Musical auf Erfurter Domstufen: Premiere fällt ins Wasser

Erfurt  Premiere für „Der Name der Rose“. Verwandlung vom freundlichen Familienvater zum abstoßenden Fiesling

Mehr als ein Mönch muss sterben. Die Leiche ist aus Silikon. Kunstblut wird vom Praktikant der Abteilung Maske mit dem Föhn getrocknet.

Mehr als ein Mönch muss sterben. Die Leiche ist aus Silikon. Kunstblut wird vom Praktikant der Abteilung Maske mit dem Föhn getrocknet.

Foto: Marco Schmidt

Feuer wütet auf den Domstufen, verschlingt alle Bücher der Klosterbibliothek, Flammen züngeln gar am Erfurter Dom empor – Gottlob, es ist nur ein kunstvolles Lichterspiel, mit dem das Musical der „Der Name der Rose“ so spektakulär endet. Allerdings nicht so zur gestrigen Premiere und Uraufführung des Stücks: Erst zwang eine Regenfront zur Unterbrechung kurz vor der planmäßigen Pause, dann verkündete Generalintendant Guy Montavon mit größtem Bedauern, dass eine Wetterbesserung nicht in Sicht sei und die Premiere vorzeitig beendet werden müsse. Viele betretene Gesichter, als gegen 21.30 Uhr das Publikum nach Hause geschickt wird.

Normalerweise endet das Spiel erst gegen 23 Uhr. Zwingend, denn Lärmschutz setzt das Zeitlimit für das normalerweise dreistündige Spektakel. Noch 20 Mal wird Björn Christian Kuhn wie zur gestrigen Premiere etwa eine Stunde vor Spielbeginn Container 17 im Backstage-Bereich betreten. Das Mikrofon ist schon angeklebt, die dazugehörige Technik und die Sender trägt er über dem T-Shirt, dazu ein breites Lächeln im Gesicht. Die Augen blitzen fröhlich unter seiner Kurzhaarfrisur. Endlich, nach Wochen der Proben, geht es los. „Ich bin heiß“, sagt er lachend zur Hauptprobe. Endlich will er die Rolle des Salvatore singen und spielen.

Zuvor ist es an Cornelia Uhlemann, aus dem fröhlich-aufgeregten und freundlichen Gastdarsteller einen abstoßenden, fiesen und vom Leben sehr unschön gezeichneten Mönch namens Salvatore zu machen. Fettschminke in Hautfarbe trägt sie dazu auf, dann bekommt der Darsteller eine Perücke mit fransig-zotteligem Haar aufgesetzt, aus der derart hässlich-grindige Pusteln hervorschauen, dass sie das Publikum auch von hinteren Reihen aus sehen wird. Seine Augen bekommen dunkle Ränder, schmutzig-blutige Flecken werden ihm ins Gesicht getupft.

Kaum eine Viertelstunde später ist Björn Christian Kuhn nicht wiederzuerkennen. „Meiner zehnjährigen Tochter habe ich ein Bild von mir geschickt, es kam nur ein langes ‚Ihhhhh‘ von ihr zurück“, sagt Kuhn. Und wirklich, man mag sich ihm und seiner widerlichen Haut nicht nähern.

Sechs Wochen ist es her, dass Cornelia Uhlemann einen Gipsabdruck vom Kopf des Darstellers nahm und die Perücke angefertigt wurde. Die wartet nun täglich auf einem ordentlich beschrifteten Kunststoff-Kopf auf ihren Einsatz.

Wie Gollum aus dem Herrn der Ringe glotzt der in Marburg geborene Musicalsänger jetzt. Vollendet wird sein Wandel, als er T-Shirt und Jeans gegen ein Trikot und darüber seine Mönchskutte tauscht – Buckel inbegriffen. Von weitem wirkt er barfuß. Dabei trägt er an den Füßen so genannte Barfußschuhe, die die Zehen umhüllen, hautfarben und schmutzig. Die Beine stecken in Strümpfen von gleicher Farbe. „Die Schuhe sind erstaunlich bequem“, sagt Kuhn, der trotz Buckels und Hinkebeins schließlich auf den Platten des Bühnenbild-Mosaiks rennt und rollt, klettert und sich behände überschlägt. Regnen sollte es besser nicht: Dann drohte sich nicht nur die Perücke zu lösen, sondern auch die Bühne zu rutschig zu werden für seinen akrobatischen Auftritt. „Salvatore ist intelligent, aber verstört. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und das Leben hat ihm übel mitgespielt – für mich macht es das und die besondere Körperlichkeit zu einer äußerst spannenden Rolle“, sagt Kuhn, der Erfurt zuvor als Tourist kannte. „Eine Perle“, nennt er die Stadt. Zuletzt war er als freischaffender Musicalsänger und Schauspieler in Leipzig im „Dr. Schiwago“ im Einsatz. „Früher habe ich oft romantische Liebhaber gespielt – jetzt sind offenbar die Fieslinge dran“, sagt Kuhn, das komme wohl zwangsläufig mit dem Alter und störe ihn keinesfalls.

Draußen im Containerdorf wird Kunstblut auf die Leiche aus Silikon getupft und vom Praktikanten der Maske mit dem Föhn getrocknet. Die Zeit drängt. Schauerlich liegt der Körper in einem Kübel, blutüberströmt. Auch Nele Neugebauer schüttelt sich. Sie spielt den zweiten Mönch, der ermordet wird im Musical, und schaut staunend, wie echt bis ins kleinste Detail diese – ihre! – Silikonleiche wirkt.

Ein Bürostuhl steht für die Leiche bereit

Chefmaskenbildner Sasha Heider zeichnet für den leblosen Körper verantwortlich. Die Zeit war knapp zum Schluss, das Silikon zunächst auf dem Postweg verschollen, drei Wochen blieben unterm Strich. Abgeformt wurde der Torso vom Körper eines Freiwilligen, der anonym bleiben soll. Heider will den leblosen Torso nach den Domstufenfestspielen zunächst in sein Büro setzen. Später werde die Leiche im Stück „In der Strafkolonie“ einen Einsatz haben, kündigt Heider an, dass all die Mühe nicht allein für nur zwei Minuten auf der Domstufen-Szene gewesen ist, wo die Leiche hereingerollt, von Salvatore geschultert und davongetragen wird.

Im Einsatz in der Maske sind jeden Abend zehn der Mitarbeiterinnen von Sasha Heider. Unter erschwerten Bedingungen, wie er sagt: Manchmal ist es 40 Grad warm in den Containern, trotz Klimatisierung, manchmal kalt, trotz Heizung. „Und eng ist es immer“, sagt Sasha Heider lachend. „Irgendwann ist jeder froh, wenn es wieder zurückgeht“ – aus dem Containerdorf auf dem Domplatz zurück ins große Haus – und die 21. Domstufenfestspiele mit „Der Name der Rose“ Geschichte sind ...

Zur Sache:
Das Theater Erfurt informiert auf seiner Homepage über das Prozedere bei einem möglichen Abbruch bei Regen: "Tritt schlechtes Wetter während der Vorstellung ein, ist das Theater Erfurt im Interesse seines Publikums bestrebt, die Open-Air-Vorstellung weiter durchzuführen. Die Aufführung kann konzertant oder in gekürzter Fassung zu Ende gespielt werden. Muss eine laufende Vorstellung abgebrochen werden, nachdem sie bereits 40 Minuten angedauert hat, gilt diese Leistung als erbracht und es besteht kein Anspruch auf Erstattung des Eintrittspreises oder auf den Besuch einer anderen Vorstellung. Soweit eine Absage der Vorstellung auf dem Domplatz infolge schlechten Wetters erforderlich ist, geschieht dies grundsätzlich am Veranstaltungsort kurz vor Vorstellungsbeginn. In diesem Fall ist die Eintrittskarte innerhalb von fünf Werktagen – unter Angabe der Anschrift und Bankverbindung – an die Verkaufsstelle (z. B. MGT, Reisebüro), von der die Karte erworben wurde, zur Erstattung des Eintrittspreises, zu senden. Die am Theater Erfurt erworbene Karte ist an das Theater Erfurt, Postfach 800554, 99031 Erfurt zu senden bzw. im Besucherservice im Theater Erfurt – Eingang Martinsgasse – zurückzugeben. Auf dem Veranstaltungsgelände kann keine Rückzahlung erfolgen. Eventuell angefallene Hotel- und Fahrtkosten oder Bearbeitungsgebühren werden nicht erstattet."

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