Kristina Vogel bei der Deutschland-Tour: „Es ist einfach schön, nicht mehr zu müssen.“

Erfurt  Kristina Vogel fährt nach ihrer Querschnittslähmung erstmals mit einem Handbike. Sie startet auch zur Deutschland-Tour in Erfurt und plant eine Trainer-Karriere.

Kristina Vogel während einer Trainings-Runde auf einem Handbike im Erfurter Stadtteil Windischolzhausen.

Kristina Vogel während einer Trainings-Runde auf einem Handbike im Erfurter Stadtteil Windischolzhausen.

Foto: Sascha Fromm

„Na, alles klar?“ fragt Kristina Vogel beim Öffnen der Tür und blinzelt lächelnd in die Sonne. Sie ist sportlich gekleidet, trägt ein weißes Shirt mit grünem Kleeblatt. Geschwind rollt sie aus dem Hauseingang in Erfurt, hat Sekunden später den Alltags-Rollstuhl mit dem Handbike, dem Zuggerät, verbunden. Die 28-Jährige setzt den schmucken Helm sowie die fetzige Sonnenbrille auf. „Wenn man so viele Jahre Radsportlerin war, sind glücklicherweise noch einige Sachen aus dieser Zeit im Schrank.“

Wir sind dabei, als Kristina Vogel eine Art Generalprobe für ihren Start bei der Deutschland-Tour unternimmt. Rund 14 Monate nach ihrem schweren Trainingsunfall und der seitdem feststehenden Querschnittslähmung ab dem siebenten Brustwirbel. Erstmals erlebt sie wieder ein ähnliches Gefühl wie beim Radfahren. Gemeinsam mit dem ehemaligen Straßen-Profi Jens Voigt führt Kristina Vogel am 1. September vor der Zielankunft in Erfurt mit einem speziellen Handbike die Parade der „Kinder-Mini-Tour“ an.

Maximal 25 Stundenkilometer sind möglich

An der Ostsee und in Kienbaum hat sie das Fahren schon mal spaßeshalber probiert, nun geschieht das deutlich ernsthafter. Die Fortbewegung ist zwar nur entfernt mit Radfahren zu vergleichen, denn die Geschwindigkeit wird durch das Kurbeln der Arme erzeugt, „aber es macht Laune, ich habe richtig Bock drauf.“ Wegen des eingebauten elektrischen Hilfsmotors sind maximal 25 Stundenkilometer möglich. Auf die Frage, ob sie sich denn vorstellen könne, mit dem Handbike eventuell mal leistungsmäßig zu trainieren, antwortet Kristina Vogel sofort: „Nein, kein Bedarf.“ Und wie wäre es vielleicht mit einer anderen paralympischen Sportart? „Es wird zwar heftig um mich geworben, zuletzt kam sogar mal ein Fecht-Trainer. Aber es ist alles schön, wie es ist.“

So könne sie jetzt bei der Deutschland-Tour endlich mal mit Marcel Kittel, der kürzlich seine Karriere beendete, „einen trinken“. Das wäre doch in Zeiten des Leistungssports undenkbar gewesen. Es scheint wirklich so, dass Kristina Vogel keinerlei Ambitionen hat, noch mal in einen Wettkampf-Modus zurückzukehren.

Unzählige Termine, redet in Talkshows, sitzt im Stadtrat, gastiert bei Empfängen

Dafür wäre in dieser Lebensphase aktuell wohl auch keine Zeit. Sie hat neben der Reha unzählige Termine, redet in Talkshows, sitzt im Stadtrat, gastiert bei Empfängen – kürzlich sogar auch beim Sommerfest der Bundeskanzlerin. Und sie hat höchstes Lob für Angela Merkel parat. „Man muss ihre politische Meinung nicht teilen. Aber wie diese Frau das Land ruhig und ohne Skandale so lange geführt hat, das ist schon bewundernswert.“

Viel Bewunderung dafür, wie sie ihr Schicksal meistert, erntet auch Kristina. In ein Loch sei sie nie gefallen, „warum auch?“ stellt sie eine Gegenfrage. Natürlich sei es sehr schwer gewesen, nach dem Trainingsunfall am 26. Juni 2018 als sie mit einem holländischen Nachwuchsfahrer in Cottbus kollidierte, wieder zurück ins Leben zu finden. Aber die Lust darauf habe sie nie verloren.

Sie sei dankbar, „jetzt vieles neu erleben zu dürfen“, Dinge tun zu können, die vor dem Unfall durch den Druck des Leistungssports undenkbar waren. „Es ist einfach schön, nicht mehr zu müssen.“ Kristina Vogel wirkt bei diesen Worten locker und gelöst. Sie kann sich auf ein intaktes Umfeld verlasen, fährt wieder selbstständig Auto, reist allein im Flugzeug oder im Zug. Und da sie in neuer Lebenslage ständig mit den Beschwernissen im Alltag konfrontiert wird, sind das Motivieren und Abbauen von Barrieren – im Alltag und in den Köpfen – zu großen Anliegen geworden.

Auch das Einkaufen falle manchmal schwer

Die letzten zwei Wochen war Kristina Vogel mehrere Tage allein zu Hause, Lebenspartner Michael Seidenbecher weilte in Kienbaum. „Es hat gut geklappt. wobei die Sachen in Reichweite sein müssen.“ Größere Distanzen sind noch ungünstig, auch das Einkaufen falle manchmal schwer, „zumal ohnehin für alles mehr Zeit notwendig ist.“ Die meisten Tätigkeiten dauern „ungefähr viermal länger als früher.“ Doch sie freut sich über jede kleine Ersparnis, über jeden minimalen Fortschritt.

Auch gemeinsam mit uns, als sie erstmals mit dem Alltags-Rollstuhl die kleine Rampe zum Hauseingang ohne jegliche Hilfe nach oben fährt. Die Verbesserungen bei den Transfers – beispielsweise vom Rollstuhl ins Auto – seien immens. Aber sie hadert auch noch mit einigen Dingen, Geduld sei ja ohnehin nicht ihre größte Stärke. „Die Bordsteinkante würde ich gern noch einfacher meistern“, erzählt Kristina und stützt sich dabei wieder für einige Sekunden mit den Ellenbogen aus dem Rollstuhl. Das sei inzwischen zur Routine geworden, ungefähr alle 15 Minuten macht sie das, damit sich die Haut nicht wund scheuert. „Ich will nicht wieder ins Krankenhaus“, wiederholt sie die Angst vom Besuch im Frühjahr. „Doch anscheinend habe ich durch den Sport auch meine Haut trainiert.“

Als Expertin nach Olympia 2020 in Tokio

Bei der Deutschland-Tour möchte die zweimalige Bahnrad-Olympiasiegerin und elffache Sprint-Weltmeisterin den Kindern vermitteln, dass fast alle Hindernisse im Leben mit viel Willen zu meistern sind. Anderen etwas beibringen – das könnte sogar ihre Aufgabe für die Zukunft sein: Denn ab 1. September beginnt Kristina Vogel bei der Sportfördergruppe der Bundespolizei ein Praktikum als Trainerin. Bei der Behörde, die sie selbst jahrelang sehr unterstützt hat. „Bis Februar werde ich sehen, ob mir das Spaß macht. Aber ich denke schon.“ Und so ist sehr wahrscheinlich, dass die Erfurterin nach Olympia 2020 in Tokio, wo sie für das ZDF als Expertin am Mikrofon sitzt, ein Trainer-Fernstudium beginnt und später eventuell mal die Verbindungsperson zwischen Polizei, Verband und Bahn-Athlet darstellt.

Aber das ist noch ein Stück weg, aktuell ist die Deutschland-Tour im Kopf und ein wenig auch schon der Aufenthalt im Club der Besten in Fuerteventura. „Endlich mal Urlaub“, sagt Kristina Vogel und schiebt das Handbike zurück in den Hausflur. „Ich werde nun auch öfters mal damit in die Stadt fahren. Selbst wenn es einige Kilometer bis ins Zentrum sind.“

Wo ein Wille da ein Weg. Oder bei Kristina Vogel auch umgekehrt.

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Fakten zur Deutschland-Tour in Thüringen

Die 1911 erstmals ausgetragene Deutschland-Tour wurde nach zehnjähriger Pause 2018 wiederbelebt und startete gestern in Hannover. 131 Radprofis in 22 Mannschaften bilden das Fahrerfeld.

Die Rundfahrt rollt über insgesamt 717,5 Kilometer und erreicht am Samstag mit der Etappe von Göttingen nach Eisenach Thüringer Boden. Beendet wird die Rundfahrt am Sonntag mit dem Schlussabschnitt von Eisenach (Start um 11.40 Uhr, Marktplatz) nach Erfurt (Ziel gegen 15.30 Uhr an der Messe).

Die Stars sind die früheren Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas (Team Ineos) und Vincenzo Nibali (Bahrain-Merida) und der Weltranglistenerste Julian Alaphilippe (Deceuninck-Quick Step).

Für Thüringen bietet die Deutschland-Tour die einmalige Chance, sich ins Rampenlicht zu rücken. ARD und ZDF überragen täglich live die entscheidenden Rennkilometer.

Auf der Spuren der Profis rollt am Sonntag ein Jedermann-Rennen über 64 und 113 Kilometer (Start jeweils 8.30 Uhr auf dem Erfurter Domplatz). Nachmeldungen sind noch möglich.

Die Mini-Tour für Kinder mit Kristina Vogel als prominente Unterstützerin startet am Sonntag gegen 13.55 Uhr im Zielbereich an der Erfurter Messe.

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