Mit frischem Wind und gewachsener Kraft

Erfurt.  Der Erfurter Kunstverein feiert am Sonntag das 30. Jubiläum der Wiedergründung und trotzt aller Widrigkeiten der Zeit.

Der Erfurter Kunstverein begeht am 22.November sein 30-jähriges Bestehen. Der aktuelle Vorstand von links: Philipp Schreiner, Ursula Kunze, Susanne Knorr, Kai Uwe Schierz und Angelika Liebhart in der Kunsthalle Erfurt.

Der Erfurter Kunstverein begeht am 22.November sein 30-jähriges Bestehen. Der aktuelle Vorstand von links: Philipp Schreiner, Ursula Kunze, Susanne Knorr, Kai Uwe Schierz und Angelika Liebhart in der Kunsthalle Erfurt.

Foto: Casjen Carl

Die aktuelle Ausstellung ist abgesperrt, die Feier mit Festvortrag und Neuer Musik abgesagt. Die Stadt zog vorab dem „Geburtstagslicht“ den Stecker und verbot die Projektion eines Kunstwerkes an die Fassade der Kunsthalle. Ist das Jubiläum „30 Jahre Erfurter Kunstverein“ ein durchweg trauriges?

Ausstellung im Jubiläumsjahr gerettet

Keineswegs. Eher ist ein leicht zorniger Optimismus beim 5-köpfigen Vorstand zu spüren, als er aus Anlass des Jubiläums in dieser Woche zum Gespräch lädt. So sei es einem besonderen Ruck zu verdanken, der dieses Jahr durch den Verein ging, dass die großformatigen Fotos von Hans-Christian Schink in der Ausstellungshalle am Fischmarkt hängen. Die Stadt wollte die Schau wegen Corona streichen.

„Aber das konnten wir so nicht stehen lassen“, sagt Vereinsvorsitzende Susanne Knorr. Ein interner Spendenaufruf und auch das Gewinnen weiterer Sponsoren machte schließlich die Ausstellung doch noch möglich. Dass sie nun geschlossen ist, sei bitter, aber die Hoffnung nicht gestorben, dass die Museen demnächst wieder öffnen und so die Schau vielleicht eine besondere Aufmerksamkeit erfährt.

Im Normalfall, und nun geht es direkt um die vergangenen 30 Jahre, habe es der Verein geschafft, jährlich zwei Ausstellungen zu initiieren und organisieren. Stets dem Vereinscredo verpflichtet, zeitgenössischen, jungen Künstlerinnen und Künstlern eine solche Chance zu eröffnen.

Mit den „bauhaus-FRAUEN“ 2019 habe man weithin Beachtung erfahren und einen guten Riecher gehabt. Auch das Jahr zuvor, als Werke von Ruprecht von Kaufmann in der Kunsthalle zu sehen waren, durfte sich der Verein darüber freuen, dass Erfurt mit der großen Ausstellung des Künstlers weithin im Gespräch war.

Beispiel von bürgerschaftlichemEngagement für die Kultur

Für den stellvertretenden Vereinschef, Kai Uwe Schierz, der in Personalunion die Städtischen Kunstmuseen verantwortet, sind diese Erfolge des Vereins durchaus ein wichtiges Zeichen und – das spricht er aber selbst so nicht aus – ein Grund, stolz zu sein. Denn ein Kunstverein im Osten der Bundesrepublik mit wenigen Mitgliedern hat es viel schwerer als einer im Westen.

„Das ist ein Riesenkontrast. Dort gibt es tausende Mitglieder und hauptamtliche Geschäftsführer und hier sind wir 130 und alles ist ehrenamtlich.“

Mit der friedlichen Revolution sei eben nicht ein vergleichbares bürgerschaftliches Engagement eingezogen. Auch hätten jene Menschen hierzulande, die inzwischen über beträchtliche Vermögen verfügten, nicht immer ihre Verantwortung für die Gesellschaft verinnerlicht. Dass ungeachtet dessen die aktuelle Schink-Ausstellung dennoch zustande kam, sei ein gutes Zeichen im Jubiläumsjahr.

Neuer Internetauftritt und mehrAugenmerk auf Social-Media-Kanäle

Es gibt weitere. Mit Philipp Schreiner ist ein junger Kunst-Liebhaber und -experte in den Vorstand aufgerückt. Der frischen Wind reinbringt und – wie man sich einig ist – zugleich positive Reibung. Englische Ausstellungstitel etwa sind, das zeigt sich sofort in der Gesprächsrunde, ein trefflicher Grund für Diskussionen. Schreiber kümmerte sich aber auch darum, die Internetseite aufzufrischen, die sich inzwischen sehr modern und aufgeräumt präsentiert. Auch auf Social-Media-Kanälen des Vereins passiert inzwischen einiges.

Auch dass es in diesem Jahr wieder eine Jahresgabe des Vereins gibt, sei laut Susanne Knorr sehr erfreulich. 30 Original-Blätter von Luise von Rohden, die im Juli ihre Ausstellung „Handzüge“ in der Kunsthalle zeigte, stehen für Kunstliebhaber im Angebot. Das knüpfe an eine kleine Tradition an. Und wenn hier schon von Traditionen die Rede ist, dann muss erwähnt sein, dass Knorr und Mitstreiterinnen und Mitstreiter natürlich auch das Wirken des 1851 gegründeten Thüringer Kunstvereins, des 1886 gegründeten Erfurter Vereins für Kunst und Kunstgewerbe und der 1914 gegründeten Erfurter Vereinigung der Museumsfreunde im Blick haben.

Verlässliche Partner in drei Jahrzehnten

Aber trotz oder mit Corona-Einschränkungen vor Augen schauen die Mitglieder des Kunstvereins nun schon auf die nächsten Jahre. Und auch wenn ein leichtes Grummeln unter der Oberfläche zu spüren ist, wenn es um die verwehrte Projektion des Künstlers Robert Seidel an die Kunsthallen-Fassade geht, schätzen die Kunstverein-Vorstände ausdrücklich Zusammenarbeit und Unterstützung der Stadt Erfurt. Bei Ausstellungsprojekten zudem die kontinuierliche Förderung durch die Sparkasse und ihrer diversen Stiftungen. In diesem Zusammenwirken sieht sich der Verein als fester Bestandteil der Kulturszene. Oder wie es Kai Uwe Schierz sagt: „Wir sind auch 30 Jahren nach der Wiedervereinigung ein kleines Pflänzchen. Aber bereit, uns für die Gegenwartskultur einzusetzen.“