Neue Hoffnung für Glockenturm und Wandbild im Erfurter Rieth

Erfurt.  Die Eigentümerin investiert in die Sicherung der maroden Substanz und bietet das Gebäudeensemble der Stadt an.

Seit Ende des vergangenen Jahres ist der marode Glockenturm im Erfurter Rieth mit Netzen gesichert. 

Seit Ende des vergangenen Jahres ist der marode Glockenturm im Erfurter Rieth mit Netzen gesichert. 

Foto: Michael Keller

Für Ute Kemmerich ist es ein „trojanisches Pferd“. Als sie vor über 20 Jahren das Gewerbeobjekt Mainzer Straße 34 für ihr Friseurunternehmen kaufte, sei sie nicht davon ausgegangen, dass dazu auch der 1977 im Zuge des Baues der Vilniuspassage errichtete Glockenturm in der Fußgängerzone gehört. Als von dem 2013 die ersten Putzstücke abbrachen, habe man ihr bedeutet, dass auch der inzwischen stark lädierte Turm ihr Eigentum sei. Quasi über Nacht sei sie plötzlich dafür in der Verantwortung gewesen.

Doch die Kosten für eine Reparatur überstiegen ihre Möglichkeiten bei weitem, sagt sie. Zumal an der Mainzer Straße 34 auch das große Wandbild von Erich Enge „Sieg der Liebe über die Finsternis“ - ein auch oder gerade heute bedeutungsvolles Thema - erste Schäden zeige und ebenfalls reparaturbedürftig sei.

2018 hatten vier Studenten der Fachschule Gotha den Zustand des Turmes untersucht und darauf basierend eine Kostenschätzung errechnet. Die Summen, die dort aufgerufen wurden, schockierten die Eigentümerin. Die Reparatur würde demnach 110.434,88 Euro kosten, eine grundlegende Sanierung ganz und gar eine Viertelmillion. Ohne das Wandbild, wohlgemerkt. Seither: Funkstille.

Sicherheitsnetz um den unteren Teil des Turms gespannt

Bis Ende des vergangenen Jahres. Rund um den unteren Teil des Glockenturms hatte man plötzlich ein blaues Sicherungsnetz gespannt. Passiert da nun doch noch etwas?, fragten sich die Anwohner. Das habe Erfurts Bauamtsleiterin Pia Hemmelmann angeordnet, war von Wilfried Kulich, dem Ortsteilbürgermeister im Rieth, zu erfahren. Ute Kemmerich habe dann das Netz spannen lassen.

Bereits in der Ortsteilratssitzung vom 7. Oktober 2020 ist vermerkt, dass die Eigentümerin der Turmuhr erklärt, dass das Glockenspiel bereits erneuert worden sei und in Absprache mit der Denkmalbehörde eine Projektarbeit geplant habe, bei der eine Bepflanzung der zum Glockenturm gehörenden Brücke und Treppe erfolgen sowie das Geländer durch Studenten saniert werden solle. Zeitpunkt: März 2021. Zudem ist von einer Schenkung an die Stadt die Rede.

Stadt ist mit Stiftung im Gespräch

Sie werde 10.000 Euro investieren, um den Turm mit Brücke und Treppe zu sichern und absturzgefährdete Stellen auszubessern, sobald es das Wetter zulasse, sagt Ute Kemmerich. Damit wolle sie eine Gesamtsanierung mit vorbereiten, deren Umsetzung sie aber finanziell nicht realisieren könne. Dafür würde sie bei keiner Bank Geld bekommen. Mit der aus privaten Mitteln finanzierten Sicherungsaktion wolle sie ein Signal an die Stadt oder das Land senden, um ein „sozialistisches Haus“ als Wahrzeichen zu erhalten.

Die Geschäftsfrau bringt diese im Protokoll des Ortsteilrates vermerkte Schenkung oder Verkauf des gesamten Gebäudekomplexes an die Stadt ins Spiel. Auf eine solche Offerte vom 5. Mai 2017 ihrerseits habe im Rathaus bis heute niemand geantwortet. Das Angebot stehe aber immer noch. Greife die Stadt zu, könnte sie dann auch Fördermittel für das Wandbild beantragen, was ihr als Privatfrau verwehrt sei. Auch eine Stiftung sei denkbar.

Die Stadt sei beim Thema Glockenturm zu nichts verpflichtet, sagt Erfurts Kulturbeigeordneter Tobias Knoblich. Trotzdem habe man immer „ein Auge drauf“. Und man sei bereits mit der Wüstenrot-Stiftung, die sich schon mit 675.000 Euro für die Rückholung und Restaurierung des Josep Renau-Wandbildes am Moskauer Platz beteiligt hatte, im Gespräch. Sobald Reisetätigkeit wieder machbar sei, werde man sich dem Enge-Wandbild vor Ort widmen. Sollte das gesamt Gebäude an die Stadt gehen, müsse sich der Stadtrat über Nutzung und Perspektive verständigen. „Aus kulturpolitischer und baulicher Sicht hat die Stadt jedenfalls sehr großes Interesse an Erhaltung und Restaurierung des Gesamtensembles“, so Knoblich. Varianten und Szenarien dazu gebe es jedenfalls einige. Das lässt Hoffnung keimen.