Nancy Hünger erhält Literatur-Stipendium: Schreiben, weil die Welt fremd bleibt

Erfurt. Für ihre poetische Kraft und ihre unverwechselbare Stimme wird die in Weimar geborene Autorin heute von der Staatskanzlei ausgezeichnet.

Nancy Hünger in ihrer Erfurter Wohnung . Vorbilder habe sie nicht, sagt sie: „Feuriger Epigone sein verbietet sich“. Ins Werk von Samuel Beckett aber sei sie „unsterblich verliebt“, Sylvia Plaths „Glasglocke“ hebelte mit 14 ihre Welt aus. Heute erhält sie das mit 12 000 Euro dotierte Literatur-Stipendium. Foto: Marco Kneise

Nancy Hünger in ihrer Erfurter Wohnung . Vorbilder habe sie nicht, sagt sie: „Feuriger Epigone sein verbietet sich“. Ins Werk von Samuel Beckett aber sei sie „unsterblich verliebt“, Sylvia Plaths „Glasglocke“ hebelte mit 14 ihre Welt aus. Heute erhält sie das mit 12 000 Euro dotierte Literatur-Stipendium. Foto: Marco Kneise

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Das Alltägliche ist ein Problem. Es wächst sich bei ihr aus, sagt Nancy Hünger, zu Stolpersteinen, nein: zu „kolossalen Findlingen“. Die Wirklichkeit, erscheint ihr fremd, gesteht die 1981 in Weimar geborene Autorin, die heute das Thüringer Literaturstipendium Harald Gerlach erhält – weswegen sie nun wieder etwas sagen soll über ihr Schriftstellersein, obwohl sie das eigentlich nicht leiden kann.

„Alles Humbug“, findet sie, zu erfahren, ob einer mit dem Bleistift schreibt oder auf dem Computer, ob früh um neun wie Thomas Mann oder nachts um elf: „Alles Krücken und Behelfsbiografien, bürgerliche Blödigkeit“.

Alltagsgeplapper eben — und also genau das, wogegen Nancy Hünger anschreibt in ihrer Lyrik und in ihrer Prosa, in der nichts einfach hingenommen und dahergesagt ist. In der sie die Welt überscharf wahrnimmt, als würde man mit einer Glasscherbe in den Alltagspanzer schneiden, den man sich zulegt, schmerzhaft und schön zugleich.

„Die Literatur duldet nichts neben sich“

Wie in ihrem poetischen Erinnerungsbuch „Wir sind golden, wir sind aus Blut“ (Edition Azur), in dem die Kinder immer Kinder bleiben, denn „erwachsen werden nur die Gutgeratenen“: „Bevor wir denken konnten ..., strichen wir den Kätzchen das Fell und die grünen Ähren im Feld wuchsen uns in die Hände, weich war alles so weich, bevor wir denken konnten, rochen wir am Obst entlang wie weit der Sommer reicht, flüsterten die Wespen auf den Äpfeln wussten es war längst vorbei.“

Dass ihr das Alltägliche so fremd erscheint „in einer bisweilen schönen und manchmal erschreckenden Weise“, ist das, was sie zum Schreiben bringt, sagt Nancy Hünger. Es wirft die Übersetzungsmaschine im Kopf an: „die mich herausfordert, mir die Dinge auf meine Art und Weise verständlich zu machen oder schlichter: erst einmal zu sortieren.“ In den „lichten, den schönsten Momenten“ gelinge ihr das durch die Sprache.

Deswegen schreibt sie – und deswegen gab es dazu für Nancy Hünger auch nie eine wirkliche Alternative, auch wenn es natürlich einfachere Lebensentwürfe gibt, als das Gehangel von Stipendium zu Stipendium, um die „Lebenserhaltungsmaßnahmen“ am Laufen zu halten: „Miete, Nebenkosten, trallala“.

Aber das Einfache ist Nancy Hüngers Sache eh nicht, ebensowenig wie das Leichtsagbare. So ist es eben, sagt sie: „Die Gesetze der Lebenstauglichkeit und der Literatur verhalten sich arg antagonistisch, denn die Literatur, als solche begriffen, duldet nichts neben sich.“

Zwei Gedichtbände hat sie veröffentlicht, ein Hörbuch, zwei Erzählungen; dem mit 12 000 Euro dotierten Gerlach-Stipendium, das sie heute in Erfurt erhalten wird, gingen andere Preise und Auszeichnungen voraus. Das Zutrauen, dass ihr immer wieder etwas einfallen wird, ist ihr dennoch fremd, im Gegenteil: „Unzufriedenheit, Mangel und Skepsis, die großen Motoren arbeiten treu“, sagt sie.

„Lasst euch auf die Pfoten hauen“, rät sie anderen Autoren: „Lasst euch den Text zerhauen, sucht euch jemanden, der’s besser weiß.“ Für Nancy Hünger war das die 2010 verstorbene Autorin Gisela Kraft, die in ihren Gedichten damals etwas entdeckte, das sie selbst nicht wahrnahm. Von ihr übernahmen Bärbel Klässner und Edition-Azur-Verleger Helge Pfannenschmidt die Rolle des unnachgiebigen Kritikers. „Es ist ein unwahrscheinlicher Kraftakt“, sagt Nancy Hünger, „auch nur einen gelungenen Satz, ach, einen Vers hervorzubringen, der taugt. Es ist unmöglich, aber versuchen will man es doch, man kann nicht anders. Sprich: ich.“

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