Mitten ins Leben - Der neue Trainer vom FC Rot-Weiß Erfurt

Discjockey, Versicherungsvertreter, Aufstiegsheld: Der neue Erfurter Fußball-Trainer Stefan Krämer hat viele Facetten, aber nur eine Leidenschaft – den Fußball.

Stefan Krämer (48) wurde am 30. Dezember 2015, während einer Pressekonferenz im Erfurter Steigerwaldstadion, als neuer Trainer des FC Rot-Weiß Erfurt vorgestellt. Nun soll der Coach RWE vor dem Abstieg in die Regionalliga bewahren. Foto: Marco Kneise

Stefan Krämer (48) wurde am 30. Dezember 2015, während einer Pressekonferenz im Erfurter Steigerwaldstadion, als neuer Trainer des FC Rot-Weiß Erfurt vorgestellt. Nun soll der Coach RWE vor dem Abstieg in die Regionalliga bewahren. Foto: Marco Kneise

Foto: zgt

Eine Bratwurst hat er noch nicht gegessen. Die will er genießen, wenn sich der erste Trubel etwas gelegt hat. Seit seiner Ankunft in Erfurt am vergangenen Samstag findet Stefan Krämer kaum Ruhe. Er will viel, viele wollen etwas von ihm. Und das am besten sofort. „Da könnte der Tag gern auch 26 Stunden haben“, sagt der Mann, der einst als Discjockey und Versicherungsvertreter arbeitete – und nun als „Feuerwehrmann“ die Fußballer von Rot-Weiß Erfurt vor dem Abstieg in die Viertklassigkeit bewahren soll.

Krämer auf einer Rettungsmission? Da war doch mal was.

Er legt die Stirn kurz in Falten und schmunzelt. Ja, bei Arminia Bielefeld damals hatte es geklappt. Bei seinem Amtsantritt im November 2011 war der Verein sogar Tabellenletzter in der dritten Liga gewesen, nur 18 Monate später wurde der Trainer in Ostwestfalen als Aufstiegsheld gefeiert. Ein „unbeschreibliches Erlebnis,“ wie er heute sagt. Und ein schmerzhaftes dazu.

Etliche Wochen vorher, als niemand mit einer solchen Erfolgsgeschichte rechnen konnte, hatte er sich auf einem Fanclub-Treffen zu einer Wette hinreißen lassen. Bei Aufstieg Tattoo. Die lockere Zusage brachte ihm das bleibende Andenken ein. Seit zweieinhalb Jahren ziert das Arminia-Emblem seine linke Brust. Wettschulden sind Ehrenschulden. „Dazu sollte man stehen,“ sagt er.

Zuverlässigkeit hat in seinem Leben Priorität

Ein Mann, ein Wort. Zuverlässigkeit ist ihm wichtig. Man soll sich auf ihn verlassen können, sagt Krämer. Aber auch er erwartet dies von den Menschen, die mit ihm zu tun haben; insbesondere von seinen Spielern. Ohne Disziplin gehe es im Fußball nicht, ohne Regeln würde keine Mannschaft funktionieren. Deshalb legt Krämer großen Wert auf professionelles Verhalten und machte dies dem Team gleich am ersten Tag klar. Genügend Schlaf, akribische Körperpflege und gesunde Ernährung gehören dazu: „Das ist wie bei einem Auto. Wenn ich dort immer nur Schrott hineinlaufen lasse, bleibt es auch irgendwann stehen.“

Er selbst scheint immer in Bewegung. „Fußball ist das im Leben, was mich am meisten antreibt,“ sagt der 48-Jährige. Gegen sieben Uhr morgens betritt er auch in Erfurt sein Büro, selten ist er vor 20 Uhr zurück im Radisson-Hotel. Dort wohnt er aktuell, will aber mit Freundin Ilka sowie den beiden Golden Retrievern Sam und Neo bald eine Bleibe in der Innenstadt finden.

Vielleicht auf der Krämerbrücke? „Würde ja passen,“ lacht er und meint: „Egal, ich will mitten hinein ins Leben, mit den Menschen in Kontakt treten; ob es gut läuft oder schlecht.“ Aus seiner Sicht wäre es feige, sich einen auswärtigen Rückzugsort zu suchen. Er stellt sich den Leuten gern, will ihre Meinung hören; eintauchen in eine Stadt, die für ihn völlig neu ist.

Berührungsängste kennt der gebürtige Mainzer nicht. Womöglich helfen ihm dabei seine vielfältigen Erfahrungen. Während des Lehramt-Studiums an der Sporthochschule Köln legte er abends Platten in Party-Clubs auf; Vinyl, versteht sich, weil es kratzen muss. Kein Mainstream, hauptsächlich Independent. Noch heute kann er mit Techno und Schlagern nichts anfangen; seine Musik ist „etwas härter, schneller, dunkler.“

Als er sich beim SV Roßbach/Verscheid erste Trainer-Sporen verdiente, musste Krämer nebenbei als Vertreter einer privaten Krankenversicherung arbeiten. Das Salär bei dem kleinen Verein aus der rheinland-pfälzischen Provinz hätte zum Leben nicht gereicht. Dennoch führte er „das gallische Dorf“ binnen neun Jahren vier Spielklassen nach oben, bis in die Oberliga Südwest.

„Ich wollte immer mit Menschen zu tun haben,“ zieht er Parallelen zwischen seinen verschiedenen Jobs. Und ihm gelang es, sich nie verbiegen zu müssen. So besitzt er noch immer weder Krawatte noch Anzug. In T-Shirt, Jeans und Turnschuhen wirkt er erfrischend uneitel. Die Lockenpracht versucht er morgens vor dem Spiegel gar nicht erst zu bändigen. Und zu Hause gibt es hin und wieder einen Rüffel von der Freundin, wenn er vergessen hat, die Klamotten wegzuräumen oder eine Rechnung zu bezahlen.

Aber das sind Dinge, die in Krämers Welt hinten anstehen. Wichtiger ist ihm die tägliche Jogging-Runde; „die einzige Zeit am Tag, in der ich allein bin und mal abschalten kann.“ Oft morgens, aber gern auch abends, um runterzukommen nach dem ganzen Stress. „Bewegung ist die Medizin der Zukunft,“ meint er voller Überzeugung und plant, alsbald die Laufstrecken im Steigerwald zu erkunden.

Dass sein Tagesablauf wieder bestimmt wird vom Fußball, macht ihn glücklich. Auf dem Weg ins Hotel legte er an seinem ersten Abend einen Stopp am Stadion ein, schaute sich auf der Baustelle um und war überrascht, wie weit die Arbeiten fortgeschritten sind. Er freut sich, nach seiner Beurlaubung im September im Cottbus und dreimonatiger Ball-Abstinenz wieder auf dem Platz zu stehen; spürt eher Freude als Druck.

Und Krämer sprüht vor Energie, wenn er über seine Spielidee spricht oder über sein Vorbild Waleri Lobanowski, die 2002 verstorbene Trainer-Legende aus der Ukraine. „Er war seiner Zeit um 10, 15, ja 20 Jahre voraus. Als wir noch mit Libero und zwei Manndeckern agiert haben, ließ er bei Dynamo Kiew in den 70-ern schon mit einer Viererkette und raumorientiert spielen. Für mich ist er der Erfinder des modernen Fußballs,“ sagt er und kommt weitaus eloquenter daher als der unnahbare „Schweiger“ aus Kiew.

Beide vereint jedoch der Hang zum Aberglauben. In der ukrainischen Kultur ist er fest verankert. So darf man kein Tischbein zwischen den Beinen haben, weil man sonst niemals heiratet; man hat einen Wunsch frei, wenn man zwischen zwei Menschen mit demselben Vornamen sitzt, und man darf sich niemals über einer Türschwelle die Hand geben, weil dies Unglück bringt. Für den Neu-Erfurter Krämer beschränkt sich der Aberglaube allerdings auf den Fußball. So zog er bei Bielefelder Spielen immer wieder das gleiche kurzärmlige T-Shirt an, egal bei welchem Wetter, egal bei welchen Temperaturen. Die Erfolgsserie durfte nicht reißen. Da spielte es keine Rolle, dass das Thermometer in Chemnitz einmal drei Grad anzeigte.

„Da bin ich konsequent und vielleicht ein bisschen bekloppt,“ sagt der Trainer und belegt dies mit einer weiteren Anekdote: Als einmal vor einem Spiel sein Vorrat an Kaugummis aufgebraucht und die Tankstelle vorm Haus wegen Umbaus geschlossen war, nahm er einen zehnminütigen Umweg in Kauf. Statt den weißen gab es an der Ausweich-Tankstelle jedoch nur gelbe Wrigley’s. „Obwohl sie mir nicht schmeckten, habe ich sie gekauft und weggesteckt. Nachdem wir gewonnen hatten, bin ich wieder dahin gefahren und wieder und wieder...“ Bis er irgendwann eine Schublade voller gelber Kaugummi-Schachteln entdeckte – und wegwarf.

Ein Typ, der in keine Schublade passt

Als Trainer-Typ passt Krämer in keine Schublade. Er hat kein Problem damit, wenn ihn die Spieler duzen. Doch er wird ungemütlich, wenn jemand Respekt vermissen lässt. Und in den Verhandlungen mit dem FC Rot-Weiß bestand er auf einen Vertrag nur bis zum Saisonende. Er wollte keine berufliche Sicherheit, sondern gemessen werden an seiner Arbeit und den Ergebnissen. Dafür wird er sich zerreißen. Von morgens bis abends.

Die Bratwurst muss warten.