Starke Frauen: Gunda-Niemann-Stirnemann im Porträt

Gunda Niemann-Stirnemann will sich als Trainerin in einer Männerdomäne behaupten: "Ich vertraue auch meinen Erfahrungen als Sportlerin".

Gunda Niemann-Stirnemann ist fast täglich in der Eishalle. Sie ist ein stiller Star und sagt, dass sie sich vorstellen kann, später einmal als Bundestrainerin zu arbeiten. Foto: Marco Schmidt

Gunda Niemann-Stirnemann ist fast täglich in der Eishalle. Sie ist ein stiller Star und sagt, dass sie sich vorstellen kann, später einmal als Bundestrainerin zu arbeiten. Foto: Marco Schmidt

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Erfurt. Es ist genau eine Woche her: Felix Maly jubelt sich durch die Berliner Eislaufhalle. Der achtzehnjährige Erfurter Eisschnellläufer hat die Qualifikation für den Junioren-Weltcup geschafft, wurde bester Junior über die Langstrecken.

Seine Trainerin heißt Gunda Niemann-Stirnemann. Sie hätte gern bis zum Schluss mit ihm gejubelt. Wer, wenn nicht sie, kann diese Sekunden des Triumphes nachempfinden. Stattdessen sitzt sie in Erfurt auf dem Stuhl ihrer Zahnärztin - die Zahnschmerzen sind höllisch, eine Zahnwurzel ist kaputt.

Seit drei Jahren ist Gunda Niemann-Stirnemann Trainerin. Warum tut sie sich das an? Mehr Erfolg geht doch nicht, und im Hochleistungssport haben beim Training immer noch die Männer das Sagen. Da helfen auch die 19 WM-Titel, drei Olympiasiege, 126 (!) Bahnrekorde nicht. Nie wieder kann sie so erfolgreich sein. "Das wird sich zeigen. Vielleicht werde ich in einigen Jahren als Bundestrainerin arbeiten. Das traut sie sich zu? "Ja."

Mit Träumen über sich hinauswachsen

Es ist selten, dass eine Frau so klar sagt, was sie sich zutraut. Einer Gunda Niemann-Stirnemann nimmt man das ab. Sie kennt ihre Grenzen. "Sportler müssen träumen, dann wachsen sie über sich hinaus", sagt sie lächelnd.

Diese Frau, die so entspannt und freundlich im Klubraum des ESC sitzt, hat Format. Nicht der Titel wegen, auch wenn man an diese Titel denkt, sobald man ihr gegenübersitzt. Es gab Angebote für sie in Deutschland und Holland. Sie hat abgelehnt. Jetzt ist sie erst einmal für die DESG (Deutsche Eisschnelllauf Gemeinschaft) im Erfurter Stützpunkt Juniorentrainerin der jungen Männer. Und vielleicht trainiert sie im kommenden Jahr auch Mädchen. Über mehr mag sie noch nicht nachdenken.

Vorerst will Gunda Niemann-Stirnemann mit ihrer Familie in Erfurt bleiben. "Das Leben besteht schließlich nicht nur aus meinen eigenen Zielen", sagt sie. Über Jahrzehnte hinweg war sie ungefähr 300 Tage im Jahr in der Welt zu Hause. Trainingslager, Wettkämpfe, Höhenluft, Olympia, WM und EM, Weltcup. Das, was sie für den nächsten Titel brauchte, wurde ihr ermöglicht. Nicht nur von Manager und Ehemann Oliver Stirnemann. "Hinter meinen Erfolgen stand ein komplettes Team", sagt sie.

Jetzt, mit 46 Jahren, gehört sie zu denen, die selbst tagein, tagaus an der Bande stehen und jeden Schritt der Aktiven kritisch-ambitioniert begleiten. Dass das in Erfurt passiert, hat vor allem einen Grund: ihre Tochter Victoria. Die ist gerade zehn geworden und aufs Sportgymnasium gewechselt.

Sie trainiert - wen wundert es - Eisschnelllauf. Am liebsten würde sie gegen die Mutter antreten. Aber da muss sie schon noch ein bisschen trainieren. Victoria hat Talent, sagt Gunda Niemann-Stirnemann. Mutters Gene, man wird sehen. Es gibt in dieser Familie keinen Zwang zum Sporterfolg. Nicht für die Tochter. Schule geht vor.

Im Erfurter Eisschnelllauf sind die meisten Trainer Männer. "Um als Trainerin an die Weltspitze zu kommen, muss man deutlich mehr leisten als sie. Und ein dickes Fell aufbauen", sagt sie sehr ruhig. Und: "Ich brauche das Team". Sie sagt es so, dass man es ihr glauben kann. Ohne Starallüren, obwohl sie ein Star ist. "Bin ich nicht", entgegnet sie. Ist sie doch. Bis heute wird sie auf der Straße angesprochen, kommt Fanpost ins Haus. Dabei ist es inzwischen sieben Jahre her, dass sie zurückgetreten ist.

Aber sie ist ein stiller Star. Was soll es auch nützen, auf Vergangenes zu verweisen. "Das habe ich nicht nötig." So zu reagieren, ist vielleicht nicht typisch Frau. Aber typisch Gunda Niemann-Stirnemann.

Als Trainerin wird sie sich vielleicht so wie in den Neunzigern verhalten, als der Klappschlittschuh kam. Die Sportlerin trainierte heimlich damit, weil sie von der Neuerung überzeugt war. Die Kritik verstummte, als sie die Medaillen holte. Ohne Erfolg hätte sie vielleicht Ärger bekommen.

Nun, als Trainerin, vertraut sie ihrer Erfahrung, ihrem Können als Sportlerin. 20 Jahre Erfahrung im Hochleistungssport müssen auch etwas fürs Traineramt bringen. Es gibt keine Situation auf dem Eis, die sie als Sportlerin nicht erlebt hätte. "Auf diese Erfahrung vertraue ich", sagt sie. Sie wünscht sich in der nach ihr benannten Eishalle ("Ich freue mich immer noch über diese Ehre") wieder mehr internationale Spitze vom Schlag einer Stephanie Beckert.

Die ersten Erfolge geben ihrer Idee vom Training recht. Vier Junioren in der Altersklasse 18/19 gehören in ihre Gruppe, mindestens einer wird beim Junioren-Weltcup starten, vielleicht sind es nach dem kommenden Wochenende sogar zwei. Gunda Niemann-Stirnemann ist mit einem Aktiven und diesmal ohne Zahnschmerzen noch einmal in Berlin.

Solche Leistungen will sie als Argumente gegen Skepsis.

Gunda Niemann-Stirnemann als Schirmherrin

Am Montag, 19. November, tritt Gunda Niemann-Stirnemann als Schirmherrin des ambulanten Kinderhospizes der Malteser auf - vor Damen und Herren, die sich ein halbes Jahr als Familienbegleiter ausbilden lassen.