Mein Lieblingsort (3): Gegen die Betriebsamkeit

Erfurt. Eberhard Kusbers, Direktor der Erfurter Stadt- und Regionalbibliothek, Lieblingsorte in Erfurt ermöglichen ein Aufatmen.

Eberhard Kusber an einem seiner Lieblingsorte im Michaeliskirchhof. Foto: Katharina Bendixen

Eberhard Kusber an einem seiner Lieblingsorte im Michaeliskirchhof. Foto: Katharina Bendixen

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In der Stadt herrscht bereits Hektik, als ich mich am Vormittag zur Bibliothek am Domplatz begebe, um mir von Eberhard Kusber, dem Direktor der Erfurter Stadt- und Regionalbibliothek, seinen Lieblingsort in der Stadt zeigen zu lassen. Nur fünf Minuten brauche ich von meiner Wohnung bis zum Gebäude "Zum goldnen Einhorn", und in dieser kurzen Zeit kommen mir auf der Marktstraße drei Reisegruppen entgegen, zahllose Flaneure, Leute mit Einkäufen vom Wochenmarkt, einige Anzugträger.

Als Bibliotheksfan finde ich den Weg fast blind. Mindestens einmal pro Woche leihe ich mir neue Bücher und Filme aus oder stöbere in den Neuerwerbungen. Ich mag die Stille zwischen den Regalen und die große Auswahl, und ich beobachte gern, was andere zur Ausleihtheke tragen.

Kusber und ich machen uns gleich auf den Weg. Er führt mich durch die Pergamentergasse, in der es etwas ruhiger zugeht als in der Marktstraße. Vor fünf Jahren ist er nach Erfurt gekommen, nach Stationen in Stuttgart, Tübingen und Oberkirch. Ihm ist anzumerken, dass er Erfurt mag. "Die Stadt hat Charakter, Flair und Geschichte", sagt er entschieden.

Viele kleine Orte zum Besinnen

Über seinen Lieblingsort hat er lange nachgedacht, jedoch ist ihm keiner eingefallen. "Es sind eher viele kleine Orte, die ich mag und die alle eines gemeinsam haben: Sie ermöglichen Rückzug und Kontemplation, ein Aufatmen, ein Besinnen."

Auf seinen Wegen durch die Stadt hält Kusber gern an diesen Orten inne, lässt Fassaden auf sich wirken, nimmt die Atmosphäre in sich auf, ehe er wieder an die Arbeit geht. "Das sind meine Kontrapunkte zur geschäftigen Betriebsamkeit."

An einem dieser ruhigen Orte landen wir, im Hof der Michaeliskirche. Wir sitzen auf einer Bank und reden darüber, dass Kultur mehr ist als Oper und Theater und eine Bibliothek mehr als eine Ausleihstation. Über uns die Balustrade und die Krone einer Linde, vor uns ein gotisches Fenster und St. Martin, der seinen Mantel teilt.

Kaum zu glauben, mitten im Zentrum einen Rückzugspunkt zu finden, an dem man eine Stunde wirklich reden kann. Kusber nennt weitere ruhige Orte in Erfurt - den Brühler Garten, die Inseln hinter der Krämerbrücke -, ehe es für ihn wieder an die Arbeit geht: Fast eine halbe Million Medien in acht Häusern erlauben nicht allzu viel Aufatmen und Besinnen, und nebenbei ist Kusber noch Vorsitzender des Bibliotheksverbands Thüringen. Er initiiert Projekte und versucht immer weiter herauszufinden, was eine Bibliothek noch alles sein kann.

Ich dagegen bleibe noch eine Weile sitzen, froh darüber, dass zu meinem Beruf das Nachdenken, das Besinnen, die Ruhe gehört.