso wie anderes aus seinem Leben. Der studierte Filmphilologe arbeitet auch als Drehbuchautor. Wenn am 1. Dezember „Der starke Hans“ im Fernsehen läuft, hat Turhan das Märchendrehbuch verfasst.

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Förderverein Buch hilft Buchhandlungen

Sein Honorar hat der Förderverein Buch bezahlt: Gespeist wird dieser von der Bonnier-Verlagsgruppe, die Buchhandlungen unterstützt, wenn sie Veranstaltungen anbieten. „Viele haben sich zurückgezogen“, sagt Peterknecht, „wir wollten präsent bleiben – für die Leser, für die Autoren und natürlich zeigen, dass wir noch da sind.“ Su Turhan feierte ihn dafür am Samstag als „Held“, gehört er doch zu den Autoren, die mit Lesungen ihren Unterhalt bestreiten.

Autoren auf Lesungen angewiesen

Vom Buchverkauf leben könnten die wenigsten: „Gerade Kinderbuchautoren absolvieren oft um die 300 Lesungen im Jahr“, weiß Peter Peterknecht. Den Kopf in den Sand zu stecken, das helfe nicht: Peterknecht plant derzeit die Kinderbuchtage 2021 – für Mai/Juni. Der traditionelle Termin März/April ist ihm zu riskant.

Morgens Absage für abends

In einen Dilemma steckten am 26. Oktober die Veranstalter der Herbstlese. Für den Abend stand eine Lesung mit Volker Weidemann an mit 60 verkauften Eintrittskarten. „Uns bleibt nicht anderes als abzusagen“, meint Herbstlese-Vereinschef Dirk Löhr. „Wir können ja nicht nur jeden Dritten reinlassen und die anderen nach Hause schicken“, spielt er auf die gerade in Kraft getretene Reglung an, dass nur noch Veranstaltungen mit maximal 25 Gästen zugelassen sind. Als Konsequenz bleibe am Ende nur, die November-Veranstaltungen ebenso abzusagen.

Gauck und Vogel kommen nicht

Was sich schon in den vergangenen Tagen angedeutet habe. Joachim Gauck sagte ab, weil er als Alt-Bundespräsident nicht in ein Risikogebiet reisen könne. Die Konrad-Adenauer-Stiftung teilte mit, dass der auf die 90 zugehende Bernhard Vogel nunmehr nicht dem Risiko einer großen Veranstaltung ausgesetzt werden könne. Verständliche Gründe, die dennoch enorme Mühen und Anstrengungen des Herbstlese-Teams zunichte machen.

Alle Mühen des Herbstlese-Vereins zunichte gemacht

So waren für den Abend mit Joachim Gauck schon im Frühjahr 350 Karten verkauft, was wegen Corona ausfiel. Dann gelang es, Gauck für eine Doppelveranstaltung mit je 150 Leuten im Atrium der Stadtwerke zu gewinnen. Es sei mit Riesenaufwand versucht worden, alle Kartenbesitzer zu erreichen, um möglichst niemanden zu enttäuschen. Alles umsonst. „Es ist bitter, und das auch für die Künstler, die sich mehrfach schnell bereit erklärt hatten, Doppeltermine zu bestreiten“, sagt Programmchefin Monika Rettig.

Hoffnung liegt auf Hof des Hauses Dacheröden

Im Haus Dacheröden wolle man nach dem Kraftakt nun durchatmen und überlegen, wie überhaupt das Haus noch mit Kulturangeboten aufwarten kann. Weil selbst kleine Reihen wie das Table Quizz ja mehr als 25 Leute anlocken und man nicht immerzu Menschen wegschicken könne.

Eine Option für Kultur in der Stadt

Ganz zarte Hoffnungen hegt man noch für den Dezember, aber im Grunde genommen blicke man nun schon auf das kommende Jahr voraus. Dann, so denkt Dirk Löhr, werde es ja auch keinen großen Neustart geben. Eine Überlegung dreht sich daher um den Hof des Hauses Dacheröden. Bekäme man diesen für Künstler und Publikum halbwegs wetterfest, wäre das eine Option für Kultur in der Stadt – und vielleicht gar als Open-Air-Spielort für andere Clubs.