Vorfahrt beachten über den Dächern von Erfurt

Anja Derowski
| Lesedauer: 3 Minuten
Polizeiobermeister Benjamin Triebel beobachtet bei der Prüfungsfahrt genau und registriert in einer Tabelle, welche Fehler gemacht wurden.

Polizeiobermeister Benjamin Triebel beobachtet bei der Prüfungsfahrt genau und registriert in einer Tabelle, welche Fehler gemacht wurden.

Foto: Marco Schmidt

Erfurt.  Im Verkehrsgarten auf dem Petersberg findet wieder die Raderziehung durch die Polizei statt – nach zwei Jahren Corona-Zwangspause

Schulterblick, Arm raushalten, abbiegen. Ganz schön viel auf einmal. Da kommt so manches Kind durcheinander hier im Verkehrsgarten auf dem Petersberg. Zwei Jahre lag er brach, durfte aufgrund der Corona-Pandemie nicht genutzt werden. Doch nun findet die Verkehrserziehung wieder statt. Endlich, meinen alle einstimmig

Pandemie hat Fahrradpass-Prüfung zwei Jahre lang verhindert

Während 13 Schüler der vierten Klasse ihre Runde drehen, werden sie von Polizeihauptkommissar Krackler und Polizeiobermeister Benjamin Triebel genau beobachtet. Letztgenannter hält einen Bogen in der Hand, auf dem er in einer Tabelle notiert, welches Kind wo Fehler macht. Und weil das mit Namen immer so eine Sache ist, tragen alle Kinder Westen mit einer Nummer.

PHK Krackler, wie er von allen gerufen wird, erzählt von seinen Beobachtungen. „Wir merken die Folgen der Pandemie sehr deutlich. Viele Kinder hängen in der motorischen Entwicklung stark hinterher. Es gibt Kinder, die können in der vierten Klasse kein Rad fahren.“

Auch die begleitende Lehrerin bestätigt, dass man sehr froh sei, dass die Ausbildung wieder stattfinden kann. „Die Kollegen haben im vergangenen Jahr auf dem Schulhof einen Parcours aufgebaut, damit die Kinder überhaupt mit Verkehrsregeln und dem Radfahren im Straßenverkehr vertraut gemacht werden können“, sagt Isabel Sturm. „Not macht erfinderisch.“

Fest steht: Die vierten Klassen in den Jahren 2020 und 2021 haben keinen offiziellen Fahrradpass von der Polizei. „Das können wir auch nicht nachholen“, sagt PHK Krackler. Die Personaldecke ist dünn, sechs Beamte stehen für die Verkehrserziehung zur Verfügung, zu der nicht nur die Radfahr- sondern auch die Fußängerausbildung (erste Klasse) gehört. Den sechs Beamten gegenüber stehen 44 Grundschulen, macht je rund 2000 Kinder der ersten und vierten Klassen.

Fünf Übungseinheiten mit je zwei Stunden umfasst die Radfahrausbildung, manche finden in der Schule statt, aber Übungs- und Prüfungsfahrten ausschließlich im Verkehrsgarten auf dem Petersberg. Hier gibt es Kreuzungen, Einbahnstraßen, Schilder – so wie draußen im echten Verkehr, nur eben gedrängter auf engerem Raum. Und es gibt Ablenkung – auch wie im wahren Leben. Ein Hase hoppelt fröhlich über die Wiese zwischen den Radwegen, bleibt immer wieder kurz sitzen und schaut neugierig. Hier nun die Aufmerksamkeit auf der Straße zu belassen, fällt manchem sichtlich Kind schwer.

Überhaupt sind die Unterschiede in der Sicherheit der Schüler deutlich sichtbar, auch für Nicht-Polizisten. Letztlich zählen die Fehlerpunkte und der Gesamteindruck über das Ausstellen des Fahrradpasses. Dieser ist nicht mitführpflichtig, doch für die Kinder bedeutet er viel. Einige erhalten ihn versehen mit einem Stempel, so dass die Eltern noch ein Jahr mit dem Kind gemeinsam fahren sollten, bevor es allein in den Straßenverkehr darf.

Einige erhalten an diesem Donnerstag den Pass nicht, die Enttäuschung ist ihnen anzusehen. Doch Sicherheit geht vor. Zudem gibt es einen Nachprüftermin, um es ein zweites Mal zu versuchen.

Für diese vierte Klasse ist die Radfahrausbildung nun beendet, bis zum Sommer haben PHK Krackler und sein Team noch hunderte Schüler unter ihren Fittichen.