Querdenker-Demo in Erfurt mit mehreren Wendungen

Erfurt.  120 „Querdenker“ protestieren in Erfurt gegen Masken, bis der Strom abgestellt wird. Ein Anwalt sagte ihnen anschließend die Meinung.

Polizisten überwachten auf dem Domplatz die Stromversorgung. Als der Stecker gezogen war, wurden sie von Demonstranten umringt.

Polizisten überwachten auf dem Domplatz die Stromversorgung. Als der Stecker gezogen war, wurden sie von Demonstranten umringt.

Foto: Holger Wetzel

Rund 120 Corona-Skeptiker und Maskengegner der Initiative „Querdenken“ haben am Samstagnachmittag gleich zweimal auf dem Erfurter Domplatz demonstriert. Polizei und Ordnungsamt beendeten die ursprüngliche Kundgebung eine dreiviertel Stunde nach Beginn, weil die Demonstranten gegen Auflagen verstoßen haben sollen.

15 Minuten später wurde die Veranstaltung mit einem neuen Anmelder fortgesetzt. Offiziell handelte es sich um eine „Spontanversammlung gegen die Auflösung der anderen Demo“, wie Bürgeramtsleiter Peter Neuhäuser erläuterte.

Mit einer 7-Tage-Inzidenz von 54,2 war Erfurt am Mittag als Corona-Risikogebiet eingestuft worden. Eine Folge davon war, dass der ursprüngliche Anmelder Arno Niederländer, ein sogenannter Systemumstürzer aus Erfurt, ausdrücklich die Auflagen etwa zu den Abstandsregeln verlesen musste. Sonst hätte die Kundgebung gar nicht beginnen dürfen.

Anmelder hetzt die Menge gegen das Bürgeramt auf

Später wetterte er gegen die Maskenpflicht und andere Corona-Schutzmaßnahmen. Vor allem legte er es aber darauf an, die Menge durch verbale, persönliche Angriffe auf Erfurts Bürgeramtsleiter und die Polizisten aufzuhetzen.

Mit dem Mikro in der Hand lief er schließlich auf die Behördenvertreter zu und provozierte sie wiederholt. Zahlreiche Demonstranten in aggressiver Stimmung folgten ihm und schrien Polizisten und Bürgeramts-Mitarbeitern Beleidigungen entgegen, wobei sie das zuvor nur teilweise beachtete Abstandsgebot gänzlich außer Acht ließen.

Menschentraube ohne Abstände bildet sich um die Stromversorgung

Neuhäuser ordnete daher wegen Verstößen gegen die Auflagen den Abbruch der Kundgebung an und ließ den Strom abstellen. Um den Standort der Stromversorgung, etwa 50 Meter abseits der kleinen Bühne, bildete sich eine Menschentraube aus wütenden Demonstranten, in der Abstandsgebote nun gar nicht mehr zählten.

Bevor die Situation weiter eskalieren konnte, genehmigte das Bürgeramt die Spontanversammlung, die von einem anderen Anmelder verantwortet wurde. Auflagenverstöße gegen die erste Demo sowie mögliche Straftaten würden aber geprüft, bestätigte Neuhäuser und schloss Konsequenzen nicht aus.

Die Demonstranten befolgten die Auflagen nun besser. Derweil nahmen die Reden, die mit ordentlichen Portionen von Verschwörungstheorien „gewürzt“ waren, weiter ihren Lauf und gipfelten in der Forderung nach dem „friedlichen Rücktritt“ von Stadt-, Landes- und Bundesregierung.

Die Veranstaltung nahm eine neue Wendung, als die selbst ernannten „Querdenker“ einem Anwalt aus Baden-Württemberg das Mikrofon überreichten, der vom Angebot des offenen Mikrofons Gebrauch machen wollte. Er trug einen Mund-Nase-Schutz und machte sich sogleich daran, den Corona-Skeptikern die Show zu stehlen.

Am offenen Mikro: „Sie sind Feinde unserer Demokratie“

Ulrich Mehler befand sich auf einer Anwalts-Tagung in Erfurt. Kurz vor der Rückreise besuchter er den Domplatz und stieß auf die Demo.

Er verteidigte das Tragen von Masken und warf seinen Vorrednern vor, „Unsinn“ geredet zu haben. „Sie sind Feinde unserer Demokratie“, sagte er unter den Buh-Rufen der Demonstranten.

Er selbst sei zwar „auch kein großer Freund von Frau Merkel“. „Aber sie ist nun mal demokratisch gewählt“, meinte er und fügte hinzu: „Ich muss jetzt zu meinem Zug.“

Auf dem Weg zum Bahnhof begründete er seinen Redebeitrag. Besonders habe es ihn geärgert, wie mit dem Begriff „Verräter“ in Bezug auf Politiker umgegangen worden sei. „Das ist Nazi-Jargon“, meinte Mehler. „Ich finde, dass man die Demokratie auch verteidigen muss.“ Allerdings respektiere er, dass die Veranstalter ihm die Möglichkeit zu reden eingeräumt hätten.