Von Erfurts U-Bahn und entführten Broten

Erfurt.  Neunzehn „dunkle“ Kapitel werden im neuen Buch von Ulrich Seidel aufgeschlagen.

Am Carillon im Bartholomäusturm am Erfurter Anger spielt Ulrich Seidel, er ist aber auch Stadtführer und Autor von diversen Büchern, die seine Heimatstadt Erfurt zum Thema haben.

Am Carillon im Bartholomäusturm am Erfurter Anger spielt Ulrich Seidel, er ist aber auch Stadtführer und Autor von diversen Büchern, die seine Heimatstadt Erfurt zum Thema haben.

Foto: Lydia Werner

Blumenstadt, Lutherstadt, thüringisches Rom – Erfurt hat viele bunte und stolze Seiten. Aber es gibt sie auch hier: dunkle Seiten. Insgesamt 19 Kapitel dazu hat der Autor Ulrich Seidel aufgeschlagen, schön und schaurig in seinem Buch „Dunkle Geschichten aus Erfurt“.

Wer eine Vorliebe für verlassene Orte, düstere Ecken und verborgene Schattenseiten hat, ist als Leser im aktuellen Seidel-Buch gut aufgehoben. Pest, Hinrichtungen, Erfurts Unterwelt – all das spielt auf den 80 Seiten des im Wartberg Verlag erschienenen Buches eine Rolle. Und in rund 1260 Jahren Stadtgeschichte ist allerhand passiert, was den gewagten Geschichten-Mix durchaus rechtfertigen kann. Wie Anfang des 16. Jahrhunderts der Erfurter Ratsherr Heinrich Keller seinen Tod fand, wird ebenso geschildert wie die Geschichte eines Grenzoffiziers, der vom Richter des Erfurter Bezirksgerichts zum Tode verurteilt wurde. Skurrile Kriminalfälle aus der jüngeren Vergangenheit behandelt der Autor ebenso mit eingehender Recherche und sachlicher Distanz wie tragische Eisenbahnunfälle. So widmet sich ein Kapitel der Entführung von Bernd das Brot und der Zerstörungswut, die Hein Blöd als weiterer Kika-Figur widerfahren ist, der schließlich kopflos auf der Gera ruderte.

Ein Ausflug in die Kanalisation

In die Tiefe geht es mit der Erfurter U-Bahn: Pläne dazu hat Seidel im Stadtarchiv gefunden und beschreibt das nie realisierte Projekt. Er hat auch im Abschlussbericht zum Amoklauf am Gutenberggymnasium recherchiert und dieser Tat ein Kapitel gewidmet.

Persönlich wird’s, als sich der Autor an einen Ausflug in die Kanalisation erinnert – als Zehnjähriger hatte er sich mit einem Freund dazu aufgemacht, um auch diesen Dingen auf den Grund zu gehen.

Seidel, der im Ehrenamt das Carillon im Bartholomäusturm betreut und spielt, hat die Draufsicht auf die dunklen Seiten gewagt – ein wenig zum Gruseln, meist zum Staunen, manchmal aber auch zum Schmunzeln. Seidel, Jahrgang 1961, kennt sich in der Stadt, die seine Geburtsstadt ist, bestens aus. Er arbeitet als freier Autor, Musiker und Stadtführer, so verwundert es nicht, dass von ihm schon zahlreiche Bücher über Erfurt erschienen sind.

Ulrich Seidel: Dunkle Geschichten aus Erfurt, Wartberg-Verlag, 80, Seiten, 12 Euro