Mit dem Boot durch Erfurt

Erfurt  Für die Buga und die Zeit danach hat ein Trio das Projekt „Erfurt vom Wasser erleben“ bis zur Umsetzungsreife entwickelt

Wie dieses historische Foto mit Blick auf die Rückseite der Krämerbrücke zeigt, gab es bereits 1910 auf der Gera Bootsverkehr.

Wie dieses historische Foto mit Blick auf die Rückseite der Krämerbrücke zeigt, gab es bereits 1910 auf der Gera Bootsverkehr.

Foto: Stadtarchiv Erfurt

Es ist angerichtet. Das Projekt „Erfurt vom Wasser erleben. Mit dem Kahn vom Luisenpark zur Krämerbrücke“ (wir berichteten) hat die Umsetzungsreife erlangt. Läuft alles reibungslos, könnte die Vision, die Stadt per Bootstour zu erkunden, bis zur Bundesgartenschau 2021 Realität werden.

Schon 2015 hatte sich Jens Kleb mit seiner Frau Nicole Gedanken gemacht, ob das wohl möglich wäre – Erfurts Wasserarme mit kleinen Booten zu befahren. Dann kam der Buga-Dialog ins Spiel. Die Erfurter sollten sich mit ihren Ideen einbringen. Klebs legten dem früheren Oberbürgermeister Manfred Ruge, der als Vizevorsitzender der Buga-Freunde fungiert, ihre Vorstellungen dar. Und die beiden findigen Erfurter überzeugten ihn. Der hatte auch schon in den 90ern eine ähnliche Idee, konnte aber im Stadtrat und in der Stadtverwaltung damit kein Gehör finden.Das Gedankengerüst stand nun und Ruge gab eine Machbarkeitsstudie bei Thomas Kleb, dem Bruder von Jens, in Auftrag. Schließlich kennt der sich aus. Er betreibt seit 27 Jahren ein Ingenieurbüro, das immer wieder mit Auszeichnungen – z.B. drei Mal dem Thüringer Staatspreis für Ingenieursleistungen – von sich reden machte.

„Wir haben das Gedankengerüst auf den Punkt gebracht“, sagt der 59-Jährige. Es galt zu ermitteln, ob die Sache überhaupt zu realisieren ist und wenn ja, was das kosten würde. Dazu musste jede Menge rechtliche und technische Bedingungen abgeprüft werden. Nun liegt ein belastbares Ergebnis vor.

Erfurt, die tollste Stadt Mitteldeutschlands vom Wasser aus erleben, das würde nicht nur ein Buga-Knaller werden, sondern auch danach ein Projekt mit Nachhaltigkeitscharakter, sind sich die Brüder einig. Dabei, so neu ist die Idee nicht. Alte Dokumente im Stadtarchiv zeigen, dass es das schon viel früher gab. Zum Beispiel bereits 1800. Da wurde zwischen Mühlensteg und Krämerbrücke gepaddelt. 1910 führte eine Bootsroute von der Schildchensmühle zur Krämerbrücke. Nun ist die neuzeitlichste Variante präsentabel.

Die Idee Erfurt zu Wasser reicht bis 1800 zurück

Als Ausgangspunkt hatten Jens und Nicole Kleb den Luisenpark gewählt. Dort teilt sich die Gera in den Walk- und den Bergstrom. Der Walkstrom erwies sich als ungeeignet für die Idee. Aber der Bergstrom erfüllt alle Voraussetzungen, wie sich bei mehreren Befahrungen erwies. Die Gesamtstrecke vom Luisenpark bis zur Krämerbrücke hat eine Länge von 3,2 Kilometern. 32 Brücken werden unterquert. Und man kann die idyllischsten Ecken Erfurts erkunden, die man sonst auf normalen Pfaden so nicht zu sehen bekommt.

Die Idee fußt auf alten Aufzeichnungen und Bildern. Zwischen den Mühlenstandorten – und davon hatte Erfurt bekanntlich etliche – seien schon früher nachweislich Kähne für Transporte und zum Zeitvertreib genutzt worden, fand Jens Kleb heraus. Durch die Staubereiche sei aber keine Durchgängigkeit gegeben gewesen. Auch heute noch gibt es Absätze im Flussbett. Die jedoch kann man mit technischen Kniffen überwinden. Am Nonnensteg zum Beispiel. Eigens für diese Stelle hat Jens Kleb ein so genanntes Bürstenwehr ausgetüftelt. Es staut das Wasser an und kann problemlos von Kähnen überfahren werden. Spätestens am Schlösserwehr, an der Neuen Mühle, müsste dann aber Schluss sein.

Mitnichten. Die Kleb-Brüder wissen, dass die Fischtreppe ohnehin erneuerungsbedürftig ist. Warum nicht beides – Fischtreppe und Bootsrampe – verbinden? Der geplante 14 Meter lange „Kahn-Fisch-Pass“ ist ebenfalls mit Bürsten unter Wasser bestückt. Über die Riesenrutsche gleiten die Boote, dazwischen schwimmen die Fische unbehelligt stromaufwärts.

Zum Ausstieg hinter der Krämerbrücke haben die Klebs den linken Gera-Arm gewählt. An der Mikwe soll Schluss sein. Unterwegs ist ein Halt übrigens an den großen Treppen des Bergstroms auf Höhe der Oper möglich. So ließen sich die Buga-Standorte miteinander verbinden. „Ich schließe aber nicht aus, dass man die Route später quer durch Erfurts Norden erweitert. Man kann das sogar bis zur Unstrut weiterspinnen“, so Thomas Kleb überzeugt.

Zehn Meter Gefälle auf der gesamten Strecke, eine Stunde Fahrzeit, 1,5 Stunden mit Zwischenhalt, Nutzungszeitraum April bis Oktober, 25 bis 30 Zentimeter Wassertiefe, 500 Kilo Zuladung oder fünf bis sechs Passagiere pro Kahn, Rücktransport zum Start per Auto, Kolonnen à fünf Boote mit einem Scout zur Begleitung, 20 Boote pro Tag – so lauten die technischen Eckpunkte. 2020 soll der Probebetrieb erfolgen. „Wir sind bei zwei Dritteln des Weges“, sagt Jens Kleb. Die Stadt zeige viel Entgegenkommen. Ein Betreiber stehe bereit. Die Kosten belaufen sich auf rund 57 000 Euro. Die aber mit Geschick stark gedrückt werden könnten, rechnen die Klebs vor. Und der Jüngere der beiden Tüftel-Brüder setzt noch beruhigend hinzu: „Keine Angst, der Bergstrom wird durch unser Projekt nicht zu einem reißenden Gewässer“.

Zu den Kommentaren
Im Moment können keine Kommentare gesichtet werden. Da wir für Leserkommentare in unserem Internetauftritt juristisch verantwortlich sind und eine Moderation nur während unserer Dienstzeiten gewährleisten können, ist die Kommentarfunktion wochentags von 22:00 bis 08:00 Uhr und am Wochenende von 20:00 bis 10:00 Uhr ausgeschaltet.