Von Trabi-Touren und Mauerspechten

Erfurt  30 Jahre Freiheit Redakteure dieser Zeitung erinnern sich an ihre Erlebnisse rund um den 9. November 1989

Mit Axt und Hammer wurde im November 1989 auf die Mauer in Berlin eingeschlagen, umjubelt von den Umstehenden. Ein Stück Mauer nahmen sich viele als Erinnerung mit aus jenen Tagen.   

Mit Axt und Hammer wurde im November 1989 auf die Mauer in Berlin eingeschlagen, umjubelt von den Umstehenden. Ein Stück Mauer nahmen sich viele als Erinnerung mit aus jenen Tagen.   

Foto: Frank Karmeyer

Auf einmal ging es ganz schnell. Ein paar Worte auf einer Pressekonferenz und der über Jahrzehnte geschlossene Schlagbaum ging hoch und die Mauerspechte fingen an zu klopfen. Morgen ist es 30 Jahre her, dass die Mauer fiel. Heute, am Vortag ist es vielleicht der beste Moment, in Erinnerungen zu kramen. Schreiben Sie uns in ein paar Sätzen, wie Sie den aufwühlenden Tag der Maueröffnung oder den ersten Ritt über die Grenze in Erinnerung behalten haben! Hier – vielleicht als Anregung – schon ein paar Zeilen von unseren Redakteurinnen und Redakteuren. Der 9. November 1989 war ein Donnerstag. Und an diesem Wochentag standbei einem Großteil der Arnstädter Jugend die Disco im Klub der Völkerfreundschaft fest im Kalender.

Von der offenen Grenze hörte ich ein bisschen ungläubig und staunend, als der DJ, ich glaube, es war Hubertus Amm, eine Durchsage machte. Eigentlich ein Grund zum Feiern, aber ein gesundes Misstrauen war wohl nicht nur bei mir vorhanden. Der Keller leerte sich ungewöhnlich schnell, weil die meisten nach Hause strebten. Dort waren meine Eltern ebenfalls in heller Aufregung. Bewusst an die oft wiederholten Fernsehbilder erinnere ich mich aber erst vom Folgetag.

Morgens ging ich brav an meine Werkbank in der PGH Erfurter Schmuck in der Erfurter Straße in Arnstadt, wo ich mein zweites Lehrjahr absolvierte. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, allein und auf eigene Faust die tollen Nachrichten zu überprüfen. Zudem sollte Freitagabend eine Fete bei einem Kumpel steigen. Die Feier mit mehr als 20 Leuten war schnell in vollem Gange. Allerdings ohne den Gastgeber. Der hatte die neue Freiheit ausprobiert und kam erst in den Nachtstunden völlig euphorisiert dazu. Ich war damals Veranstaltungsleiter im Stadtgartenund hatte am 9. November 1989 Spätdienst. „Stelldichein zum Fröhlichsein“ hieß die Abendveranstaltung, für zu kurz Gekommene, die sich einmal monatllich trafen, um vielleicht noch irgendwie bei ihm oder ihr zu landen und das Lebensglück zu finden. Triste Veranstaltung, miese Musik, gedämpfte Stimmung. Um 19 Uhr ging’s los, alle Gästinnen und Gäste saßen mehr oder minder lethargisch herum, immer auf dem Sprung für ein erhofftes Schnäppchen auf dem Partnermarkt.

Gegen 19.45 Uhr kommt plötzlich die Gaststättenchefin Christina Hansmann aus dem Schankraum und erzählt irgendwas von „die Mauer ist offen“. Keine Reaktion. Nochmal, sie bekräftigt die Aussage, sie habe es gerade im Fernsehen mitbekommen. Ungläubige Blicke. Das Publikum, vielleicht 30 vom Leben auf dem Partnermarkt bislang Endplatzierte, beginnt unruhig zu werden. Es wird getuschelt, man schaut in erstaunte Gesichter, die zunehmend aufgehellter dreinblicken.

Dann wird Sekt gereicht und es scheint Gewissheit zu sein. Keinen hält es mehr im Stadtgarten. Der Saal leert sich schnell. Der Tag, an dem die Mauer fiel, ist weniger präsentin meinen Erinnerungen als die Zeit danach. Endlich konnte ich im roten Golf der Tante aus dem Westen mitfahren gen Hamburg. Es war, als würde ich eine Weltreise unternehmen – aber alles außerhalb der DDR war die große, weite Welt. In die fuhr ich ein paar Tage nach dem Mauerfall mit meinen Eltern, nach Schwalmstadt in Hessen, um das Begrüßungsgeld abzuholen.

Erst streikte der Trabi, dann mussten wir auch noch eine Mark bezahlen, um einen Einkaufswagen zu bekommen. „Ach, Sie sind wohl aus dem Osten“, meinte jene Frau, die uns nach unseren „Ja“ aber sogleich den Wagen überließ. Als sich dann noch die Türen des Supermarktes allein öffneten, waren wir gänzlich platt. Ein Kassettenrekorder und Süßes für den Weihnachtsteller waren die ersten Anschaffungen. 30 Jahre in der DDR, 30 Jahre im geeinten Deutschland. Für mich ist der 9. November eine denkwürdige „Halbzeit“.Irgendwie traf es mich wie der Blitz aus heiterem Himmel. Die Leute wurden über das Jahr frecher, lauter, die Kritik am System wurde immer öffentlicher – der Apparat hilfloser. Es wurde von diesen und jenen Gruppierungen in Erfurt gemunkelt. Über das Jahr konnte man es irgendwie spüren. Nach dem Sommer schien der Bann dann endgültig gebrochen. Die Partei-Austritte häuften sich, West-Kontakte wurden nicht mehr verschwiegen – die Nachrichten ermutigten dazu, mutiger zu sein.

1989 habe ich bereits für die TLZ „gejobbt“, die von den Redakteuren ungeliebten Abend-Termine abgedeckt – im KuFZ und im Stadtgarten. Den Termin am Donnerstag habe ich dann sausen lassen. Wir saßen wie hypnotisiert vor der Glotze und gierten nach jeder Meldung die dem „unverzüglich“ folgte. Meine Frau und ich konnten es nicht glauben... da haben sich die Genossen wieder etwas ausgedacht!

Erst Tage später sind wir mit dem Trabi gen Mainz getuckert. Es gab schließlich Begrüßungsgeld und es wäre unhöflich gewesen nicht zu kommen. Richtig glauben konnten wir es nach unserer Rückkehr noch nicht. Deshalb stand für uns fest: Jetzt alles mitnehmen, was geht. Wer weiß, wie lange es hält. Ich war zu Hause und habe Schabowskis Pressekonferenz live im Fernsehen gesehen. Wir konnten das noch gar nicht richtig einordnen und waren auch von den zahlreichen Beiträgen im Westfernsehen verblüfft.

Am Freitag hieß es dann, man dürfe nach Drüben reisen, wenn man ein Visum hat. Am Wiesenhügel wurde kurzfristig eine Außenstelle des Meldeamts aufgemacht, wo ich mich dann in die ellenlange Schlange eingereiht habe. Am Samstag wäre ja eigentlich Schule gewesen, aber anstatt Unterricht zu machen haben wir geschwänzt und sind als Klasse fast alle gemeinsam mit dem Zug nach Kassel gefahren. Da habe ich dann meinen Bruder getroffen, der schon im April über Ungarn in die Bundesrepublik gekommen war. Später habe ich mich wieder meiner Klasse angeschlossen. Wir haben in einer Jugendherberge übernachtet und sind am Sonntag wieder zurück nach Erfurt.. War es Marotte, dass ich mich schon in der DDR nie an lange Schlangen anstellte? Nicht mal nach Bananen? Als die Grenze auch am Morgen nach der Schabowski-Ansage offen blieb, sagte ich mir, nun kann’ste auch noch ein paar Tage warten. So ließ ich die Staus vor Eisenach abebben und startete mit dem Trabi (Bj.67), meiner Mutter und dem kleinen Bruder nach einer Woche zur Ausfahrt in den Westen.

Marburg, wo Verwandte wohnen, hieß das Ziel. Der Führerschein war am 22. September ausgestellt worden. Glatteis, Sommerreifen, Nebel – der Westen war ein großes Abenteuer angesichts meiner Fahrpraxis. Aber in Marburg winkten noch immer die Leute an der Straße.

Sie bekamen was für ihre Freundlichkeit geboten: So etwa die Show auf dem Parkplatz des Kaufhauses. Hier nudelte der Anlasser nach fünf Minuten nur noch kläglich vor sich hin. Zum Glück war der Platz gut abschüssig, so dass per „Anrollen-Zweiter-rein“ der Motor ansprang. Zum Glück hatte ich den VW Passat der Gastgeber bekommen, so dass mein Großcousin sich die Lacher einfing.

„Im Westen angekommen“ aber war ich erst im Plattenladen. Ein Keller mit langen Regalen und Plattenspielern zum Reinhören. Allein fünf Scheiben der von mir geliebten Band „The Fall“. Am liebsten hätte ich mich hinter die Ladentheke geworfen und wäre geblieben. Statt dessen zog mich der Großcousin in einen Heavy-Metal-Kneipe, in der ich ehrfürchtig ein sündhaft teures Bier trank. Drei Bands an einem Abend traten im örtlichen „Begegnungszentrum“ auf, bei einer saß ich am Schlagzeug in meiner ostwestfälischen Heimatstadt. Zum Bier nach dem Auftritt platzten verspätet Freundin und Freunde mit der Nachricht herein: Die Mauer ist weg! Los, wir fahren nach Berlin, hieß es schnell, da wird heute Geschichte geschrieben.

Schnell ein paar Sachen zusammengepackt und los ging’s. Zunächst flott, dann meterweise – auf der Transitautobahn zwischen Helmstedt und Berlin war ein einziger Stau. Erstes Ziel im Morgengrauen: das Brandenburger Tor. Auf der Mauer davor tanzten inzwischen die Menschen nicht mehr, hier standen DDR-Grenzsoldaten. Und um die Situation nicht eskalieren zu lassen, fuhren westdeutsche Polizisten ihre Autos direkt vor der Mauer auf.

Doch es gab sie natürlich: Stellen wo mit Spitzhacken auf die im Westen mit Graffiti verzierte Mauer eingeschlagen wurde. Jeder wollte ein buntes Stück haben davon und wurde bejubelt von den Umstehenden, wenn ein weiteres Stück herausbrach. Meins ist bei irgendeinem Umzug verloren gegangen. Die Erinnerung aber bleibt.

Wie haben Sie den 9.November erlebt oder das erste Mal West-Luft geschnuppert? Schreiben Sie uns heute kurz Ihre Erlebnisse und schicken Sie wenn möglich ein Bild für eine Seite in der morgigen Lokalausgabe an: erfurt@thueringer-allgemeine.de

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