„Was zählt, ist der Meinungsaustausch“ - Philosophische Forschung in Erfurt

Erfurt  In einer Fachtagung erforschten Wissenschaftler und Professoren in Erfurt den Begriff „Horizont“ und seine Verwendung.

Bärbel Frischmann ist Philosophieprofessorin an der Uni Erfurt. Foto: Florian Dobenecker

Bärbel Frischmann ist Philosophieprofessorin an der Uni Erfurt. Foto: Florian Dobenecker

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Mitte November trafen sich Wissenschaftler und Professoren aus ganz Deutschland in der Thüringer Landeshauptstadt, um – im wahrsten Sinne des Wortes – ihren Horizont zu erweitern. Die Philosophische Fakultät der Universität Erfurt hatte zur interdisziplinären Fachtagung unter der Überschrift „Über den Horizont“ geladen und zahlreiche Akademiker aus den verschiedensten Wissenschaften folgten dem Ruf.

Initiiert hat die Veranstaltung Bärbel Frischmann, die den Lehrstuhl für Geschichte der Philosophie an der Uni Erfurt innehat. Gemeinsam mit Christian Holtorf, Professor am Wissenschafts- und Kulturzentrum der Hochschule Coburg, und gefördert durch die Andrea-von-Braun-Stiftung, der Erfurter Herbstlese und der Stadt Erfurt, sollte geklärt werden, was der Begriff „Horizont“ eigentlich bedeutet.

Was heißt es, einen „Horizont“ zu haben? Worin besteht er? Kann man über den eigenen „Horizont“ schauen? Lässt er sich erweitern oder sogar überschreiten? „Bei der wissenschaftlichen Tagung wollten wir den Begriff mit Inhalt füllen. Deshalb diskutierten wir unter anderem mit Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaftlern sowie Anthropologen“, erklärt Frischmann, die bei der Organisation auf ein buntes Spektrum an Beiträgen achtete.

Unter den insgesamt 15 Vorträgen fanden sich Themen wie „Sinn und die Grenzen des Verstehens“, „Jenseits der Horizonte. Grenzen und Grenzüberschreitung aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive“ und „Außergewöhnliche Erfahrungen – epistemische Grenzen in der Psychologie?“

„Der Begriff ‚Horizont‘ wird in unterschiedlichen Disziplinen unterschiedlich verwendet. Bei der Tagung ging es deshalb auch darum, ob es eine einheitliche Verwendung geben kann“, erläutert die Philosophieprofessorin. „In meinem Vortrag mit der Überschrift ‚Horizont und Identität‘ legte ich verschiedene philosophische Positionen dar.“

Theorien stammen von alten Philosophen

Laut Frischmann beziehen sich die Menschen noch heute auf Theorien, die auf Philosophen wie Aristoteles, Immanuel Kant und Edmund Husserl zurückgehen. So würde man zwar zunächst den Begriff „Horizont“ an die einfache geografische Frage binden: Wie weit kann ich sehen? „Husserl wiederum bezieht sich auf ganz andere Wahrnehmungshorizonte – unser Fühlen, Glauben, Wissen und Wollen haben bei ihm einen spezifischen Horizont. Auch in der Bildungstheorie hat der Begriff ‚Horizont‘ eine wichtige Funktion. Dort beschreibt er beispielsweise verschiedene Stufen der Bildung. So hat ein Kind einen ganz anderen Horizont als ein Erwachsener.“

Laut Bärbel Frischmann bezieht sich der Begriff demnach häufig auf das, was wir in der Welt wahrnehmen oder verstehen können. „Die Philosophie hat dabei einen viel allgemeineren Ansatz als die Bildungsforschung. Aber auch in spezifischen Forschungsfragen spielt der Horizont eine wichtige Rolle. Niko Kohls brachte einen interessanten Beitrag zum Thema Wahrnehmungen, die nicht naturwissenschaftlich geklärt werden können.“ Dabei ging es laut Frischmann um solche Phänomene wie Nahtod- oder Glaubenserfahrungen, die unseren Wissenshorizont übersteigen.

Als ganz besondere Beiträge stellte die Professorin auch die Lesung der Schriftstellerin Felicitas Hoppe, die in Kooperation mit der Erfurter Herbstlese im Rathaus stattfand, und eine Diskussionsrunde in der Galerie Rothamel mit dem Fotografen Hans-Christian Schink heraus, der ganz eigene Interpretationsansätze des Begriffes gab.

In einer abschließenden Diskussionsrunde zeigte sich, dass Begriffsarbeit wichtig ist, denn so die Erfurter Philosophin: „Der Horizont-Begriff ist kein fester Begriff. Deshalb konnten wir uns im Endeffekt auch nicht auf eine einzige Theorie einigen. Egal, in welcher Disziplin die Menschen forschen, was zählt, ist der Meinungsaustausch, den eigenen Horizont offen lassen“, sagt sie weiter.

„Die Tagung soll für die wissenschaftliche Verwendung des Begriffes sensibilisieren. Sie soll zeigen, wie Begriffe unsere Theorien strukturieren. Weil wir die Worte selbst mit Inhalt füllen, zeigt sich, dass die reflektierte Verwendung in den Wissenschaften besonders wichtig ist“, so Frischmann.

In den kommenden Wochen wird die Philosophin mit der Niederschrift der Ergebnisse beschäftigt sein. Das Forschungsresultat soll für die Andrea-von- Braun-Stiftung in einem Abschlussbericht zusammengefasst werden, der dann hoffentlich die Horizonte von vielen weiteren Wissenschaftlern, Akademikern, Philosophen und vielleicht auch zahlreichen anderen Menschen erweitert.